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Last Night of the Proms

Schon mal was von der Last Night of the Proms gehört? Es ist das Abschlusskonzert der Proms, der traditionellen Promenadenkonzerte in London. Es findet immer in der Royal Albert Hall in Kensington statt, südlich des Hyde Parks.

Die Last Night ist der Höhepunkt der Proms. Das Interesse ist riesig, es ist fast unmöglich, an Eintrittskarten zu kommen. Deshalb wurde die Last Night um Parallelveranstaltungen ergänzt, die Proms in the Park. Die Veranstaltung im Hydepark wird beispielsweise von 40.000 Menschen besucht. Zum Abschluss wird das Konzert aus der Royal Albert Hall per Direktschaltung in die Parks zu den Nordiren, Schotten und Walisern auf eine Großbildleinwand übertragen — und natürlich im Fernsehen.

Seit vielen Jahren sehen wir uns die Last Night im N3 an, dem Regionalprogramm des Norddeutschen Rundfunks. Meine Frau sagt dann jedes Mal: Das möchte ich mal live erleben. Im September 2012 war es dann endlich so weit. Vetter Sebastian, der schon seit undenkbar langer Zeit in London lebt, hatte uns die Karten besorgt, und so flogen wir vom 7. bis zum 9. September 2012 nach London, um einen uralten Traum wahr zu machen.

Wir hatten uns im Gästehaus des Imperial College eingemietet, das nur einen Steinwurf von der Royal Albert Hall entfernt ist. Man erreicht es von Heathrow kommend mit der Piccadilly Line, steigt in South Kensington aus, folgt der Exhibition Road nach Norden, lässt rechts das Victoria and Albert Museum und links das National History Museum und das Science Museum liegen. Nachdem wir uns eingemietet hatten, besuchten wir aber zuerst (auch mit der Piccadilly Line) Vetter Sebastian und Familie und verbrachten dort einen sehr gemütlichen und entspannten Abend.

London ist faszinierend! Es war das letzte Wochenende der Paralympischen Spiele und die Stimmung in der Stadt war fröhlich und aufgeschlossen. Am Sonnabend erwanderten wir uns alle bekannten Touristenziele, sodass wir am Abend runde Füße hatten. Überall fühlt man sich von der Pracht und Herrlichkeit der riesigen imperialistischen Gebäude aus der Kolonialzeit erschlagen, die auch daran erinnern, wo der Reichtum des British Empire herkommt. Kann man da wirklich von Commonwealth, gemeinsamem Wohlstand, sprechen?

Die Last Night am Abend ist große Show und genau wie im Fernsehen, nur eben live! Wir sitzen im Rang hoch über dem Eingang, durch den die Akteure auftreten, und haben so einen guten Überblick über die gesamte Szenerie: Zur Rechten das Orchester, darüber der 130 Sänger starke Chor. Mittig auf halber Höhe hängen große Monitore, auf denen man verfolgen kann, was die BBC gerade ausstrahlt. Zur Linken das Publikum auf mehreren Ebenen ‑ kaum erwähnenswert, dass die Halle bis zum letzten Platz ausgebucht ist. Und unterhalb der Ränge das Parkett, wo es traditionell nur Stehplätze gibt. Hier stehen die heimlichen Akteure der Last Night, die stimmungsmachenden, Fähnchen schwingenden Fans mit ihren Trommeln und Tröten. Schon der Einzug dieser Akteure war ein Schauspiel für sich, die Verkleidungen abenteuerlich. Von der Safari-Aufmachung bis zum gediegenen alt-englischen Stil ist alles vertreten. Und natürlich darf der Picknickkorb nicht fehlen!

Der erste Teil des Konzerts unterscheidet sich nicht wirklich von einem normalen klassischen Konzert. Sehr gut hat uns der junge Solo-Tenor Joseph Calleja gefallen, der das Publikum mit viel Enthusiasmus überzeugte. Alles verläuft noch relativ seriös. Aber doch liegt schon eine gewisse unruhige Spannung in der Luft.

Der N3-Fernsehzuschauer weiß schon, was nach der Pause kommt: Erst verhalten, dann immer heftiger, geht die Post ab. Hier kann man entfesselte Briten erleben. Ein Meer von Fahnen — nicht nur Union Jacks, sondern international, auch deutsche und Hamburger Fahnen waren zu sehen — im Parkett und auf allen Rängen. Es wird, meistens im Takt, getrommelt und getrötet. Und dann kommen die patriotischen Hymnen wie Jerusalem, Land of Hope and Glory und Rule Britannia, bei denen es Tradition ist, dass das Publikum mitsingt. Wir fanden es bemerkenswert, wie unverkrampft und locker die Briten dabei ihren Nationalstolz zeigen. Das ist einfach nur Spaß und Fröhlichkeit. Da schwingt nichts von dem mit, was wir Deutschen Jahrzehnte lang mit uns rumgetragen haben und zum Teil immer noch mit uns rumtragen, dieses bedrückende Schuldgefühl für Untaten, die vor unserer Zeit begangen wurden, und das erst mit der Fröhlichkeit der Fußball-WM 2006 durchbrochen wurde. Und deshalb sangen wir auch wir kräftig mit.

Die Last Night wird abgerundet mit God Save the Queen, und dann stimmt das Publikum schließlich Auld Lang Syne an. Alle kreuzen die Arme und reichen sich die Hände, während sie einstimmen. Das Lied ruft bei mir Erinnerungen an Kindheit und Lagerfeuerromantik wach. Den deutschen Text kennt wohl jeder:

Ein schöner Tag zu Ende geht
die Sterne sind erwacht
wir reichen uns die Hände nun
und sagen Gute Nacht

Erfüllt von diesem beeindruckenden Erlebnis gingen wir in unser Quartier zurück.

Am nächsten Vormittag bummelten wir noch durch Kensington und Chelsea, bevor uns der Flieger wieder nach Hause brachte.