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Jugend in Groß Flottbek

Nach neun Jahren als Gemeindepastor im Hamburger Stadtteil Klein Borstel wurde Vater 1954 zum Studentenpfarrer berufen und wir mussten das gerade neu erbaute Pfarrhaus in der Gemeinde Klein-Borstel für den neuen Pastor räumen. Es dauerte einige Zeit, bis die Hamburgische Landeskirche für uns ein passendes Haus gefunden und angekauft hatte. Die Wahl fiel auf ein Haus in der Feuerbachstraße 28, Ecke Kalkreuthweg in Groß Flottbek, dort, wo alle Straßen nach Malern benannt sind. Nach einigen Renovierungen und dem Anbau einer Garage konnten wir im Sommer einziehen.

Das Haus war einstöckig, hatte aber ein ausgebautes Dachgeschoss mit einem Bad und zwei Mansardenzimmern, in denen mein Bruder Thomas und ich wohnten. Nur als unsere Omama nach dem Tod von Opapa gelegentlich bei uns wohnte, mussten wir zusammenziehen. Hinter der Eingangstür befand sich ein Windfang, der durch eine weitere Tür mit Riffelglasscheibe vom Flur getrennt war. Diese Tür hatte keine Klinke, sondern einen Knauf. Als wir einmal in den Urlaub fuhren, beauftragten meine Eltern eine Frau, unsere Blumen zu gießen. Als wir zurückkamen, war meine Zimmerpflanze vertrocknet. Ich war sehr enttäuscht. Auf Nachfrage erklärte die Dame, dass sie nicht ins Haus kam, weil sie die Windfangtür nicht öffnen konnte. Sie war an dem Knauf gescheitert. Auf den Gedanken, diesen zu drehen, war sie nicht gekommen.

Der Garten bestand hauptsächlich aus Rasen. Diesen kurz zu halten, dafür waren später unsere Meerschweinchen zuständig, aber das ist eine eigene GeschichteLesen Sie auch von diesem Autor:
Unsere Menagerie
[1]. Blumenbeete mit Rosen, Rittersporn, Phlox und anderen Stauden säumten den Rasen. Auf ihm standen ein Birnbaum und einige Apfelbäume. Obwohl sie lange keinen Schnitt bekommen hatten, lieferten sie gute Ernten. Meine Eltern hatten einen Entsafter gekauft. In den Oberteil kam das klein geschnittene Obst. Unten im Bauch des Gerätes wurde Wasser zum Kochen gebracht. Außen am Topf befand sich ein kleiner Stutzen mit einem Gummischlauch, der mit einer Scherenklemme verschlossen war. Nach einiger Zeit konnten wir den Apfelsaft über diesen Schlauch ablassen und in Flaschen füllen. Diese wurden mit kleinen Hüten aus rotem Gummi verschlossen, die über den Flaschenhals gezogen wurden und sich beim Abkühlen festsaugten. Damit in den Flaschen keine Luft blieb, mussten wir darauf achten, dass die Flaschen randvoll waren.

In den Sommermonaten spielten wir Indianer. Nicht Karl May hatte uns inspiriert, was sicherlich naheliegend gewesen wäre, sondern Fritz Steuben hatte es uns angetan. Mein Bruder spielte gern den Tecumseh. Unsere Mutter schneiderte uns richtige Indianeranzüge mit Fransen, auf die wir sehr stolz waren, denn keiner unserer Spielkameraden hatte etwas Vergleichbares. Kriegsbemalung gehörte natürlich auch dazu. Außerdem schenkten uns unsere Eltern richtige Bögen, die für uns Kinder nur sehr schwer zu spannen waren, und Pfeile mit echter Eisenspitze. Damit durfte ich auch auf die Birnen schießen, die zum Ernten unerreichbar oben im Baum hingen.

In einer anderen Phase spielten wir Ritter. Unsere Rüstungen bestanden aus vielen kleinen Sperrholzplatten, die uns Mutter mittels vier kleiner Bohrlöcher auf ein Hemd genäht hatte. Außerdem bauten wir uns etwa 30 mal 70 Zentimeter große Schilde aus den Brettern von Apfelsinenkisten. Auf der Innenseite befanden sich zwei Lederösen, durch die wir den Unterarm stecken konnten. Vorn hatten wir die Schilde kunstvoll mit einem Wappen bemalt. Meins zierte ein stilisierter roter Löwe.

