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Kairo 1961-1966, Kapitel 11

Meine letzten Heimjahre

In meinem dritten Heimjahr 1963/64 nahm die Anzahl der Heimschüler rapide ab. Wir waren nur noch elf Jungen und zwei Mädchen. Das Mädchenheim wurde deshalb aufgelöst und die Dienerschaft reduziert.

Thomas und ich waren inzwischen die ältesten Schüler im Heim. Das gab uns eine gewisse Macht gegenüber den anderen Schülern. Die vorhergehenden Heimschüler-Generationen nutzten diese Macht gern dazu, die kleineren zu schikanieren. Damit war nun Schluss. Unter unserer Ägide wurde keiner mehr schikaniert.

Im Heimaturlaub hatte ich im Hamburger Savoy-Filmtheater den Film Lawrence von ArabienLawrence von Arabien ist ein Film des Regisseurs David Lean und des Produzenten Sam Spiegel aus dem Jahr 1962, der sich an den autobiografischen Kriegsbericht Die sieben Säulen der Weisheit von Thomas Edward Lawrence anlehnt.Siehe Wikipedia.org gesehen und war begeistert! Peter O'Toole als Lawrence, Omar Sharif als Sherif Ali, Antony Quinn als Auda Abu Tayi und Alec Guinness als Prinz Faisal, alle genial! Dazu überwältigende Landschaftsaufnahmen, ein exzellenter Schnitt und eine großartige Filmmusik, die ich noch heute gelegentlich vor mich hin pfeife. Sicherlich gefiel mir der Film auch deshalb so gut, weil ich die Wüste kannte und mir die Mentalität von Engländern und Arabern vertraut war. Aber ich war nicht allein mit meiner Meinung, denn der Film bekam sieben Oscars und rangiert heute auf Platz 35 der Liste der Ewigen Besten.

Kurz darauf habe ich den Film gleich noch einmal in Berlin im Delphi-Filmpalast gesehen, und dann noch einmal in Englisch im Opera, einem der großen Kino-Paläste in Kairo. Ich erinnere mich noch heute daran, dass in der in Kairo gezeigten Version eine Stelle rausgeschnitten war, wohl weil die Ägypter diese als Kränkung hätten empfinden können: Als Lawrence im Winterlager ist, will er in grenzenloser Selbstüberschätzung inkognito in die noch osmanische Stadt Dera (heute: in Syrien kurz vor der jordanischen Grenze) gehen, wenn ihm einer von seinen verbliebenen Mitstreitern seine schmutzigen Kleider geben würde, um nicht erkannt zu werden. Das Wort schmutzigen war herausgeschnitten.

Wir hatten im Heim eine Band gegründet. Jürgen spielte Klavier, Gerhard Schlagzeug, Uli Querflöte und ich Trompete. Der Heimleiter hatte uns vorgeschlagen, dass wir bei der Weihnachtsfeier einige weihnachtliche Stücke spielen sollten. Wir übten mehr oder weniger fleißig, allerdings nicht nur Weihnachtslieder. Heimlich hatten wir uns verabredet, dass wir anschließend noch etwas Fetziges zum Besten geben wollten. Als wir nach dem Pflichtprogramm damit ansetzten, würgte Herr W. uns schon nach den ersten Tönen ab. Er wollte wohl die weihnachtliche Stimmung erhalten. Aber damals ging es uns nicht in erster Linie um die Stimmung.

Die Tradition der beiden Fahrten der Heimschüler ans Meer blieb weiterhin bestehen. Mitte November 1963 fuhren wir wieder ans Rote Meer und im darauf folgenden Mai in den Bayram-Ferien nach El Alamein. Und schon ab März durften wir im Heim unsere Betten auf den Balkon stellen, wenn es im Haus zum Schlafen zu heiß war. Dagegen hatte die Heimleitung komischerweise keine Einwände.

Da das Ehepaar W. einen Dreijahresvertrag als Heimleiter hatte, war das Heimjahr 1964/65 das letzte der Ägide W. Ich war in der 12. Klasse und hatte ein Einzelzimmer mit Balkon im ersten Stock in der Hausecke nach Nordosten. Das Grundstück war an dieser Stelle nur etwa zwei Meter breiter als das Haus, und auf diesem schmalen Streifen stand eine riesige Dattelpalme, deren Krone auf der Höhe des zweiten Stockwerks war. Die Palmwedel waren mehrere Jahre nicht gekappt worden und hingen trocken am Stamm herunter.

Datenschutz betrieb ich auf meine Art, indem ich Papiere in einer Schale auf dem Balkon verbrannte. Plötzlich trug der Wind ein brennendes Blatt davon und direkt in die trockenen Palmenblätter. Dann ging alles sehr schnell. Ich schlug Alarm und die Feuerwehr rückte an, die den Brand schnell unter Kontrolle brachte. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Palme dieses Ereignis mit dem Leben bezahlte, obwohl sie unschuldig war. Der Schuldige hingegen wurde nie gefunden. Ob die Heimleitung mich deckte? Ich weiß es nicht. Die Vermutung, dass ich damit etwas zu tun haben könnte, lag doch so nah.

Jedenfalls behielt ich einen ruhigen, tiefen Schlaf. Das macht auch ein Ereignis im Winter desselben Schuljahrs deutlich, denn eines Nachts explodierte eine Gasflasche in der Küche des Nachbarhauses, die direkt meinem Zimmer gegenüber im Hochparterre lag. Alle Heimbewohner wurden wach, nur ich war ganz überrascht, als man mir am nächsten Morgen davon erzählte.

