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Rückreise mit Hindernissen (München 2010)

Am 15. und 16. April 2010 flog ich nach München, um dort beim Kunden einen langfristig geplanten zweitägigen Workshop durchzuführen. Die Flüge waren natürlich längst gebucht, und auch der Pilotenstreik, der eine Woche vorher angekündigt worden war, fand nicht statt. Eine ganz normale Dienstreise. Und am 16. April wollte ich mit Flug LH054 um 17.05 Uhr  zurück nach Hamburg fliegen.

Am Abend des 15. rief mich meine Frau im Münchner Hotel an und erzählte mir von der Vulkanasche über Deutschland, die vom Ausbruch des unaussprechlichen Eyjafjallajökull auf Island stammte. Süddeutschland war noch nicht betroffen, aber der Hamburger Flughafen war schon dicht. Trotzdem holte ich mir übers Internet noch die elektronische Bordkarte für den Rückflug und reservierte mir den Platz 18C.

Die Abendnachrichten verhießen nichts Gutes, die Morgennachrichten waren noch düsterer. Nach dem Aufstehen versuchte ich dauerhaft und vergeblich, die Lufthansa zu erreichen. Kurz vor 8.00 Uhr erreichte ich telefonisch einen Kollegen in Hamburg. Da ich davon ausging, dass die Züge total überfüllt sein würden, bat ich ihn, mir einen Leihwagen zu ordern. Mir selbst war es nicht möglich, weil mein Workshop um 8.00 Uhr anfing. Er versprach, sich zu kümmern.

Um 9.00 Uhr rief unsere Sekretärin zurück. Sie hatte wider Erwarten noch eine Buchung bei der Deutschen Bahn für mich bekommen. Die Reservierungsbestätigung mit der Auftragsnummer 753121233 bekam ich aufs Smartphone: Ab München Hbf um 14.20 Uhr mit ICE 786, 1. Klasse (die 2. Klasse war wie erwartet längst überbucht), an Hamburg Hbf um 19.53 Uhr. Die Auftragsnummer sollte ich einfach am Hauptbahnhof in einen Fahrkartenautomaten eintippen, dann würde ich meine Fahrkarte bekommen.

Der Workshop verlief zum Glück störungsfrei. Als ich dann in der S-Bahn zum Münchner Hauptbahnhof saß und schon fast dort war, fiel mir siedend heiß ein, dass ich in dem ganzen Stress vergessen hatte, eine S-Bahn-Fahrkarte zu kaufen. Mit zitternden Knien fuhr ich die Rolltreppe hoch, aber zum Glück standen an der Sperre keine Kontrolleure.

Sofort suchte ich mir einen freien Automaten, um die Auftragsnummer einzutippen. Aber das Gerät verweigerte die Annahme. Entweder hatte ich mich vertippt, oder unsere Sekretärin hatte eine falsche Nummer übermittelt. Also ein weiterer Versuch an einem anderen Automaten. Wieder nichts. Hatte ich irgendetwas missverstanden? Mit einem Anruf im Sekretariat rückversicherte ich mich, aber die Auftragsnummer war korrekt.

Ich suchte also das überfüllte Service-Center der DB auf — zum Glück hatte ich einen ausreichenden Zeitpuffer. Aber auch der dortigen Servicekraft war der Erfolg nicht beschieden. Sie sagte, dass das hin und wieder vorkomme. Meine Frage, ob der Schaffner die Auftragsnummer akzeptieren würde, verneinte sie. Aber ich könne mir im Zug eine neue Karte kaufen und den Fahrpreis später wiederbekommen.

Ich ging das Risiko ein und bestieg den Zug, der natürlich, wie nicht anders erwartet, knüppeldicke voll war. Meine erste Tat war, einen Fahrgast von meinem Platz zu verdrängen. Aber ich war gar nicht so sicher, ob es wirklich mein Platz war, denn das Reservierungs-Display über dem Sitz war leer. Es war der zweite Indikator dafür, dass meine Buchung nicht richtig im System der DB angekommen war.

Mit 15 Minuten Verspätung fuhr der Zug los. Nach einiger Zeit meldete sich der Zugchef über Lautsprecher und begründete die verspätete Abfahrt damit, dass er selbst den Zug wegen der vielen Reisenden kontrollieren musste.

Dann kam die Kontrolleurin. Ich erklärte meine Situation und zeigte ihr auf dem Smartphone die Reservierungsbestätigung des Reisebüros, die ich als PDF mit der Mail vom Büro bekommen hatte. Wider Erwarten akzeptierte sie das ausnahmsweise als Nachweis. Die Kontrolleure hatten offensichtlich aufgrund der allgemein angespannten Verkehrssituation die Order bekommen, kulant zu sein.

In Nürnberg trafen wir um 16.00 Uhr ein. Durchsage des Zugchefs: Zurzeit befinden sich zu viele Personen im Zug. Ich bitte Sie, dass einige Personen freiwillig den Zug verlassen. Dann passierte in meinem Wahrnehmungskreis nichts mehr. Eine Mitreisende beobachtete aber, dass Polizisten den Zug betraten. Gerüchteweise hatten die Verantwortlichen die Gänge in der 2. Klasse räumen lassen. Der ICE fuhr jedenfalls unkommentiert um 16.30 Uhr wieder an.

Um 16.47 Uhr meldete sich der Chef vom Dienst wieder: Wir hätten wieder zu viele Reisende an Bord gehabt, sie mussten deshalb einen Teil des Zuges räumen. Aber die Sicherheit stünde ja an oberster Stelle. Und dafür hätten wir sicher Verständnis.

Dasselbe Spiel in Würzburg: Ankunft um 17.20 Uhr, dann um 17.30 Uhr wieder die Durchsage, dass der Zug zu voll sei. Diesmal fuhr der Zug schon 5 Minuten später wieder ab.

An den folgenden Stationen lief glücklicherweise alles reibungslos. Schließlich kam der Zug mit einer Verspätung von nur einer knappen Stunde um 20.45 Uhr in Hamburg an. Danach hatte ich keine Lust mehr auf öffentliche Verkehrsmittel und  nahm mir ein Taxi nach Norderstedt.