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Kairo 1961-1966, Kapitel 13

Mein letztes Schuljahr und Abitur

Dann begann mein letztes Schuljahr 1965/66, das ich mit dem Abitur abschließen sollte. Die politische Lage hatte sich inzwischen wieder normalisiert. Am 5. Dezember erschien zum ersten Mal wieder ein Bild von Westdeutschland in der Zeitung.

Unsere beiden Abiturklassen bekamen besondere Klassenräume. Meine Parallelklasse 13s, die doppelt so viele Schüler hatte wie meine 13m, bekam den privilegiertesten Klassenraum der Schule, der im Schuljargon der Olymp genannt wurde. Er war das Penthouse des Hauptgebäudes mit einer riesigen Dachterrasse, auf der die Abiturienten ihre Pausen verbringen durften. Mein Klassenraum befand sich in einem kleinen Raum oben auf der Garage, denn wir waren nur noch sieben Schüler, davon zwei Mädchen.

Gleich zu Beginn des Schuljahres wurde von uns Oberprimanern verlangt, einen persönlichen Bildungsbericht zu schreiben. Er war wohl eine Voraussetzung für die Zulassung zum Abitur. Drei Wochen hatten wir dafür Zeit. Ich konnte damit überhaupt nichts anfangen. Sicherlich sollte ich nicht nur die Stationen meiner Bildung aufzählen, sondern sie auch reflektieren. Aber mein Innerstes nach außen zu kehren, das war mir nicht geheuer. Welche Erwartungshaltung hatten die Lehrer und der Oberschulrat an uns? Wie konnten wir dem entsprechen, was sie erwarteten oder was wir hineininterpretierten, ohne dabei Nachteile in Kauf zu nehmen? Beeinflusste der Bildungsbericht die Zulassung zum Abitur? – Leider weiß ich heute nicht mehr, was ich in meinen Bildungsbericht geschrieben habe, denn die Kladde habe ich nicht aufgehoben. Und der Bericht wurde von den Lehrern weder kommentiert noch bekamen wir ihn zurück. Er kam nie wieder zur Sprache.

Außerdem mussten wir einen formlosen, aber schriftlichen Antrag mit der Bitte um Zulassung zur Reifeprüfung stellen. War es nicht Willenserklärung genug, dass ich die 13. Klasse besuchte? Das macht man doch nicht, um kein Abi zu machen! – Ich freue mich für die nachfolgenden Schülergenerationen, dass der Bildungsbericht und der Antrag inzwischen abgeschafft wurden. Heute weiß kaum einer mehr, was das war. Wenn ich den Bildungsbericht erwähne, dann denkt jeder nur an einen von der Regierung herausgegebenen Bericht über den Zustand der Bildung im Land.

Am 8. Oktober ereignete sich dann etwas, das die ganze Schule erschütterte. In den Kairoer Küchen war es üblich, mit Propangas zu kochen. Das Gas kam aus etwa einen halben Meter hohen Flaschen, die man sich liefern ließ und in der Küche an den Herd anschloss. Einer der Lehrer hatte wohl eine Gasflasche nicht richtig angeschlossen, sodass Gas unbemerkt ausströmte. Plötzlich gab es eine riesige Stichflamme. In der guten Absicht, das Schlimmste zu verhindern, sprang der Lehrer hinzu, um die Flasche zuzudrehen, statt das Haus abfackeln zu lassen. Bei dieser Aktion zog er sich eine achtzigprozentige Verbrennung zu. – Er wurde sofort nach Deutschland ausgeflogen und alle hofften, dass er das überleben würde. Aber am 17. Oktober erlag er in der Uniklinik Frankfurt seinen schweren Verbrennungen.

Unsere November-Klassenfahrt ans Rote Meer wurde gestrichen. An eine Begründung erinnere ich mich nicht. Es könnte mit der Trauerzeit zu tun gehabt haben, die sich die Schule selbst auferlegt hatte. Vielleicht waren die Lehrer aber auch der Meinung, dass wir dann mehr fürs Abi arbeiten würden, was bestimmt ein Trugschluss gewesen wäre.