Bei Klassenkameraden wurden andere Spiele gespielt. Damals waren Modellbaubögen in Mode, aus denen man unter anderem Kriegsschiffe basteln konnte. Die schoben wir dort auf dem Rasen herum und spielten Seeschlacht. Das war nicht meine Welt, denn von meinem Vater konnte ich so etwas nicht lernen. Aber ich spielte mit und schob meinen Kreuzer durch das Gras. Irgendwann muss es dann wohl zur Seeschlacht gekommen sein. Mein Schiff stand in dem Moment wohl genau richtig, um eine volle Breitseite abfeuern zu können, sodass wir gewannen. So wurde ich von meinem Spielführer ausgezeichnet, ohne zu wissen, wie mir geschah.

Im Sommer fuhren wir gern ins Stadsche. So nannten wir das Freibad des Stadions, das sich im Volkspark hinter der Trabrennbahn befand. Und im Herbst ließen wir unsere selbstgebauten Drachen auf der Volksparkwiese steigen. Aber auch das ist eine eigene GeschichteLesen Sie auch von diesem Autor:
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[2].

Gegen unsere Indianerbücher und andere Arten von Jugendliteratur hatten meine Eltern nichts einzuwenden. Comics waren allerdings verpönt – mit einer Ausnahme: Micky Maus war gelitten. Auch mein Vater steckte gelegentlich die Nase in unsere Hefte. Sie vermittelten schließlich auch eine gewisse Bildung, zum Beispiel wenn Tick, Trick und Track frei nach Schiller ihren Rütlischwur ablegten: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr. Das war doch was!

Später gab es im Mittelteil des Heftes Informationen zum Micky-Maus-KlubDer Micky-Maus-Klub (MMK) wurde in den 1950er-Jahren als redaktioneller Teil in der Comiczeitschrift Micky Maus des Ehapa-Verlages gestartet.Siehe Wikipedia.org [3] und an einer Seitenecke war ein dreieckiger Bon abgedruckt. Wenn man diese Bons sammelte, konnte man damit zum Beispiel eine Anstecknadel mit einem Micky-Maus-Kopf und ein entsprechend bedrucktes Halstuch einlösen. Ich war begeistert und wollte auch Mitglied im Klub werden. Es gab sogar einen, der ganz in der Nähe war. Mit den entsprechenden Emblemen geschmückt suchte ich die Anschrift auf. Das Bauernhaus lag an der Baron-Voght-Straße gleich rechts hinter dem Windmühlenweg. Ich klingelte und eine Frau öffnete. Der Sohn des Hauses war nicht da und seine Mutter eröffnete mir, dass es den Micky-Maus-Klub schon lange nicht mehr gab. Ich war enttäuscht und peinlich berührt und zuckelte wieder ab.

Aber einem anderen Club trat ich bei, den mir meine Eltern schmackhaft gemacht hatten, den Christlichen PfadfindernBeim Pfadfindergruß reicht man sich die linke, "vom Herzen" kommende Hand, während die rechte etwa auf Schulterhöhe empor gehoben wird. Dabei weisen Zeige-, Mittel- und Ringfinger nach oben und der Daumen legt sich auf den kleinen Finger.Siehe Wikipedia.org [4]. Da konnte man sein Fahrtenmesser an der Lederhose tragen und ein blaues Halstuch hatte man, deren lose Enden man für den Tag zusammenknoten konnte, wenn man eine gute Tat vollbracht hatte. Und der Wahlspruch lautete: Allzeit bereit! Bei der Begrüßung gab man sich die linke Hand, was mir als Linkshänder sehr entgegen kam. Was mir aber überhaupt nicht schmeckte, war etwas anderes. Wenn wir ums Lagerfeuer oder sonst im Kreis saßen, wurde einer aufgefordert, ein freies Gebet zu sprechen. Freies Sprechen lag mir schon gar nicht. Und dann noch ein Gebet, eine intime Sache, das tat man doch höchstens im stillen Kämmerlein. – Das kurze Ende vom Lied war, dass ich, kurz bevor ich in den Verein aufgenommen werden sollte, die Kurve kratzte.

