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Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945 — Kapitel 1: Marinehelferin in Kiel 1941 bis 1944

Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945

Prolog:

Meine Mutter, geboren 1924 in Offenbach am Main, verstorben 1992 auf Gran Canaria, ihrer geliebten Wahlheimat, hat ihr ganzes bewegtes Leben in einer Kladde aufgeschrieben. Sie hatte vor, die Biografie lektorieren und veröffentlichen zu lassen. Leider ist es durch ihren viel zu frühen Tod nicht dazu gekommen.

Aus diesem Grunde bin ich mir sicher, dass sie damit einverstanden wäre, wenn ich jetzt Auszüge aus dieser Kladde in der Erinnerungswerkstatt Norderstedt veröffentliche. Ich beschränke mich hier auf die Erinnerungen der Jahre 1941 bis 1945, die einen großen Einblick in die damalige Zeit geben. Die Abschrift ist so, wie sie es aufgeschrieben hat, ohne Recherche über die einzelnen Details und ohne Änderung der Sprache auf die heutige politische Korrektheit. Ich habe nur allzu private Details weggelassen.

Margot Bintig, März 2016

Meine Mutter wurde mit 8 Jahren Vollwaise und lebte bei ihrer Großmutter, mit der sie kein gutes Verhältnis hatte. Nach Beendigung ihrer Lehre musste sie mit 17 Jahren zu Hause ausziehen und war von nun an mittellos und auf sich selbst gestellt. Sie hatte einen amtlichen Vormund, der sich aber so gut wie nicht um sie kümmerte. Man schrieb das Jahr 1941:

Kapitel 1: Marinehelferin in Kiel 1941 bis 1944

Ich hatte sowieso vor, nach Beendigung meiner kaufmännischen Lehre mir eine neue Arbeit zu suchen. Alle meine Kolleginnen die ausgelernt hatten, wurden in Munitionsfabriken gesteckt oder sie gingen freiwillig zur Wehrmacht.

Man sah damals Frauen mit farbigen Haaren herumlaufen, die sie sich in den chemischen Fabriken zugezogen hatten. So eine Arbeit war nun wirklich nicht das was ich wollte.

So kam es mir vor wie vom Himmel, dass ich ein Plakat an einer Litfaßsäule las: Die deutsche Kriegsmarine suchte für Büroarbeiten Mädchen in meinem Alter und älter. Dafür sollten Soldaten, die bisher diese Arbeit taten, frei werden für die Front. Ich meldete mich daraufhin freiwillig zur Kriegsmarine. Ein paar Wochen später bekam ich einen Gestellungsbefehl, mich an einem bestimmten Tag in einer Kaserne in Kiel zu melden. Ich war sehr froh und dankte Gott. Ich würde nun ein Dach über dem Kopf haben, Kleidung, ein Bett und mein Essen.

Als der Tag meiner Abreise kam, packte ich meine paar Sachen in einen Koffer und fuhr nach Kiel. Bei meiner Ankunft am Bahnhof war ich überwältigt. So viele Matrosen hatte ich noch nie gesehen. Es wimmelte von blauen Uniformen und ich stand ganz verloren auf dem Bahnhofsvorplatz. Ab und zu kam eine Straßenbahn, aber die Matrosen hingen wie Trauben auf den Trittbrettern. Ich stand da mit meinem Koffer und wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Ein junger Matrose, der mich beobachtete sprach mich an, verschaffte mir einen Platz in der Straßenbahn und brachte mich zur Kaserne. Dort angekommen wurde ich sofort zur Unterkunft für Marinehelferinnen geschickt. Es war eine ehemalige Schule. Hier gab es eine Führerin, die mich sofort anschrie, weil ich meine polizeiliche Abmeldung aus meinem Heimatort nicht dabei hatte. Sie meinte, sie könne mich ohne die Bescheinigung nicht anmelden und bekäme auch keine Lebensmittelkarten für mich. Woher hätte ich denn das wissen sollen? Aber irgendwie klappe es dann doch.

