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Kairo 1961-1966,
Kapitel 12
Klassenfahrt nach Oberägypten

Im vorletzten Schuljahr 1964/65 reduzierte sich die Schülerzahl in der Klasse 12m auf acht Schüler – zwei waren wieder nach Deutschland zurückgekehrt, weil die Verträge ihrer Väter ausgelaufen waren.

Inzwischen war ich im Tanzkurs so fortgeschritten, dass ich meine Erfahrung schon an die Anfänger weitergeben konnte. Deshalb brauchte ich in meinen letzten beiden Schuljahren nichts für den Tanzkurs zu zahlen. Abtanzball und Schulfest fanden am 30. Januar im Mena-House bei den Pyramiden statt.

Mitte November durchfuhr das nagelneue deutsche Forschungsschiff MeteorDie Meteor war ein deutsches Forschungsschiff und das zweite Forschungsschiff mit diesem Namen.Siehe Wikipedia.org den Sueskanal und legte in Port Said an. Wir Schüler der Unterprima bekamen die Gelegenheit, das Schiff zu besichtigen und fuhren mit einem Schulbus dort hin. Es war wirklich spannend. Wir wurden durch das Schiff geführt und bekamen Anschauungsunterricht. Besonders faszinierend fand ich, dass das Schiff so stabilisiert werden konnte, dass es im offenen Meer auf einer Stelle stand.

Für die Unterprimaner gab es eine besondere Tradition an der DEO: Anfang Februar 1965 unternahmen wir eine zehntägige Klassenfahrt nach Oberägypten. Die Reise kostete uns Schüler nur 18 Ägyptische Pfund (etwa 180 DM). Dieser Preis war durch die Schule subventioniert worden. Deshalb konnte die Reise auch keine reine Vergnügungsreise sein, sondern bekam den Titel Studienfahrt. Jeder Schüler musste sich auf ein Thema zum Alten Ägypten spezialisieren und an Ort und Stelle vortragen, damit die Schule ihrem Bildungsauftrag gerecht wurde. Aber dafür bekamen wir einen umfassenden Einblick in die faszinierende Geschichte der Pharaonen.

Am 3. Februar starteten wir mit der Bahn nach Luxor, begleitet von unseren beiden Klassenlehrern. Und da es sich um zwei Lehrer handelte, musste natürlich auch eine Lehrerin mit. Es war die bei uns Schülern beliebte Annemarie Preisser, die auch den jährlichen Tanzkurs leitete. Auf dem Kairoer Hauptbahnhof wies man uns Abteile der ersten Klasse zu, obwohl wir nur Tickets für die zweite Klasse hatten. Ich buchte das auf das Konto Endphase des Kolonialismus. Die Bahn zuckelte durch das Niltal nach Süden, hielt hier und dort, und abends kamen wir in Theben an. Unterkunft bekamen wir bei Sheikh Ali, dem Clan-Chef einer Grabräuberdynastie. Dass dort echte Grabbeigaben nicht nur unter der Hand verkauft wurden, war ein offenes Geheimnis. Aber was den Touristen als antik angeboten wurde, waren Replikate.

Zehn Tage Oberägypten – wir haben in dieser Zeit sicherlich mehr gesehen als die meisten Touristen damals. Das waren nicht nur die Tempel in Luxor und Karnak, die Memnonkolosse und der Hatschepsut-Tempel. Damals konnten wir noch in die Königs- und Noblengräber hinabsteigen. Ganz besonders hat mich das Grab des NachtDas Grab des Nacht ist das Privatgrab des altägyptischen Beamten Nacht und seiner Frau Taui. Das Felsgrab, 1889 in der Nekropole von Theben-West in Ägypten wiederentdeckt, wird in die 18. Dynastie datiert, also in die Zeit zu Beginn des Neuen Reiches um 1400 v. Chr.Siehe Wikipedia.org beeindruckt, weil die Wandgemälde sehr lebendige und farbenfrohe Alltagsszenen darstellten. Die drei Tänzerinnen habe ich noch gut in Erinnerung. In Deir el-Medina zauberte unser Guide plötzlich zwei Mumien (Foto) hervor, mit denen wir unseren Spaß hatten. Helmut steckte der einen Mumie eine brennende Zigarette ins Gebiss und rauchte sie anschließend weiter. Heute würden die Mumien wahrscheinlich sofort von der ägyptischen Altertümerverwaltung einkassiert werden.