Während des Heimaturlaubs im Sommer 1963 besuchten wir auch Berlin. Dort erlebten wir am 26. Juni vor dem Schöneberger Rathaus den Besuch von Kennedy in West-BerlinLesen Sie auch: Breaking News
oder Nicht alles, was glänzt, ist auch Gold[Klick...]
. Zwei Tage später besuchten wir unsere Verwandten in Ost-Berlin, denn die waren ja seit zwei Jahren eingesperrt. Gemeinsam erlebten wir dort vor dem Ostberliner Roten Rathaus den Besuch von Chruschtschow. Da wir unseren Wohnsitz im Ausland hatten, mussten wir nicht wie die Westdeutschen über Bahnhof Friedrichstraße in den sowjetischen Sektor einreisen, sondern wir konnten wie alle Ausländer über Checkpoint CharlieDer Checkpoint Charlie war einer der bekanntesten Berliner Grenzübergänge durch die Berliner Mauer zwischen 1961 und 1990. Er verband in der Friedrichstraße zwischen Zimmerstraße und Kochstraße (beim gleichnamigen U-Bahnhof) den sowjetischen mit dem US-amerikanischen Sektor und damit den Ost-Berliner Bezirk Mitte mit dem West-Berliner Bezirk Kreuzberg.Siehe Wikipedia.org gehen. Das ging erheblich schneller und hatte außerdem den Vorteil, dass unsere Verwandten von dort aus in Fußwegentfernung erreichbar waren.

Aber auch in Kairo beschäftigte uns das Thema DDR. Mein Bruder Thomas regte im Oktober 1964 an, Kontakt zur DDR-Vertretung in Kairo aufzunehmen. Er ging das Vorhaben sehr mutig an. Zusammen mit seinem Klassenkameraden Helmut schrieb er einen Brief an das Generalkonsulat und bat um ein informatives Gespräch über das Deutschland-Problem aus Sicht der DDR. Mir war eher mulmig bei dem Vorhaben. Zu sehr hatte mich die Art und Weise der Grenzkontrollen nach Ost-Berlin eingeschüchtert. Da war der Grenzübertritt zwischen den arabischen Ländern eher ein Spaziergang. Auch Helmut war nicht ganz wohl bei der Sache, denn seine Eltern hatten ihm dringend davon abgeraten. Sie fürchteten, dass Helmut von der Schule fliegen könnte. Thomas aber meinte, dass das noch das Obrigkeitsdenken aus dem tausendjährigen Reich sei und hatte keine Angst vor Konsequenzen. Ihn interessierte, wie die DDR-Leute reagieren würden und er wollte den Direktor und die Botschaft provozieren. Dazu plante er sogar, einen Aushang in der Schule zu machen. Später nahm er allerdings Abstand von dieser Idee.

Nach zwei Wochen ohne Antwort beschlossen Thomas und Helmut, persönlich beim Konsulat nachzufragen. Nach zwei Anläufen gerieten sie an den Vize-Konsul, der von nichts wusste, sich aber schlau machen wollte. Beim nächsten Nachhaken bekamen die beiden die Antwort, dass ein Brief unterwegs sei. Nach ein paar Tagen kam tatsächlich ein sehr höflicher und korrekter Brief mit einer Einladung und einem Terminvorschlag.

Am 10. November 1964 um 18 Uhr machten wir zu fünft endlich einen Besuch beim Vize-Konsul. Zu Beginn verlief das Gespräch etwas zäh, kam dann aber in Gang. Dann kam noch der Korrespondent des Neuen Deutschland hinzu. Wir wollten wissen, welche Bedingungen die DDR-Regierung für die Wiedervereinigung stellt. Tja, das sei eine schwer zu beantwortende und sehr komplexe Frage. Und auf die Frage, ob Antikommunisten am Studium gehindert würden, gab es keine direkte Antwort. Dann schloss sich eine Diskussion über den Freiheitsbegriff an: Es gäbe in Westdeutschland zwar mehr Freiheiten, aber die würden nicht genutzt. Wozu bräuchte man sie denn dann. So verlief die Diskussion bis 22 Uhr. Der vereinbarte Folgetermin dauerte fast ebenso lange.

Aber irgendwie ging dann die Luft raus. Die Sensationslust und Neugier wich der Erkenntnis, dass wir politisch doch nicht zusammenkommen würden. Ein echtes gegenseitiges Verständnis war nicht zu erwarten. Jede Seite würde ihre Meinung vertreten und verteidigen. Keiner würde den anderen bekehren können. Es kam, wie es kommen musste, das Interesse verlief im Sande, und damit auch die Treffen.

In meinem letzten Heimjahr 1965/66 bekamen wir wieder neue Heimeltern, das Ehepaar Lieseke. Meine Erinnerung an die beiden ist verblasst. Das liegt wohl daran, dass mit ihnen als Heimeltern alles glatt lief. Thomas und ich hatten als Abiturienten eh nichts auszustehen. Man ließ uns in Ruhe und gewährte uns Freiheiten. Ziemlich bald ging Herr Lieseke dazu über, uns Haustürschlüssel mitzugeben. Und an Silvester sagte er uns, dass wir nach Hause kommen könnten, wann wir wollten, weil er dann sowieso schon schliefe.

Wie in den Vorjahren hatte die Zahl der Heimschüler weiter abgenommen. Frau Weber, die unverheiratete Wirtschafterin des Heims, bekam ein Kind, das sie uns als das ihrer Schwester verkaufen wollte, und quittierte ihren Dienst. An Personal blieben der neue Koch, den Herr Lieseke mitbrachte und der sehr gut kochte, und der Diener Muchi. Schon zwei Jahre später, 1968, wurde das Schülerheim wegen mangelnder Nachfrage geschlossen. Aber da waren wir längst wieder in Deutschland.