In der ehemaligen Schule wurde jedes Klassenzimmer zur Stube umfunktioniert. Es war sehr eng, die Betten waren dreistöckig. Jedes Mädchen hatte einen kleinen Spind. Es gab einen großen Tisch und für jede einen Stuhl. Das war das ganze Mobiliar. In dieser Schule waren ungefähr 500 Helferinnen untergebracht, die aus allen Teilen Deutschlands kamen. Aus meiner Heimat war keine dabei.
Für unsere Belange gab es einen älteren Korvettenkapitän, an den wir uns wenden sollten, wenn wir Probleme hätten.

Am nächsten Tag meldete ich mich wieder in meiner Kaserne und bekam meinen Arbeitsplatz zugewiesen. Es war das Personalbüro für die U-Boot-Besatzungen. Es war reine Büroarbeit und um fünf Uhr war Feierabend. Den Abend hatten wir zur freien Verfügung. Die Kaserne lag im militärischen Stadtgebiet, das einen großen Teil der Stadt einschloss und wie ich meinte, dem Schönsten. Es war schön, mit dem Dampfer über die Förde zu fahren und die vielen Schiffe zu sehen. Morgens konnte ich auf dem Weg zur Arbeit die Flaggenparaden beobachten.

Weil ich meine Arbeit, wie man mir sagte, gut machte, durfte ich auch schon bald Eintragungen in die Stammrolle machen. Das waren die persönlichen Akten der Soldaten, in die alle Eintragungen, die sich im Laufe der Dienstzeit ergaben, wie Beförderungen, Eheschließungen, Auszeichnungen oder auch Strafen und Degradierungen gemacht wurden.

Nach vier Wochen wurden wir alle zusammengerufen und es sprach der Admiral westliche Ostsee, unser höchster Vorgesetzter. Wir wurden vereidigt, strengstes Stillschweigen über unsere militärischen Geheimnisse zu wahren. Er sagte uns auch, dass wir, wenn wir glaubten, an anderer Stelle mehr leisten zu können, ein schriftliches Gesuch auf Versetzung einreichen können.

Ich konnte gut zeichnen und so dachte ich, dass ich vielleicht auf die Werft kommen könnte, um technische Zeichnerin zu werden. Ich reichte ein Gesuch ein, aber ich bekam eine Absage, da leider im Moment nichts frei sei. Aber wenn ich gerne zeichnen würde, könne ich zum Luftschutzoffizier nach Kiel kommen, der dringend eine Zeichnerin suchte.

Ich ließ mich in die Abteilung versetzen. Mein Vorgesetzter war ein Korvettenkapitän, dem noch mehrere Luftwaffenhelferinnen unterstanden, die alle aus Kiel kamen. Er fragte mich, ob ich mir zutrauen würde, Karten von einem kleinen in einen viel größeren Maßstab zu übertragen. Ich sagte, ich würde es gerne versuchen.

Ich bekam ein eigenes Büro und musste wegen der Geheimhaltung den ganzen Tag unter Verschluss sein. Die Karten beinhalteten ganz Kiel und ganz besonders den militärischen Bereich. Alles was wichtig war in dieser Stadt: Alle Bunker für Zivil und Militär, alle Torpedobunker, in die während der Nacht die scharfen Torpedos eingefahren wurden. Die Karten wurden in der Luftschutzbefehlsstelle gebraucht. Diese Befehlsstelle befand sich in einem Bunker, wohin sämtliche Befehlshaber bei Fliegeralarm kamen. Die Luftwaffenhelferinnen saßen in kleinen Nischen am Telefon. Sie nahmen Anfragen und Hilferufe aus der bedrohten Stadt entgegen und gaben sie an die Offiziere weiter, die am Kartentisch ihre Anordnungen trafen.