Nach sechs Tagen in den Nekropolen Thebens und Tälern der Könige und Königinnen reisten wir weiter mit der Bahn nach Edfu, um dort den eindrucksvollen Horus-Tempel anzusehen, dann weiter nach Assuan. Dort besuchten wir den Mandulis-Tempel in Kalabscha, den deutsche Ingenieure drei Jahre zuvor umgesetzt hatten. Denn sonst wäre er für immer im NasserseeDer Nassersee (arabisch بحيرة ناصر, DMG Buḥairat Nāṣir), benannt nach dem ehemaligen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, ist der in Ägypten durch den Staudamm as-Sadd al-ʿĀlī (السدّ العالي, auch als Assuan-Hochdamm bekannt) im Niltal entstandene Stausee, der südlich von Assuan liegt.Siehe Wikipedia.org verschwunden. Der Assuan-Hochdamm war bereits im Bau und wir konnten die enormen Ausmaße bestaunen. Außerdem unternahmen wir eine Bootsfahrt mit einer FelukeEine Feluke ist ein kleines zweimastiges Küstenfahrzeug des Mittelmeeres. Feluke wird in anderen Teilen der Welt auch Dau genannt.Siehe Wikipedia.org zu den unterhalb des Katarakts liegenden Inseln Kitchener's Island mit dem prächtigen Botanischen Garten und Elephantine Island mit den ältesten NilometernEin Nilometer (arab. miqyas) ist ein Höhenmesser für den Pegel des Nils und dient zur Prognose der Nilschwemme.Siehe Wikipedia.org Ägyptens aus der 12. Dynastie (4000 Jahre alt) und dem Mausoleum von Aga Khan III. Mein Bruder Thomas und mein Klassenkamerad Dieter badeten trotz BilharzioseLesen Sie zum Thema auch: Im Kreislauf der Schmarotzer von Jürgen Voigt-Warnung vom Boot aus im Nil (Foto). Sie hatten gelernt, dass die Bilharziose-Erreger nur im Randbereich des Nils leben, wo die Strömung schwach ist. – Am Abend bestiegen wir wieder den Zug nach Kairo, den Kopf voller phantastischer und unvergesslicher Eindrücke.

Baden im Nil

Thomas und Dieter baden im Nil
Der Autor

Der Autor im Allerheiligsten

Ab März 1965 wurde es politisch dann etwas kribbelig. Als Reaktion auf einen Staatsbesuch von Walter Ulbricht in ÄgyptenÄgypten (Aussprache [ɛˈɡʏptn̩] oder [ɛˈɡɪptn̩]; arabisch مصر Miṣr, offiziell Arabische Republik Ägypten) ist ein Staat im nordöstlichen Afrika mit über 87 Millionen[5] Einwohnern und einer Fläche von über einer Million Quadratkilometern. Die Metropole Kairo ist Hauptstadt und eine der bevölkerungsreichsten Städte bzw. Regionen der Erde.Siehe Wikipedia.org vom 24. Februar bis 2. März stellte die Bundesrepublik Deutschland am 7. März1965: Als Reaktion auf einen Staatsbesuch von Walter Ulbricht, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, in Ägypten, wo er am 24. Februar mit allen Ehren als Staatschef empfangen worden ist, stellt die Bundesrepublik Deutschland die Wirtschaftshilfe für Ägypten ein. Am 12. Mai nimmt sie überdies diplomatische Beziehungen zu Israel auf.Quelle: Wikipedia.org die Wirtschaftshilfe für Ägypten ein.

Dass der ehemalige König Faruq am 18. März im Exil starb, wurde nicht groß zur Kenntnis genommen. Aber Anfang Mai wurde die tunesische Botschaft in Kairo von Demonstranten belagert, sämtliche Fensterscheiben gingen zu Bruch. Der tunesische Präsident Habib Bourguiba hatte sich nämlich gegen Nasser für ein United Palestine ausgesprochen. Aber wir wussten, dass die meisten Demonstrationen gesteuert waren, sodass uns das nicht weiter beunruhigte.

Gedenktafel

Gedenktafel am Mandulis-Tempel in Kalabscha
Der Hochdamm

Der Hochdamm

Am 12. Mai1965: Die Bundesrepublik Deutschland und Israel nehmen diplomatische Beziehungen auf. Auslöser dafür ist der Staatsbesuch des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht vom 24. Februar bis 2. März in Ägypten.Quelle: Wikipedia.org wurde es deutlich kritischer, denn die Bundesrepublik Deutschland und Israel nahmen diplomatische Beziehungen auf. Als Reaktion brach der IrakDie Republik Irak (arabisch جمهورية العراق‎, DMG Ǧumhūriyyat al-ʿIrāq, kurdisch كۆماری عێراق‎ Komarî Êraq) ist ein Staat in Vorderasien.Siehe Wikipedia.org sofort die Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland ab. Am Tag darauf zogen ÄgyptenDie Schutzmacht für die Bundesdeutschen wurde von der Italienischen Botschaft wahrgenommen. Ägypten nahm die Beziehungen erst 1972 wieder auf., Jordanien, Syrien, Saudi Arabien und der Libanon nach. Die in Ägypten lebenden und arbeitenden europäischen und amerikanischen Ausländer versuchten zwar, ihre Wertsachen außer Landes zu bringen, aber ansonsten änderte sich an unserem Alltag nichts. Unser Direktor war guten Mutes, was die Zukunft der Schule anbelangte. Und er behielt recht: Es blieb alles beim Alten.