Für Thomas und mich war es mit dem Reisen in diesem Schuljahr auch sonst nicht weit her, denn unsere Eltern waren im Oktober nach Hamburg zurückgekehrt. Eine Reise nach Hamburg über die kurzen Ferien zu Weihnachten und zu Ostern kam nicht in Betracht. Wir waren also dem Einfluss unserer Eltern vollständig entzogen, was ihre Sorgen nur noch verstärkte, dass ich durchs Abi fallen könnte. Während der Weihnachtsfeiertage wurde das Schülerheim geschlossen. Ich konnte mit einem Freund aus dem Heim zu seiner Familie nach Alexandrien fahren. Thomas wollte nicht mit, weil der Abstand zu seiner Freundin zu groß gewesen wäre. So kam er in Kairo bei einem Klassenkameraden unter.

Am 19. Januar fand der Abtanzball des Tanzkurses wieder im Mena-House statt. Der Höhepunkt des Abends war für mich, dass meine Freundin und ich, zusammen mit einem anderen Paar, einen Charleston aufs Parkett legten. Wir hatten uns wie in den 1920er Jahren gekleidet. Die Jungs trugen lila Sakkos mit einer großen auffallenden Stoffblüte am Revers und eine Kreissäge” auf dem Kopf. Die Mädchen trugen Charleston-Kleider mit aufgesetzten Stoffblüten in knalligen Farben. Wir bekamen viel Applaus für unsere Show. Für mich war es der Höhepunkt des Abends.

Ende Januar – kurz vor dem Abi – bekam ich die einmalige Gelegenheit, mit einer Gruppe in die Oasen Charga und Dachla und nach Mons Claudianus zu fahren. Aber das ist eine eigene GeschichteLesen Sie auch: Mons Claudianus.

Und dann kam schließlich der Endspurt zum Abitur. Da die DEO die Aufgabe hat, die Abiturienten zu einer vollwertigen deutschen Reifeprüfung zu führen, die von allen deutschen Universitäten anerkannt wird, lief das Abitur nach demselben Verfahren ab wie ein Abitur in Deutschland. Die schriftlichen Arbeiten wurden von zwei Lehrern korrigiert. Wenn die Note nicht mit der Vornote übereinstimmte, kam man in die mündliche Prüfung. Zur Abnahme der mündlichen Reifeprüfung wurde der Vertreter des Auslandsschulausschusses der Kultusministerkonferenz, Oberschulrat Jaenichen aus Bremen, eingeflogen.

Einen Unterschied zum Abitur in Deutschland gab es allerdings doch: Die DEO hinkte der bildungspolitischen Entwicklung hinterher. Während es in Deutschland schon möglich war, ein Vor-Abitur zu machen und in der 12. Klasse einige Fächer fallen zu lassen, mussten wir in Kairo alle Fächer bis zum bitteren Ende durchziehen.

Es begann mit dem Sportabitur, das wir Anfang März im Gezira Sporting Club absolvierten. Wie bei den Bundesjugendspielen mussten wir mehrere Disziplinen durchlaufen. Ich rechnete mit einer Drei, aber wider Erwarten stand im Abiturzeugnis dann eine Zwei.

Am 17. März begann das schriftliche Abitur. Es bestand aus fünf Prüfungsfächern. Für mich waren es die Fächer Deutsch, Mathe, Englisch, Latein und Biologie. Wenn ich die Aufgaben heute lese, bin ich erstaunt darüber, was ich damals alles wusste. Da ging es in Mathe um Hyperbeln, einer Parabel vierter Ordnung und einer Aufgabe aus der Kugelgeometrie, in der zu berechnen war, auf welchem Längengrad sich ein Schiff befindet, wie weit es von Lissabon entfernt ist und welches der nördlichste Punkt der Orthodrome ist. Wenigstens durften wir die Logarithmentafel (Bild) benutzen, die heute kein Schüler mehr kennt. In Biologie ging es um Experimente zweier Nobelpreisträger an Eiern und Keimlingen und in Latein mussten wir einen 20-zeiligen lateinischen Text ins Deutsche übertragen. – Dieses Wissen ist mir inzwischen fast vollständig abhandengekommen, ein später Beweis für die Schülerweisheit, dass man nicht fürs Leben, sondern für die Schule lernt. Lediglich zu den Deutsch-Themen könnte ich heute etwas schreiben.

