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Rückkehr aus der Gefangenschaft

In der Vorweihnachtszeit liebe ich es, im Kerzenschein an vergangene Weihnachtszeiten zu denken und je älter ich werde, umso mehr tauchen die Geschichten aus meiner Kindheit auf. So saß ich also mal wieder an einem Sonntagabend vor meinem Adventsgesteck und blickte in meine Kerze und wieder fielen mir viele weihnachtliche Erinnerungen ein und die Bilder zogen so an mir vorbei. Von einem dieser Bilder möchte ich Ihnen nun einmal erzählen.

Es war der 19. Dezember 1947, es war ein Freitag und bitterkalt. Meine Mutter führte wieder ihren kleinen Tante-Emma-Laden. Wir hatten die Kriegsjahre gesund in der Lüneburger Heide überlebt. Ich ging das erste Jahr in die Schule und es war das erste Jahr, in dem ich wusste, dass es keinen Weihnachtsmann mehr gibt, sondern dass meine Mutter die Geschenke besorgt,  und was das 1947 bedeutete, wissen Sie  hier sehr genau. Trotz des harten Winters, in dem viele Menschen froren und hungerten, ging es meiner Mutter und mir verhältnismäßig gut – bis auf die Tatsache, dass meine Mutter oft sehr traurig war, dass mein Vater – den ich noch nie gesehen hatte – noch immer in englischer Gefangenschaft war. Sie hatte zwar unregelmäßig Briefkontakt mit ihm und sie wusste auch, dass er bald entlassen werden sollte. Der Stichtag war der 9. Dezember, aber der war ja nun schon vorbei und meine Mutter bereitete mich darauf vor, dass wir wohl wieder ein Weihnachtsfest ohne Papi verbringen werden müssen. Obgleich ich meinen Vater noch nie gesehen hatte, war er mir durch die Erzählungen und Fotos sehr nahe und von großer Wichtigkeit. Also wie gesagt – wir hatten Freitag den 19. Dezember – meine Mutter stand hinter dem Ladentisch und der kleine Laden war voller Kunden – es gab irgendetwas zum Weihnachtsfest ohne Marken zu kaufen. Ich spielte mit vier Jungen auf der Straße vor unserem Geschäft Glitschen. Es war bitterkalt – unsere Schaufensterscheibe war dreiviertel zugefroren und die Pfützen auf dem Gehweg hatten wir in eine Glitsche verwandelt, und wir fünf versuchten immer wieder die ca.  4m lange Glitsche runterzukommen, ohne hinzufallen. Fiel einer hin, gab es ein großes Gejohle von den anderen Vieren.

Es muss so gegen 15.30 Uhr gewesen sein. Es dämmerte bereits, als plötzlich ein alter Mann mit einem riesigen Seesack vor uns spielenden Kindern stand und zu mir rüberrief: Kleine, komme doch mal eben her. Ich ging auf ihn zu und er fragte mich, wie ich heiße. Ich antwortete Marlis… Mensch Du bist ja Papa! Ich ließ meine Freunde stehen, ich ließ den Fremden stehen und stürmte unseren Laden und schrie: Mami, Mami, Papi ist da – er steht vor der Tür!  Tja, ich glaube alle Kunden im Laden hatten im Moment Verständnis dafür, dass auch meine Mutter vor die Tür rannte, meinen Vater empfing und durch den Hintereingang in unsere Wohnung ließ – tja und dann ging sie wieder in den Laden und verkaufte weiter bis zum Ladenschluss um 18 Uhr, so hatte ich Zeit, mich mit dem Fremden anzufreunden. Es fiel meinem  Vater sehr leicht, mein Herz zu gewinnen, denn in seinem riesigen Seesack steckten 50 Tafeln Schokolade – Cadburry – und englische Drops. Bohnenkaffee und Tee interessierten mich weniger, waren aber für meine Mutter und unsere Freunde eine ganz große Kostbarkeit. Heute kaum vorstellbar: Ein Kriegsgefangener kehrt mit solchen Schätzen zurück.

Als ich so in die Kerze sah und diese Erinnerung wieder in mir lebendig wurde, erinnerte ich mich aber auch an den Schmerz, den ich am Heiligen Abend spürte, als mein Vater zuerst meine Mutter in den Arm nahm, sie küsste und dann eine frohe Weihnacht wünschte, und dann kam meine Mutter erst zu mir und drückte mich – bis dahin war ich immer die Erste gewesen – dies war das Weihnachtsfest, wo ich meinen Vater kennen lernte – aber auch das Gefühl der Eifersucht.