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Kairo 1961-1966,
Kapitel 10
Klasse 11m mit Ehrenrunde

Zu Beginn der Oberstufe mussten wir Schüler zwischen dem sprachlichen S-Zweig und dem mathematisch-naturwissenschaftlichen M-Zweig wählen. Ich entschied mich für den M-Zweig, die Naturwissenschaften lagen mir näher. Außerdem konnte ich damit eine Sprache abwählen. Die leichte Wahl fiel auf Französisch, da ich mit der Sprache nie recht warm geworden war. Die Nachhilfestunden, die ich bereits in Jerusalem und im letzten Schuljahr genossen hatte, empfand ich als rausgeschmissenes Geld.

Die meisten Schüler unseres Jahrgangs im Schuljahr 1962/63 hatten den sprachlichen Zweig gewählt und waren in der Klasse 11s. Ich kam in die Klasse 11m. Wir waren elf Schüler, vier Mädchen und sieben Jungen, alles Deutsche bis auf einen Österreicher. Vier der Jungen waren aus dem Schülerheim, was eine besonders hohe Quote war. Unser Klassenraum war der kleinste der Schule, direkt über dem Eingang der zweiten Villa über der Schulverwaltung, und hatte einen kleinen Balkon über dem Hauseingang. Von dort konnte man gut das Treiben auf dem Schulhof beobachten.

Bei den Klassenfahrten waren aber die beiden Parallelklassen nicht getrennt. Wir fuhren immer gemeinsam. Ende November waren wir drei Tage im Zeltlager in Ain Suchna am Roten Meer, wo wir bei angenehmen Temperaturen nach Herzenslust mit Taucherbrille und Schwimmflossen schnorcheln konnten. Am ersten Tag fanden wir beim Holzsammeln einen toten ausgedörrten Delfin, den wir ins Mädchenzelt legten. Das gab ein Gekreische, als die Mädchen ihr Zelt betraten! Sie waren angeekelt und wir haben uns köstlich amüsiert. – Natürlich mussten wir den Delfin dann wieder entsorgen.

Das Getier der Wüste hielt sich vor uns und vor der Sonne versteckt. Eines Tages war ein Skorpion in Fritz' Turnschuh. Zum Glück bemerkte er es, bevor er den Schuh anzog. Ein anderer Skorpion hatte sich in einer Nahrungsmittelkiste versteckt und wurde erst beim Auspacken in Kairo entdeckt. – An Schlangen kann ich mich nicht erinnern.

Zum Abschluss des Schuljahres gab es dann Anfang Juni noch ein viertägiges Zeltlager bei El Alamein an der Mittelmeerküste. Die bunte Unterwasserwelt des Roten Meeres gab es hier nicht, dafür herrschte hier herrlicher Sandstrand vor, der sehr flach ins Meer überging.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Schule geschlossen und erst im Jahr 1953 wiedereröffnet. 1963 feierten wir deshalb nicht nur das neunzigjährige Jubiläum der Schulgründung im Jahre 1873, sondern auch die zehnjährige Wiedereröffnung. Zu den Veranstaltungen war die gesamte Elternschaft der Schule geladen und alles, was sich zur deutschen Kolonie in Kairo zählte. Unsere Eltern, die nur selten in Kairo Zwischenstopp machten, konnten leider nicht kommen.

Unser korpulenter Musiklehrer Emil Stahl brachte zu diesem Ereignis die Jugendoper Des Kaisers neue Kleider von Eberhard WerdinEberhard Werdin (* 19. Oktober 1911 in Spenge; † 25. Mai 1991 in Weilheim in Oberbayern) war ein deutscher Komponist und Musikpädagoge.Siehe Wikipedia.org zur Aufführung. Da gab es diverse Rollen zu verteilen: Kaiser, Minister, Hofgeist, Hofnarr, Bänkelsänger, Weber etc., dazu Chor und Orchester. Da ich ein eifriger Schulchorsänger war, bot mir Herr Stahl die Rolle des Kaisers an ‒ aber ich traute mich nicht. Und so sang ich dann im Chor mit. Außerdem führte die Theatergruppe das Theaterstück Robinson soll nicht sterben auf, in dem Thomas die Rolle des Mr Herodes Pum übernommen hatte. Der Höhepunkt des Schuljubiläums im Februar 1963 war der Oberstufenball im Semiramis-Hotel.

