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Rückreise mit Hindernissen (Koroni 1996)

Für den Sommer 1996 planten wir, Urlaub in Griechenland zu machen. Meine griechische Klassenkameradin Maria, die zu der Zeit im Tourismus in Athen tätig war, unterstützte uns dabei, einen geeigneten Urlaubsort zu finden. Unsere Wahl fiel auf Koroni, ein Städtchen im südöstlichen Messenien, also an der Innenseite des kleinen Fingers vom Peloponnes.

Mit von der Partie waren meine Frau, unsere Tochter (17) und unser jüngster Sohn (12). Hamburg Airlines brachte uns nonstop nach Athen. Von dort holte uns ein von Maria organisiertes Taxi ab, das uns nach Koroni brachte. Zu unserem Leidwesen hatte es weder Sicherheitsgurte noch Klimaanlage (es war Mitte Juli!), und der Fahrer sprach kein Englisch.

Koroni liegt auf einer felsigen Landzunge mit steil abfallenden Klippen, auf der eine byzantinisch-osmanische Festungsanlage thront. Drum herum ein typisch griechisches malerisches Städtchen. Etwa einen km südlich des Städtchens befand sich unsere weiß getünchte, spartanische, aber zweckmäßig eingerichtete Ferienwohnung, die oberhalb eines breiten kilometerlangen Sandstrandes lag. Direkt am Strand befand sich eine Surfschule.

Wir genossen das warme Klima ausgiebig, badeten und lernten Surfen. Der Sand war so fein, dass er knirschte, und so heiß, dass man sich, barfuß gehend, die Fußsohlen verbrennen konnte. Wir hörten, dass hier in der Gegend die Meeresschildkröten ihre Eier ablegen, ein idealer Brutplatz.
Wenn wir nachts nach dem Essen von Koroni aus am Strand entlang zu unserem Quartier gingen, umspülte das warme Wasser unsere Füße. Bei jedem Schritt und jeder Welle konnten wir ein Naturschauspiel bewundern: Meeresleuchten in blaugrünem Licht.

Irgendwann ist auch der schönste Urlaub einmal zu Ende, und wir mussten die Rückreise antreten. Nach der Erfahrung der Hinfahrt hatten wir uns rechtzeitig informiert und Tassos mit seinem Taxi für angemessene 40.000 Drachmen (≅250 DM) gemietet, um uns nach Athen zu bringen. Er besaß nämlich ein neues, geräumiges Taxi mit Sicherheitsgurten und Klimaanlage. Und er sprach Englisch.
Es kam, wie es kommen musste: Schon wenige Kilometer, nachdem wir Koroni verlassen hatten, fuhr Tassos in einem Dorf auf ein anderes Fahrzeug auf. Wenn das Auto Airbags gehabt hätte, wären sie sicherlich aufgegangen, so heftig war der Aufprall. Unser Jüngster stieß sich den Kopf, aber sonst war uns nichts passiert. Nur Tassos hatte wohl einen heftigen Schock. Und das nicht nur wegen des kaputten Autos und der Umsatzeinbuße.

Nun hatten wir plötzlich ein Problem. Schnell lief eine große Menschenmenge zusammen. Andere Taxifahrer witterten ein Geschäft. Aber keiner hatte ein Taxi mit Sicherheitsgurten und Klimaanlage. Und keiner sprach Englisch. Wir hatten keine Wahl. Wir luden unser Gepäck um, und Tassos klärte das Finanzielle mit dem neuen Fahrer. Dann begann die 300 km lange Aufholjagd, denn das Flugzeug würde nicht auf uns warten, da waren wir uns sicher.

Jetzt mussten wir die verlorene Zeit wieder einholen, und ich versuchte, das dem Fahrer deutlich zu machen. Aber der tat schon sein Bestes auf der kurvenreichen und teils gebirgigen Strecke durch den Peloponnes.
Und dann näherten wir uns Athen, dem Verkehrsmoloch. Wir waren noch lange nicht da und die Zeit wurde immer knapper, denn um zum Flugplatz zu kommen, muss man ganz durch Athen durch! Meine Nerven waren aufs äußerste gespannt. Meine Frau sagte später, sie hätte mich noch nie so angespannt erlebt. Aber schließlich hatte die Zitterpartie ein Ende und wir erreichten den Flieger mit Müh‘ und Not.

 Epilog 

In seinem Lied What a Lucky Man You Are beschreibt Reinhard Mey ein Urlaubserlebnis mit seiner Familie irgendwo im sonnigen Süden. Er schrieb das Lied 1998, und ich stelle mir vor, dass er kurz vorher auch in Koroni gewesen sein musste. Denn mit der Stimmung der ersten Zeilen des Liedes trifft er genau mein Gefühl von damals:

Der letzte Ferienabend in dem quirl'gen Sonnenland
Ein letztes Mahl gemeinsam in dem Straßenrestaurant.
Brotkrumen, halbvolle Gläser, Rotweinflecken auf Tischdecken aus Papier.
Gegessen und getrunken, viel erzählt und viel gelacht,
Das letzte, aber diesmal wirklich letzte Glas gebracht.
Malereien und Strichmännchen und das Wechselgeld im Teller schon vor mir…

Und wenn ich die folgenden Verse lese, mit denen er seine Familie beschreibt, denke ich: Wo und wann hat er uns eigentlich beobachtet? — Die Rückfahrt hatte den Urlaub also nicht überschatten können.

Meine Tochter hat mir damals zum Geburtstag den Text des Liedes gerahmt und mit Fotos meiner Lieben bebildert. Er hängt seitdem bei mir an der Wand.