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Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945 — Kapitel 2: Hochzeit in Waren/Müritz, Mecklenburg

Erinnerungen einer Marinehelferin 1941 bis 1945

Kapitel 2: Hochzeit in Waren/Müritz, Mecklenburg

Nachdem wir alle Papiere zusammen hatten, bekamen Werner und ich die Erlaubnis zur Heirat. Es war gar nicht so einfach gewesen, diese Erlaubnis zu erhalten. Da mein Mann Offiziersanwärter war, wurden große Anforderungen an meine Papiere gestellt. Vor allem an den AhnenpassAhnenpaßDer Ahnenpaß wurde seit 1933 vom Reichsverband der Standesbeamten Deutschlands herausgegeben; er diente dem Nachweis der arischen Abstammung seiner Inhaber. Dem Ahnenpaß lag die Vorstellung der Zugehörigkeit zu einem Volk qua Genealogie statt aufgrund von kulturellen Merkmalen zugrunde. Seine Erfinder imaginierten ein deutsches Volk als Blutsgemeinschaft und als Kollektiv von Menschen mit angeborenen gemeinsamen Persönlichkeitsmerkmalen. Um innerhalb der Bevölkerung nach rassistischen Kriterien die Angehörigen der deutschen Volksgemeinschaft von den rassisch unerwünschten Minderheiten wie Juden, Roma und Sinti trennen und die einen privilegieren und die anderen aussondern zu können, bedurfte es administrativer Instrumente. Ein solches Instrument war der Ahnenpaß.Siehe Wikipedia.org, den ich lückenlos erbringen konnte, aber mit dem Gesundheitszeugnis war es problematischer. Meine Mutter war an Tuberkulose gestorben und deshalb musste ich einige Untersuchungen über mich ergehen lassen. Aber nun war es soweit. Die Hochzeit sollte in meiner Heimatstadt sein, die Werner noch nicht kannte, denn er kam aus dem Ruhrgebiet. Wir bekamen drei Tage Urlaub und sollten in dieser Zeit bei meiner Tante Auguste wohnen. Schon in der ersten Nacht, der Hochzeitsnacht, mussten wir in den Luftschutzkeller. Es war ein sehr schlimmer Angriff und meine Tante Marie wurde total ausgebombt. Sie kam noch in dieser Nacht mit ihrer kleinen Tochter zu ihrer Schwester Auguste. Es war der erste Luftangriff, den Werner erlebte. Er war ganz entsetzt darüber, was die Zivilbevölkerung ertragen musste. Er erzählte von Waren/Müritz und wie ruhig es dort wäre. Meine Tante Marie weinte und bat uns, sie mitzunehmen. Da ich nun auch nach Waren/Müritz versetzt war, sagten wir zu und nahmen die Tante und das Kind, die ja nun kein Obdach mehr hatten, einfach mit.

Werner und ich mussten vorerst im Lager getrennt wohnen. Für die Tante fanden wir ein Privatzimmer, und zwar dasselbe, das ich immer benutzt hatte, wenn ich Werner besuchte. Wir meldeten die Tante an und beantragten für sie ein Behelfsheim, auf das sie Anspruch hatte, weil sie total ausgebombt war. Zu dieser Zeit entstand eine ganze Kolonie kleiner Holzhäuschen in Waren Müritz. Sie wurden errichtet für Familien, die vom Westwall evakuiert wurden. Das ganze Gebiet entlang des Westwalls wurde für militärische Zwecke geräumt. Die Häuschen waren wirklich klein, aber da die Familien nur aus Frauen und Kindern bestanden, hat es gereicht. Meine Tante fühlte sich hier aber nicht wohl. Sie fand keinen Anschluss und Werner und ich waren den ganzen Tag auf der Arbeit. Kurz entschlossen fuhr sie mit ihrem Kind nach Oberhessen, wo Verwandte ihres Mannes lebten.

