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Rückreise mit Hindernissen (London 2000)

In den Herbstferien 1988 flogen meine Frau und ich mit unseren großen Kindern (damals 11 und 9 Jahre alt) nach London. Unser Jüngster (damals noch 4) musste zu Hause bleiben, weil wir sicher waren, dass er und wir unter diesen Umständen nicht viel von London haben würden. Das fand er aber gar nicht witzig, und deshalb versprachen wir ihm, zu gegebener Zeit auch mit ihm nach London zu reisen. So weit zur Vorgeschichte.

12 Jahre später, wieder die Herbstferien: Wir haben die versprochene London-Reise gebucht. Auch mein Vetter, der in London lebt, stand mit auf dem Programm. Als wir uns zum Tee ankündigten, eröffnete er uns, dass er mit Frau und Kind einen Tag nach unserer Ankunft nach München zu einer Taufe reisen würde. So konnten wir in ihrer London-typischen Reihenhaus-Wohnung wohnen, was uns sehr gelegen kam.

In London braucht man Zeit. Es gibt dort so viel zu sehen, dass man locker den Urlaub mehrerer Jahre damit abdecken kann. Und so verbrachten wir einige herrliche Tage mit Sightseeing. Die Aufzählung der Londoner Touristenziele erspare ich mir an dieser Stelle. Aber von einem Erlebnis möchte ich berichten:
Durch Mme. Tussaud’s und dem Tower waren wir bereits gewohnt, Schlange zu stehen (jeweils zwei Stunden). Als wir nun zum House of Parliament kamen, war dort wieder eine Schlange. Eigentlich wollten wir nur mal von außen gucken. Aber wir waren bereits so britisch trainiert, dass wir uns anstellten. ‑ Bereits eine Stunde später saßen wir auf der Zuschauertribüne des House of Commons und konnten einer Sitzung beiwohnen! Der Verteidigungsminister musste zu Fragen der Britischen Werften Rede und Antwort stehen. Tony Blair war leider nicht zugegen.
Nun aber zurück zum Thema Zeit und damit zum Rückreisetag:
Sonntag, 29. Oktober 2000. Wir haben viel Zeit. Um 13.30 Uhr soll unser Flieger von London-Stansted nach Hamburg abfliegen. Wir sitzen also gemütlich beim Frühstück in des Vetters Wohnung.

Ich gehöre zu den Menschen, die gern pünktlich sind, aber auf keinen Fall überpünktlich! Das wäre ja Zeitverschwendung! Und dabei riskiere ich auch mal einen Zuspätkommer. Aber heute will ich kein Risiko eingehen, weil unsere Flugkarten mit zwei Stempeln versehen sind. Der eine lautet: Dieses Ticket hat keinen Erstattungswert, und der andere: Dieser Flug ist nicht umbuchbar. Ich rechne also: Eine Stunde vor Abflug da sein, maximal 1,5 Stunden mit Tube und British Rail nach Stansted. Also um 11.00 Uhr aus dem Haus.

Wir gehen bereits um 10.30 Uhr. Zu Fuß zur U-Bahn, Station Finsbury Park, dann mit der Tube bis Tottenham Hale. Alles ist verdächtig leer, aber ich schiebe das auf den Sonntag. Als wir zur British Rail die Treppe hoch kommen, steht dort ein netter Railman und informiert uns über den Oberleitungsschaden. Wir müssen also zurück bis Seven Sisters und dort in den Zug steigen. Gut, denke ich, der starke Sturm, (der, wie sich später herausstellt, große Teile Englands unter Wasser setzen wird,) und mit der British Rail gab es ja in den letzten Monaten laufend Probleme ‑ ist ja auch die Strecke, auf der der Intercity entgleist ist, also: take it british, take it easy.

Wir also zurück bis Seven Sisters, Treppe hoch zum Vorortszug Richtung Stansted. Als wir oben auf dem Bahnsteig ankommen, steht dort schon der Zug. Aber der ist bereits total überfüllt. Tokio in der Hauptverkehrszeit ist harmlos dagegen. Erschwerend wirkt sich aus, dass alle Menschen dasselbe Ziel haben: Flughafen Stansted. Und alle haben ihre Koffer dabei…
In einem der hintersten Waggons hat man Erbarmen mit uns. Wir quetschen uns hinein. Nichts Genaues weiß man nicht. Die Gerüchteküche brodelt. Schließlich die Information, dass in Cheshunt Busse für den Transfer zum Flughafen bereitstehen.

In Cheshunt leert sich der Zug rapide. Ich habe mir bereits an fünf Fingern abgezählt, dass es ein paar mehr Busse braucht, um die Menschen aus einem überfüllten Vorortszug unterzubringen. Alles hastet zu den fünf Bussen, die uns nach Stansted bringen sollen. Es ist bereits 11.30 Uhr und auf den Tickets sind zwei Stempel...
Wir steuern also gleich einen hinteren Bus an. Unser Sohn wird in den Bus vorgeschickt, meine Frau und ich verstauen die Koffer unten im Bus. Als wir einsteigen wollen, ist der Bus voll. No standing! Keine Stehplätze!

Die anderen vier Busse sind bereits umlagert. Aber da kommt ein sechster Bus! Stolpernd und stoßend (very unbritish!) erreichen wir ihn. Wie wir es geschafft haben, die Koffer im Fach am Ende des Busses unterzubringen und trotzdem noch vorn reinzukommen, grenzt an ein Wunder. Ich habe noch einen kurzen Disput mit einer Schwedin über einen besetzten Platz, aber dann haben wir es geschafft! Wir sitzen (wenn auch nicht zusammen) und keiner kriegt uns mehr hier raus!
Der Bus fährt uns durch die schöne englische Herbstlandschaft, die ich jetzt wieder wahrnehmen, nicht aber genießen kann: Es ist bereits weit nach 12.00 Uhr und auf den Tickets sind die beiden Stempel...
Der Bus soll uns nun direkt nach Stansted bringen. Da ich dem Frieden nicht so recht trauen will, frage ich einen der wenigen an Bord befindlichen Eingeborenen, der neben mir sitzt. Er sagt jedoch, dass wir nach Harlow Mill fahren und dort wieder in einen Zug nach Stansted umzusteigen müssen. Auf meine Nachfrage are you sure? schwört er Stein und Bein. Der Bus hält am Bahnhof in Harlow Mill. Alle raus. — Fehlalarm! Alle wieder rein. Der Bus bringt uns nun doch nach Stansted.
Pünktlich um 13.30 Uhr (unser Abflugtermin!) kommen wir schließlich am Flughafengebäude an und durcheilen es im Laufschritt. Die Stewardess fertigt uns ohne Detektor ab, die kleine fahrerlose Bahn bringt uns sicher zum vorgelagerten Terminal. Geschafft! — Dann eine Lautsprecherdurchsage: Der Abflug nach Hamburg  verzögert sich...

Wozu sind eigentlich die beiden Stempel auf den Tickets…?