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Von der R-Mark (Renten-Mark) zur DM (D-Mark)
oder
Wie ich an das erste neue Geld kam.

Im Juni 1948 erhielt Deutschland eine neue Währung. Wir haben so etwas nun schon zweimal miterlebt. 2001 bei der WährungsumstellungDie Einführung des Euro in zwölf Staaten der Europäischen Union, der sogenannten Eurozone, war keine Währungsreform, sondern nur eine Währungsumstellung, da sämtliche bis Ende 1998 existierenden Geldbeträge direkt über den offiziellen Euro-Wechselkurs in Euro umgestellt wurden, ohne dabei an Wert zu verlieren oder zu gewinnen. Seitdem sind die Währungen der Euro-Länder fest an den Euro gekoppelt, sie sind nur andere Rechnungseinheiten des Euro.Quelle: Wikipedia.org von D-Mark auf Euro war aber alles viel einfacher, vielleicht nur, weil ich diese Reform ohne zu große Sorgen auf mich zukommen sah. 1948 war ich gerade sieben Jahre alt geworden und eine Währungsreform sagte mir sehr wenig. Meine Eltern unterhielten sich mit Freunden und Bekannten seit Januar über nichts anderes als über die bange Frage, wird es jetzt besser oder noch schlechter?

Der Krieg saß uns allen noch in den Knochen und eine bange Frage beschäftigte uns sehr: Werden wir jetzt endlich genug zu essen bekommen, wird unsere Lage wirklich besser, wie wir es täglich mehrmals im Radio hören konnten? Mein Vater war im Dezember 1947 aus der englischen Gefangenschaft zurückgekehrt und meine Mutter hatte im Januar 1946 ihren Laden — früher ein Kolonialwarengeschäft, heute wäre es ein sogenannter Tante Emma-Laden — wieder eröffnet. Wir gehörten wirklich zu den glücklichen Menschen, die keinen Hunger erleiden mussten und konnten anderen sogar noch helfen.

Tja, was konnte uns eigentlich eine Währungsreform bieten? Es gab viele Spekulationen. Über eines waren sich meine Eltern einig: ab Montag nach der Geldumstellung wird es wieder Waren geben, von denen wir bis jetzt nur geträumt haben, denn unsere Marken, mit denen wir einkauften, würden wegfallen, alles sollte wieder frei erhältlich sein. Meine Mutter träumte vor allen Dingen davon, abends nach Feierabend keine Marken mehr kleben zu müssen. Das Markenkleben war für jeden Lebensmittel-Laden eine Pflicht und daher auch Strafe zugleich. Da alle Lebensmittel rationiert waren, konnte meine Mutter nur von einem Großhändler Waren, also Lebensmittel, erwerben, wenn sie entsprechende Marken-Bestätigungsscheine, die wahrscheinlich vom Einwohnermeldeamt ausgegeben wurden, vorlegen konnte. Die Einwohner und Kunden konnten sich jeden Monat Lebensmittelkarten entsprechend ihrem Familienstand abholen. Wollte unser Kunde nun ein Pfund Mehl kaufen, musste er meiner Mutter den Geldbetrag und die Lebensmittelkarte vorlegen. Wenn genügend Marken auf der Karte für Mehl noch vorhanden waren, schnitt meine Mutter die Marken aus der Karte heraus, die den Gegenwert darstellten. Abends musste sie dann die Marken wieder in eine große Vorlage einkleben. Um alles richtig zu machen, sortierte sie die Marken entsprechend ihrer Wertigkeit.

Als ich einmal die Zimmertür mit zu viel Schwung öffnete, wurden die bereits sortierten Marken durcheinander gewirbelt, und zwar nicht nur auf dem Tisch, sondern quer durch das ganze Zimmer. Der gemütliche Feierabend war durch meine Unachtsamkeit verdorben — naja, soviel hatte ich nun schon verstanden: ab Sonntag gab es neues Geld und keine Marken mehr. Was für einer schönen Zeit konnte ich entgegensehen.

An dem Wochenende vor der Währungsreform musste ich für ein Diktat üben. Ich war Ostern in die zweite Klasse versetzt worden. Wir sollten ein geübtes Diktat schreiben. Ich erinnere mich noch sehr genau an einige Wörter aus diesem Diktattext. Die schlimmsten Wörter waren KUCKUCK und KÜKEN. Ich konnte mir einfach nicht merken, welches Wort mit CK geschrieben wurde. Mein Vater, der mit mir sehr geduldig übte, hatte schon versucht, mir viele Regeln über K und CK zu erklären. Er war total verzweifelt, dass seine Tochter diese beiden Wörter immer wieder mit K oder CK verwechselte. Irgendwann konnte er nicht mehr und sagte nur: So, geübt haben wir genug, mein letztes Angebot an dich lautet: Wenn du es trotzdem schaffst, eine Eins zu schreiben, bekommst du fünf D-Mark von dem neuen Geld. Dies war wirklich ein sehr leichtsinniges Versprechen, denn die Eltern erhielten ja nur 40 DM pro Nase und mein Vater wollte mir fünf D-Mark für eine Eins im Diktat spendieren.

Lieber Leser, Sie können sich denken, dass das ein Ansporn für mich war. Ich wollte doch auch gern etwas von dem neuen Geld haben. Tja, Wunder geschehen immer wieder. Ich schrieb die Eins (Am Sonnabend wurde geschrieben und auch noch gleichzeitig von der Klassenlehrerin korrigiert. Strahlend präsentierte ich meinem Vater meine Eins und fragte sofort, ob wir nicht schon zum Amt hingehen können, wo es das neue Geld geben sollte. Junge, war ich stolz, als ich am Sonntagmorgen mit zum neuen Geld holen durfte und mein Vater mir sofort die neue Fünf-DM-Geldnote überreichte. Ich erinnere mich, dass ich die fünf D-Mark bis zu meiner Konfirmation, die sieben Jahre später stattfand, aufgehoben habe. Ich hatte mir zur Konfirmation ein bestimmtes Schmuckstück gewünscht und dafür die fünf D-Mark mit investiert.