So bezogen Werner und ich das kleine Behelfsheim und konnten nun zum ersten Mal ein Familienleben führen. Ich arbeitete in einer großen Telefonzentrale und Werner als Ausbilder in der Marine-Nachrichten-Schule. Es war eine gute Zeit für uns und von den Russen merkte man nicht viel. Unser Zusammensein dauerte leider nur kurze Zeit, denn es kam die Invasion und der Totale Krieg erreichte auch uns. Es kam der Aufruf Alle Männer an die Front. Unsere Nachrichtenschule wurde bis auf die Telefonzentrale aufgelöst und Werner kam nach Hamburg. Er sollte auf ein Kaperschiff, das zu der Zeit noch auf der Werft überholt wurde. Dieses Schiff wurde aus Amsterdam gekapert und nach Hamburg geschleppt, wo es fertig gestellt und in Betrieb genommen werden sollte. Dies wusste ich alles durch meine Tätigkeit beim Nachrichtendienst. Auf diesem Wege erfuhr ich auch, dass das Schiff in der Nacht vor dem Auslaufen im Hamburger Hafen ausgebombt wurde und mein Mann mit anderen Soldaten, die auch keine Schiffe mehr hatten, in ein Auffanglager nach Bremen verlegt worden war.

Ich selbst war nun in Waren/Müritz ganz allein. Ich überlegte, ob es eine Möglichkeit gäbe, dass ich noch eine Person zu mir ins Behelfsheim nehmen könnte. Es war die Zeit, als die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen mit ihren Pferdegespannen unser Städtchen passierten und in Schulen und Sälen untergebracht wurden. Eine junge Frau mit einem Kleinkind zog bei mir ein. Sie war auf der Flucht von ihren Schwiegereltern und ihrem zweiten Kind getrennt worden. Eines Tages erfuhr sie im Rathaus, dass ihre Schwiegereltern mit ihrem Kind vorübergehend in der Stadt waren. Sie freute sich riesig und zog mit ihrer nun vereinten Familie weiter westwärts und ich war wieder allein.
Eines Tages fragte mich unser Feldwebel, ob ich bereit sei, für drei Tage die Frau des Oberstleutnants zu beherbergen. Die Dame käme mit dem Wasserflugzeug aus Ostpreußen und würde von hier aus mit einem anderen Flugzeug weitertransportiert werden. Natürlich waren das Militärflugzeuge. Man sieht, es mussten nicht alle Flüchtlinge zu Fuß gehen, hungern und frieren und auch auf der Strecke sterben.

Die Frau des Oberstleutnants kam auch an. Sie trug Reitstiefel, einen Herrenschnitt und lässig eine Zigarette zwischen den Lippen. Sie lächelte mich herablassend an und ich schämte mich meines kleinen, spärlich eingerichteten Behelfsheims. Ich glaubte ihr aufs Wort, dass sie zu Hause in Ostpreußen ein Gut mit vielen Pferden zurückgelassen hatte. Zum Glück flog sie wirklich nach drei Tagen weiter Richtung Westen.

Danach bekam ich jede Menge Einquartierungen. Ich konnte nicht mehr wählen, man schickte mir einfach die Leute. Einmal kam die Frau eines Feldwebels, der noch hier stationiert war. Sie war aus Stettin mit drei Kindern geflüchtet. Ihr Mann besuchte sie täglich und das Häuschen war nun überbelegt. Ich drückte mich in den Ecken herum und fühlte mich nur noch wie ein Eindringling.

Eine etwas ältere Nachbarin, mit der ich ins Gespräch kam, sagte mir, wenn sie wüsste wohin sie mit ihren Kindern gehen könnte, würde sie so schnell wie möglich abhauen, denn die Russen würden bestimmt bald da sein. Du bist allein, mach dass du fort kommst!. Ich dachte darüber nach und kam zu dem Schluss, dass sie sicher Recht hatte.

So war die Zeit für mich reif, mal wieder um eine Versetzung zu bitten. Ich wollte zurück nach Kiel. Ich hatte Glück, bei der nächsten Gelegenheit bekam ich meine Reisepapiere. Von Werner hatte ich schon lange nichts mehr gehört, es kam keine Post mehr durch.