Unser Vater war völlig unmusikalisch. Anfangs war es mir peinlich, wenn er in der Liturgie mit den Tönen voll daneben lag. Selbst wenn ihm der Organist vorher den Ton zum Der Herr sei mit euch angegeben hatte. So lag die musikalische – wie auch die sonstige – Erziehung in den Händen unserer Mutter. Sie sang gern mit uns und sie rezitierte, sang oder las uns viele Balladen vor, ein großer Schatz, von dem ich bis heute profitiere. Blockflöte lernten wir sehr früh. Und bald nach dem Umzug wurde ein Klavier angeschafft. Thomas und ich sollten Klavierspielen lernen. Sicherlich sollten wir auch einem gutbürgerlichen Bildungsideal entsprechen, aber das war es wohl nicht allein. Es war die gute Absicht, uns etwas mit auf den Weg zu geben, was nicht jeder bekommen konnte. Einmal in der Woche bekamen wir Unterricht bei Hannelore Burdorf, einer Freundin des Hauses. Sie wohnte in der Gottorpstraße in Othmarschen auf der anderen Seite der S-Bahn. – Leider kann ich heute kein Klavier spielen, denn der Unterricht endete nach fünf Jahren abrupt durch unseren Umzug nach Jerusalem. Außerdem hatte ich nie wirklich Lust zu üben. Mir fehlte die Einsicht, das Klavierspiel für mich zu lernen und zu entdecken.

Als wir nach Groß Flottbek zogen, war ich bereits in der vierten Klasse und absolvierte den Rest des Schuljahres in der Grundschule am Osdorfer Weg. Danach sollte ich aufs Gymnasium gehen. Auf der anderen Seite der S-Bahn, dort wo heute die Autobahn A7 verläuft, befand sich das Christianeum, eines der renommierten altsprachlichen Gymnasien der Stadt. Dort wurde ich Ostern 1955 in die Klasse 5a eingeschult, denn damals begann das Schuljahr immer zu Ostern. Latein gab es ab der Sexta, zwei Jahre später sollte Altgriechisch hinzukommen und irgendwann auch Englisch. Hatten meine Eltern die Schule vielleicht deshalb gewählt, weil sie die Hoffnung hatten, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters trete?

Ich blieb dort ein halbes Jahr. Dann wurde festgestellt, dass ich hyperaktiv war, heute würde man wohl von ADHS sprechen. Was die Ursache war, lag damals im Dunkeln. Vielleicht war ich überfordert? Schließlich wurde ich bereits unmittelbar nach meinem sechsten Geburtstag eingeschult. Meine Eltern beschlossen jedenfalls, mich für den Rest des Schuljahres aus der Schule zu nehmen. Ich erinnere mich, dass das eine schöne Zeit war, kam mir aber immer etwas komisch vor, weil ich zuhause blieb, während alle anderen Kinder in die Schule gingen. Aber die Freiheit dauerte nicht lange, denn Ostern 1956 begann für mich wieder die Schule, diesmal in einem neusprachlichen Gymnasium ganz in unserer Nähe.

[1] Meine Geschichte 100 Jahre Altonaer Volkspark, siehe https://ewnor.de/mm/1052_mm.php
[2] Meine Geschichte 100 Jahre Altonaer Volkspark, siehe https://ewnor.de/mm/846_mm.php
[3] Der Micky-Maus-Klub (MMK) wurde in den 1950er-Jahren als redaktioneller Teil in der Comiczeitschrift Micky Maus des Ehapa-Verlages gestartet. Für die Klubmitglieder wurde eine eigene Satzung mit 12 Paragraphen erstellt, bei der es in Paragraph 6 hieß, dass es die vornehmste Aufgabe jedes Klubs ist, so viele gute Taten wie nur möglich zu vollbringen. Paragraph 3 legte fest, dass die MMK-Mitglieder höflich zu allen Erwachsenen, besonders zu ihren Eltern und Lehrern sind.
[4] Der Pfadfindergruß ist ein Gruß, den sich Pfadfinder weltweit geben. Beim Pfadfindergruß reicht man sich die linke, vom Herzen kommende Hand, während die rechte etwa auf Schulterhöhe empor gehoben wird. Dabei weisen Zeige-, Mittel- und Ringfinger nach oben und der Daumen legt sich auf den kleinen Finger. Teilweise ist es üblich, den Arm zum Kopf anzuwinkeln, wenn eine Kopfbedeckung (Pfadfinderhut, Barett) getragen wird.