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Das große Weihnachtsgeschäft

Also früher war ja doch alles anders als heute. Mir fiel dazu gerade die Geschäftsöffnungszeiten ein. Nicht wie lange abends die Läden geöffnet sind, sondern darf am Sonntag ein Laden öffnen? Wir in der Stadtvertretung bestimmen, an welchen Sonntagen zum Beispiel das Herold Center geöffnet haben darf, wann der Schmuggelstieg zu seinen zahlreichen Festen die Geschäfte öffnen darf und früher???

Für mich begann die Vorweihnachtszeit – wie heute immer noch – mit dem ersten Advent und mit dem ersten verkaufsoffenen Sonntag. Können Sie sich noch erinnern, die vier Adventssonntage waren in Hamburg offene Verkaufssonntage. Von 13 bis 18 Uhr durften die Geschäfte geöffnet sein.

Meine Mutter hatte einen heute sogenannten Tante Emma Laden, in dem es nach der Währungsreform 1948 alles gab, was man zum täglichen Leben brauchte. Wie schon heute tobte auch damals das wahre Geschäftsleben in der Hamburger Innenstadt und wir Randgebiete – meine Mutter hatte ihren Laden, wo wir auch wohnten, in Hamburg-Bahrenfeld. Hier kauften die Leute keine Weihnachtsgeschenke ein, sondern nur das, was sie vergessen hatten zum sonntäglichen Kaffeetrinken. Da unser Wohnzimmer direkt neben dem Laden lag, gehörten diese verkaufsoffenen Sonntagnachmittage mir. Meine Mutter spielte dann mit mir Mensch ärgere Dich nicht oder Halma und wenn die Ladenglocke ging, dann rasten wir beide in den Laden und hofften ein gutes Geschäft zu machen. Aber meistens war es dann nur ein Paket Salz oder ein viertel Pfund Kaffee. Ein viertel Pfund Kaffee kostete damals DM 4,50 – ein Vermögen, meistens trank man noch Muckefuck – kennen Sie doch auch noch.

Am zweiten Advent hatte meine Mutter immer eine Verkaufshilfe engagiert, die im Laden mit mir stand, weil sie dann nach Hamburg (zu Karstadt in die Mönckebergstr. oder ins Alsterhaus am Jungfernstieg) fuhr, um Weihnachtsgeschenke für uns einzukaufen. So war es bei uns Tradition. 1950 muss es gewesen sein, da wollte meine Mutter wieder zum Weihnachtseinkaufen nach Hamburg und unsere Verkaufshilfe war plötzlich krank geworden. Meine Mutter konnte oder wollte ihre Pläne nicht umstoßen und meinte dann: Marlis, du stehst immer mit im Laden und du hast doch auch schon so oft mit verkauft und mit 9 Jahren bist Du doch auch schon ein großes Mädchen und wann kommen schon zu uns in den Laden am Sonntag Kunden. – Kannst Du nicht auch alleine den Laden machen? Ich sage bei unserem Nachbarn – ein Spielzeugladen – Bescheid, dass er hin und wieder mal zu dir herüberschaut. Ich war so etwas von stolz, dass ich nun einmal ganz alleine hinter der Tonbank oder dem Ladentisch stehen durfte. Meine Mutter versprach, bis zum Ladenschluss wieder zu Hause zu sein. Natürlich blieb ich im kalten Laden stehen – und der Laden war kalt, die Ladenscheiben waren halbhoch gefroren. Ich träumte so vor mich hin, dass gleich ganz viele Leute kommen und ich eine volle Kasse haben werde, wenn meine Mutter zurückkommt. Der erste, der kam, war der Nachbar, der mir eine kleine Puppe schenkte, damit ich nicht so alleine im Laden stehen musste. Die Zeit verstrich so langsam und es kam niemand. Ich wünschte mir so sehr, dass vielleicht jemand kommt und Kaffee – gemahlen – kauft, weil ich so gern die elektrische Kaffeemühle betätigen wollte – aber es kam niemand. Ich war so traurig und so enttäuscht und ich langweilte mich so sehr, als plötzlich kurz vor 17 Uhr die Ladentür aufging und ein Seemann, der in unserem Hause im 3. Stock wohnte, von großer Fahrt zurückkam und nun unbedingt etwas zu trinken gebrauchte, was er seiner Frau, die nicht wusste, dass er heute schon eintraf, mit-bringen wollte.

Ich fragte, ob er Bier oder Brause wolle. Er lachte schallend und sagte: Nein wir trinken nur richtige Sachen: Gib mir mal zwei Flaschen Liebfraumilch und eine Flasche Danziger Goldwasser. Schnell rechnete ich aus, was er zu bezahlen hatte, für damalige Verhältnisse eine astronomische Zahl. Ich freute mich über diese Summe und hielt die Hand auf. Da sagte er: Och mien Lüdde, du weeßt doch, wir lassen doch immer anschreiben, die Heuer ist doch noch nicht ausgezahlt. Nahm die Flaschen und verschwand. Ich war so traurig und enttäuscht, dass mir Tränen über die Wangen liefen und immer noch liefen, als meine Mutter wenig später schwer beladen zurück kam. Ich erzählte ihr von meinem nicht eingenommenen Geschäft. Meine Mutter war überhaupt nicht traurig, denn sie wusste, das Geld wurde immer bezahlt und sie konnte diesem Seemann und seiner Frau trauen. Aber ich, ich wollte doch viel Geld eingenommen haben und hatte nun nicht einmal meinen Stundenlohn von 10 Pfennig verdient. Meine Mutter schenkte mir für die geleistete Arbeit eine DM und das war ein Vermögen zu jener Zeit und mein Kummer war verflogen.

Ich frage mich, könnte man heute noch ein kleines Mädchen von 9 Jahren alleine in einem Laden stehen lassen – ich meine, das ist unvorstellbar – Angst vor Überfällen, Kinderarbeit ich weiß gar nicht, welche Gesetze heute alle betroffen wären. Für mich war das Verkaufen kein Arbeiten, ich war stolz, zum ersten Male alleine im Laden gestanden zu haben – schade, dass ich nicht mehr verkauft hatte. Verkaufen war schon immer etwas Besonderes für mich – später verkaufte ich LKWs und Großrechner… aber nie wieder Danziger Goldwasser und Liebfraumilch… mein großes Geschäft!