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Das Ende des Krieges

Angeschmiegt an meine Mutter saß ich auf ihrem Schoß und spürte deutlich ihre Herzschläge. Ich war vier Jahre alt und hielt genauso wie sie mich, meinen Teddybären an mich gedrückt. Wir befanden uns in einem mir sehr vertrauten Kellerraum. Hier verbrachten wir viele Nächte, wenn es Fliegeralarm gegeben hatte. Der Keller eines großen Bauernhofes auf dem meine Mutter und ich mit noch anderen Leuten evakuiert waren. Sehr lange Zeit wohnten wir hier schon und für mich war dieser Bauernhof mein Zuhause, denn an das, was vorher war, konnte ich mich nicht mehr erinnern – ich war zu jung gewesen. Auf diesem Bauernhof  spielte ich mit den kleinen Bernhardiner Welpen, die Mutter der Welpen ließ mich sogar in ihre Hundehütte – sehr zum Schrecken meiner Mutter.

Wenn immer es möglich war, spielte ich auch mit Ivan und Alexej – zwei russische Gefangene auf diesem Bauernhof, die aber in absoluter Freiheit lebten und gerne die ihnen zugeteilte Arbeit erledigten. Ivan hatte mich auch wiederholt auf Pferdefahrten in die benachbarte Kreisstadt mitgenommen. Die Bauernfamilie und meine Mutter sowie die anderen Leute auf dem Bauernhof behandelten die beiden Gefangenen mit großen Respekt und viel Vertrauen, welches auch immer wieder belohnt wurde. Dieses konnte ich damals so noch nicht beurteilen, und es wird wohl aus Erzählungen auch vieles in meinem Gedächtnis an diese Zeit wach gehalten worden sein.

Viele Nächte hatten wir nach Bombenalarm – aber auch am Tage in diesem Kellerraum alle zusammen verbracht – für die Erwachsenen war diese Zeit sicherlich immer mit großer Angst verbunden gewesen, wir Kinder fanden es lustig, wenn wir nachts im Keller spielen durften.

Dieses Mal war aber alles anders. Ivan und Alexej waren nicht dabei. Wir durften auch nicht spielen – überhaupt, es waren nicht alle dabei und die, die jetzt hier hockten, drängten sich eng zusammen – ich hatte Angst, weil ich merkte, dass es nicht so war, wie ich es die letzten Monate erlebt hatte. Es hatte keinen Fliegeralarm gegeben, die Sonne schien durch einen Spalt des Kellerfensters – alles war anders, wir redeten nicht, flüsterten nur, wenn überhaupt. Ich wurde von meiner Mutter immer wieder angehalten, nichts zu sagen, was natürlich kaum möglich war. Wie viele Stunden wir hier verbracht hatten, weiss ich nicht, mit einem Male wurde die Kellertür aufgerissen und eine Horde Soldaten stürmten die Kellertreppe herunter. Sie sprachen nicht unsere Sprache – auch anders als Ivan und Alexej – mit Gewehren im Anschlag stürmten sie auf uns zu, fragten wo die anderen seien. Meine Mutter antwortete in ihrer Sprache, was sie wissen wollten, ich merkte, wie sie zitterte und bekam noch größere Angst. Sie presste mich an sich und dann musste sie sich erheben mit mir auf den Armen.

Ich verstand nicht, was hier passierte – alle Anwesenden waren eingeschüchtert und ich roch irgendwie die Angst von allen und noch heute glaube ich mich an den Geruch erinnern zu können. Alle mussten sich erheben und es wurden die Kartoffelsäcke untersucht. Auf ein Kommando drehten sich die Soldaten um und stürmten die Kellertreppe wieder rauf, als sich einer plötzlich umdreht, auf uns zu stürmte, in seine Tasche langte und mir zwei Tafeln Cadbury Schokolade und ganze viele Drops zuwarf und mit den anderen verschwand.

Alle Anwesenden im Keller fielen sich in die Arme und weinten – Freudentränen – es war der Nachmittag des 8. Mai 1945 gegen 16 Uhr und ich aß zum ersten Male bewusst in meinem noch jungen Leben Schokolade.