Der Tanzkurs wurde natürlich auch in diesem Jahr fortgesetzt. Zum Sommerfest der österreichischen Botschaft im Mai lud der österreichische Botschafter einige Tänzer ein. Wir hatten zu diesem Anlass eine hübsche Choreografie eingeübt, für die wir viel Applaus ernteten.

Ich war immer ein durchschnittlicher Schüler. Mein Notendurchschnitt pendelte so um die Note 3. Nur in Musik und gelegentlich in Sport war ich besser. Auf der anderen Seite des Durchschnitts lag bei mir ab der Oberstufe das Fach Deutsch. Nicht nur der Deutschlehrer lag mir nicht, außerdem tat ich mich schwer mit dialektischen ErörterungenEine freie Erörterung oder auch Besinnungsaufsatz erörtert ein Thema unabhängig von einer Textvorlage. Diese zeichnet sich durch eine Unterteilung des Hauptteils in einen Pro- und Kontra-Teil aus.Siehe Wikipedia.org. Meine Eltern, denen ich meine Zensuren mitteilte, fürchteten schon das Schlimmste, denn damals konnte man mit der Note 5 in Deutsch noch sitzenbleiben. Da nützte auch kein Ausgleich in einem anderen Fach.

So kam es dann auch. Im Schuljahr 1963/64 wiederholte ich die Klasse 11m. Mein Bruder war inzwischen in die Parallelklasse 11s versetzt worden und hatte mich eingeholt. Diesmal waren in meiner Klasse nur zehn Schüler, acht Jungen, darunter ein Ägypter und ein Österreicher, und zwei ägyptische Mädchen.

Der Deutschlehrer blieb mir zwar erhalten, aber ansonsten hatte ich eine recht gute Zeit, denn den Unterrichtsstoff kannte ich schon. Die Klasse wählte mich zum Klassensprecher.

Im Geschichtsunterricht fertigten wir Berichte zur weltpolitischen Lage an. Ob die Idee vom Lehrer stammte oder ob der Lehrer uns die Möglichkeit gab, eigene Vorschläge einzubringen, weiß ich nicht mehr. Aber ich fand die Idee richtig spannend, denn im Unterricht war es damals nicht üblich, neuzeitliche Themen anzufassen ‒ von der Aufarbeitung des Dritten Reichs ganz zu schweigen. Jeder Bericht umfasste einen Zeitraum von zwei Monaten, den zwei Schüler gemeinsam erstellten. Damit war das Schuljahr abgedeckt. Inhaltlich nahmen wir zu den damaligen weltpolitischen Themen Entspannungspolitik, Auseinandersetzung Peking – Moskau, Europafrage, Bundesrepublik, Naher Osten Stellung. Diese Themen wurden dann im Unterricht diskutiert.

Weltpolitische Lage Seite 1

zur Weltpolitischen Lage Nov.1963 Seite 1
Weltpolitische Lage Seite 2

zur Weltpolitischen Lage Nov.1963 Seite 2

Auch in diesem Schuljahr fand wieder ein dreitägiges Zeltlager in Ain Suchna am Roten Meer statt. Hier konnte ich zum ersten Mal die eigene Harpune ausprobieren, die ich mir im Heimaturlaub gekauft hatte. Damals waren wir noch so naiv, die Schätze des Meeres als Beute anzusehen. Zum Opfer wurden die farbenfrohen Fische, die wir harpunierten, aber auch die Riesenmuscheln der Art Tridacna costataTridacna squamosina (syn.: Tridacna costata) ist eine Muschel-Art aus der Unterfamilie der Riesenmuscheln (Tridacninae), die zur Ordnung der Cardiida gestellt wird. Die Art kommt in sehr flachem Wasser im Roten Meer vor und wurde erst im Jahr 2008 wiederentdeckt.Siehe Wikipedia.org, die sich sehr gut als Dekorationsobjekte eigneten. Manche benutzten sie auch als Aschenbecher, aber das fand ich völlig unpassend.