Meine Tätigkeit als Kartenzeichnerin war keine Dauerbeschäftigung und es gab Leerlauf. Ich wurde deshalb auch nachts in der Luftschutzbefehlstelle beschäftigt und bei Tage in der angeschlossenen großen Telefonzentrale. Das war eine sehr interessante Tätigkeit, aber sie hatte einen Haken: Die Arbeitszeit war Schichtarbeit und ging rund um die Uhr. Die Kielerinnen gingen in der Freizeit nach Hause, nur ich musste in die Unterkunft. Nach der Schichtarbeit traf ich oft keinen Menschen an und das Essen war immer kalt. Es war zwar schön, im Sommer schon um 14 Uhr frei zu haben und mit dem Dampfer nach Laboe zum Schwimmen zu fahren, aber ich verlor alle meine Freundinnen und mit den Kielerinnen konnte ich nicht warm werden, es war eine Clique für sich. So ging ich wieder zu unserem Offizier und erzählte ihm von meinem Kummer.

Es dauerte nicht lange und ich wurde wieder versetzt in eine normale Kompanieschreibstube und tat wieder normalen Dienst. Eines Mittags, auf dem Wege zum Einkaufen, war ich gezwungen, mich in einem Hausflur unterzustellen. Ich war nicht allein, denn da stand bereits ein Signal-Maat. Wir schimpften beide über das Wetter und so war der Kontakt schnell hergestellt. Wir gingen zusammen einen Kaffee trinken. Werner, so hieß der junge Mann, sah gut aus, er war groß, blond und hatte blaue Augen. Er war nur vorübergehend mit seinem Schiff in Kiel und lud mich daher gleich für den nächsten Tag ein, ihn wieder zu treffen. (Anmerkung: Nun kommt mein zukünftiger Vater ins Spiel.)
Ich war dabei, als sein Schiff wieder auslief. Es war ein S-Boot-Begleitschiff. Dieses Schiff beherbergte die Mannschaft und die Ausrüstung sowie die Torpedos für die Schnellboote. Es begleitete die Schnellboote auf der Feindfahrt.

In meiner neuen Dienststelle war ich noch mit einem anderen Mädchen in einer Schreibstube beschäftigt. Wir arbeiteten die Dienstpläne aus. Es war ein ruhiges und gleichmäßiges Leben. Ich erinnere mich, dass ich in dieser Dienststelle meinen 18. Geburtstag feierte. Mein Freund Werner war inzwischen zu Lehrgängen in Kopenhagen gewesen und sollte nun zur Nachrichtenschule nach Waren-Müritz in Mecklenburg. Unser Verhältnis war nun soweit gediehen, dass von Heirat gesprochen wurde. Ich erinnere mich noch an die Worte meines Vormundes, der mir riet: Wenn ich einen braven Mann kennenlernen würde, sollte ich ihn heiraten, das wäre das Beste für mich.

Nachdem Werner nun nach Waren-Müritz versetzt wurde, wollten wir auch bald heiraten. Es war die einzige Möglichkeit, um ebenfalls dorthin versetzt zu werden.
Ich wurde nun zum Sportoffizier in Kiel versetzt. Mein Chef war ein ehemaliger Sportlehrer, nun ein Oberleutnant. Er war ein feiner Mensch mit Manieren und nicht so ein grober Klotz wie unser Spieß in der Kompanie. Ich hatte hier sehr viel zu tun. Es wurde trotz des Krieges sehr viel Sport getrieben. Wir arrangierten Fußballspiele in ganz Deutschland. Auch hatten wir bei der Marine eine sehr gute Boxstaffel. Wir gaben für die Sportler Geräte und Kleidungsstücke aus. In Kiel war eine große Trainingshalle, dort wurden auch Boxkämpfe ausgetragen. Manchmal fiel auch ein wichtiger Kampf im Schwergewicht aus, denn dann wurden wieder mal alle starken Männer zum Führerschutz nach Berlin kommandiert. Mein neuer Chef, der alles andere als ein harter Soldat war, wurde einmal zu einem Kommando, wie ich glaube, missbraucht. Er musste als Offizier ein Erschießungskommando befehligen. Es handelte sich um fünf junge Matrosen, die den Zapfenstreich versäumten und sich dann aus Angst tagelang versteckt hielten. Sie wurden gesucht, verurteilt und sofort erschossen. Mein Chef erzählte, es wären ja fast noch Kinder gewesen, sie hätten geweint und nach der Mutter geschrien. Mein Chef war noch tagelang völlig erledigt, aber es gab ja für einen Soldaten keine Möglichkeit, einen Befehl zu verweigern.