Dann folgten zwei Monate des Wartens und Ratens, wer wohl in welchen Fächern ins Mündliche musste. Keiner von uns war frei von Bammel. Man wurde immer dann geprüft, wenn man zwischen zwei Noten stand. Ich meine aber, dass jeder in jedem Fall in mindestens zwei Fächern mündlich geprüft werden musste. Sollte man in der Prüfung plötzlich einen Blackout haben, gab es eine Rückfallebene. Der Lehrer konnte dann auf das Spezialgebiet des Schülers wechseln, und darauf hatte sich jeder vorbereitet. Mein Spezialgebiet war Bertolt Brecht.

Am 13. Mai begannen die mündlichen Prüfungen. Mich traf es gleich viermal. Natürlich war ich in Deutsch dran, es ging um Parallelen bei Brecht und Büchner. Das klappte zu meiner Zufriedenheit. Dann kam Physik. Der Lehrer hatte sich viel Mühe gegeben. Ich sollte aus gegebenen Schaltelementen einen Generator bauen und die Konstruktion dann interpretieren. Aber mit Physik hatte ich überhaupt nicht gerechnet. So ging die Prüfung denn auch gründlich schief. Dann kam noch ein weiteres Fach, ich glaube, es war Latein. Aber da ich mich nicht mehr daran erinnere, wird es wohl glatt gelaufen sein. Und schließlich Musik. Nun konnte ich wenigstens in einem Fach glänzen. Ich war mit einer 2 vorzensiert und verbesserte mich auf eine 1. – Neben Musik und Sport hatte ich sonst nur Dreien und Vieren. Damals konnte man noch ein ökonomisches Abitur machen, es kam nicht auf die Zensuren an. Man konnte sicher sein, in der aufstrebenden Wirtschaft der 1960er Jahre der Bundesrepublik einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Schließlich kam der große Moment, an dem uns verkündet wurde, dass alle das Abitur bestanden hatten. Nach der offiziellen Zusage war es Zeit, meine Eltern zu beruhigen. Ich schickte ihnen ein Telegramm mit drei Worten: both passed today.

Die offizielle Abi-Feier fand im Deutschen Kulturinstitut statt. Dort bekamen wir in einer feierlichen Zeremonie unsere Zeugnisse – auf Deutsch und auf Arabisch. Dann stellten wir uns mit den Klassenlehrern und dem Oberschulrat zum offiziellen Abi-Foto auf. Es war geschafft!

Zwei Tage später brachte uns die Lufthansa über Frankfurt (LH647) nach Hamburg (LH401), gerade noch rechtzeitig, um am Tag darauf den 50. Geburtstag unseres Vaters zu feiern. Aber lange blieben wir nicht in Hamburg, denn wir mussten nun schnell nach Berlin, um uns noch für das Sommersemester zu immatrikulieren. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

Die Klassenkameraden verstreuten sich in alle Winde. Die meisten leben in Deutschland, andere in Österreich, der Schweiz, Belgien, Italien, Spanien, Griechenland, den USA und Saudi Arabien. Nur noch eine von uns lebt in Ägypten. Trotzdem hält der Klassenverband bis heute. Seit dem Abitur trafen wir uns alle fünf Jahre, und im Mai 2016 feierte der Abiturjahrgang 1966 sein fünfzigjähriges Abitur in Berlin. Mir ist kein anderer Jahrgang der DEO bekannt, der sich noch immer trifft.

Viele Jahre später gewann der Vordere Orient mehr und mehr an Bedeutung in der Weltpolitik. Wenn die Nachrichtensprecher in Funk und Fernsehen die arabischen Namen aussprachen, lief mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken. Aber inzwischen haben die Nachrichtensprecher viel dazu gelernt.