Meine Arbeit beim Sportoffizier dauerte auch nicht mehr lange. Nun kam ich zum obersten Gerichtsherr, dem Admiral westliche Ostsee. Das Büro war in der Kommandantur. Wir waren mehrere Mädchen, Mein Schreibtisch stand am Fenster und von dort sah ich direkt in den Hof des Marine-Untersuchungsgefängnisses.
In unsere Dienststelle kamen alle Gerichtsakten, die an den Admiral westliche Ostsee zur Einsicht und Unterschrift weitergeleitet wurden. Unser Chef hatte die Befugnis, alle Urteile, außer Todesurteile höherer Offiziere unterzeichnen und vollstrecken zu lassen. Die Todesurteile für Offiziere gingen erst nach Berlin ins Hauptquartier, wurden von Hitler selbst unterschrieben und kamen dann an uns zur Vollstreckung zurück. Obwohl es uns verboten war, in den Akten zu lesen, taten wir es doch. Es war natürlich ganz grauslich aber auch unheimlich interessant. Manchmal behielten wir die Akten tagelang in der Schublade, bis wir sie ganz gelesen hatten.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich mit solchen schrecklichen Dingen konfrontiert. Morgens sah ich im Gefängnishof die Gefangenen ihre Runden drehen. Die Mannschaften liefen im Kreise, sie trugen Drillichzeug und durften nicht sprechen. Die Offiziere kamen separat. Auch sie hatten Drillichzeug, aber sie hatten Achselklappen dran, außerdem trugen sie ihre Mützen, woran der Rang zu erkennen war. Sie trugen auch ihre Orden, wobei ich sehr hohe Orden erkennen konnte. Ritterkreuze waren auch dabei, die um den Hals am Bande getragen wurden. Sie durften auch miteinander reden und gingen zu zweien oder dreien hin und her. Ich fragte mich, was die zumeist jungen Männer wohl verbrochen hatten.
Eine Todesstrafe mit Vollstreckung habe ich damals in Kiel erlebt. Es handelte sich um einen Stabsgefreiten aus einem unserer Büros. Er erschlug in einem Wutanfall seine kleine Stieftochter, weil sie nicht Vater zu ihm sagen wollte.

Wir kannten alle den Täter als einen netten und lustigen Mann und konnten kaum glauben, dass er zu einer solchen Tat fähig war. Nachdem er im Gefängnis saß und das Todesurteil sicher war, kam täglich ein Schreiben von ihm über unseren Schreibtisch. Die Post aus dem Gefängnis kam ohne Umschlag. Immer wieder bat er um Gnade. Unser unmittelbarer Vorgesetzter gab das nicht weiter, sondern die Briefe landeten immer im Papierkorb.

Täglich wurde dieser Mann mit zwei Mann mit Gewehren in sein ehemaliges Büro gebracht, um seinen Nachfolger anzulernen. Wir fanden das sehr makaber. Einer von unserem Büropersonal regte an, dass wir ein Gnadengesuch schreiben sollten. Mit unser aller Unterschrift könnte es vielleicht Erfolg haben. Einen Tag später, nachdem unser Gesuch abgegeben wurde, wurden wir alle zusammengerufen. Es gab ein großes Donnerwetter. Unser Gesuch wurde als Sabotage gewertet. Wir waren froh, dass wir nicht alle eingesperrt wurden.

Am Tag darauf wurde um fünf Uhr morgens das Urteil vollstreckt und der Mann in einem Torpedobunker erhängt.

Wir schreiben jetzt das Jahr 1944