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Südafrika — Land der Kontraste

2006 hatte unsere Schwiegertochter Sabine eine Stelle beim Deutschen Entwicklungsdienst in Pretoria angenommen, und unser ältester Sohn Benjamin war als MAPMAP, Abkürzung für Mit-Ausreisender Partner mit von der Partie. Wenn die beiden nicht in Pretoria gewesen wären, dann wären wir sicherlich nicht auf die Idee gekommen, nach Südafrika zu reisen. Aber da wir schließlich zu den wenigen gehörten, die sie dort noch nicht besucht hatten, machten wir uns an die Planung. Unsere Pretorianer schlugen uns den deutschen Herbstanfang als günstigste Reisezeit vor. Und da der Vertrag unserer Schwiegertochter bis zum Februar 2008 lief, konnten wir die Reise ohne Stress für den Herbst 2007 planen.

So buchten wir im April 2007 zwei äußerst preisgünstige, aber dafür nicht umbuchbare  Lufthansa-Tickets von Hamburg nach Johannesburg (9./10. September) und zurück (3./4. Oktober).

Im Sommer begann Sabine, die Hamburger Stellenanzeigen zu durchforsten, und bewarb sich bei einer großen international operierenden Hausmaklerfirma. Diese bekundete sofort reges Interesse, wollte aber nicht bis zum Februar 2008 auf sie warten. Die Vertragsparteien einigten sich deshalb auf den Arbeitsbeginn zum 1. Oktober 2007. Und da Sabine noch Resturlaub zu nehmen hatte, planten unsere beiden Pretorianer ihre Rückkehr nach Deutschland bereits für Mitte September…

Inhaltlich hatten wir unseren Aufenthalt noch nicht durchgeplant, und nun mussten wir aus der Not eine Tugend machen. Es war schließlich klar, dass wir uns um nur eine Woche überschneiden würden. Diese Woche wollten wir in Pretoria verbringen, um noch etwas von der Landeserfahrung der beiden profitieren zu können. Für die drei Wochen danach buchten wir eine Mietwagentour durch das Land.

Wir hatten inzwischen viel über Südafrika gehört und gelesen, vor allem natürlich von unseren Kindern. Zum Beispiel von der bis 1994 geltenden Apartheid, von den Problemen des Landes mit AIDS und von der hohen Kriminalitätsrate. Aber davon will ich hier nicht berichten.

Die ersten Eindrücke, die man dort als Tourist bekommt, sind vielseitig. Einiges ist im Vergleich mit Deutschland anders herum: Zuerst muss man sich natürlich an den Linksverkehr gewöhnen. Damit nicht genug: Die Orientierung in der Landschaft wird dadurch erschwert, dass die Sonne scheinbar links rum läuft und mittags im Norden steht! Dann sind da noch die Spuren der britischen Kolonialmacht: Sie haben das Traditional English Breakfast, Lunch und Dinner eingeführt. Aber viel schlimmer ist die Unsitte der Briten, für warmes und kaltes Wasser getrennte Wasserhähne zu haben, selbst in besseren Hotels. Entweder wäscht man sich mit kaltem Wasser, oder aber man verbrüht sich die Finger. Da ist doch eine ordentliche Mischbatterie, die es bei uns in Deutschland schon seit 40 Jahren gibt, doch ein wahrer Kultursegen.

Aber natürlich gibt es auch Positives zu berichten. In den Restaurants wird ein leerer Teller sofort abgeräumt, sodass man nicht vor seinem abgegessenen Teller sitzen muss. Die Bedienung ist meist freundlich, wünscht uns ein freundliches enjoy zum Mahl und verabschiedet uns mit take care! Alles ist halb so teuer: Autos, Benzin, Essen (gehen). Trotz der oft großen Armut sind die Menschen fröhlich. Sie jammern nicht auf hohem Niveau wie hierzulande.

Die Reisezeit war gut gewählt. Im September beginnt in Südafrika der Frühling. Es ist trocken, die Regenzeit hat noch nicht begonnen. Es gibt noch keine Mücken, und man hat gute Sicht in den Reservaten. Der Nachteil: Die Landschaft ist noch nicht voll ergrünt, die Blütenpracht relativ gering. Wir haben uns in Südafrika zwischen dem 25. und 34. südlichen Breitengrad aufgehalten. Das entspricht auf der nördlichen Halbkugel dem Bereich zwischen Beirut im Libanon und Assuan in Oberägypten. Und entsprechend warm ist das Klima.

Am 9. September ging es schließlich los, Frankfurt — Johannesburg nonstop in der Holzklasse, 10 Stunden Nachtflug mit einer uralten B747/400. Vorher hatte der Kapitän noch einem stockbesoffenen Russen den Flug verweigert, der sich zwei Reihen vor uns niedergelassen hatte.

Als wir am 10. September in Johannesburg ankamen, herrschten dort hochsommerliche Temperaturen von 28°C, obwohl Johannesburg und Pretoria auf einer Hochebene, 1000 m ü. M., liegen. Unsere Kinder holten uns vom Flughafen ab.

In den ersten Tagen genossen wir, liebevoll umsorgt von unseren Kindern, eine weiche Landung in der neuen Umgebung, langsame Gewöhnung an den Straßenverkehr und die andersartige Natur: Bunte Vögel und blühende Blumen und Bäume trotz Winter. Wir fühlten uns an Südamerika erinnert. Ein Webervogel baute sein Nest im Baum über der Terrasse. Abends saßen wir unter dem Kreuz des Südens.

Sabine hatte bereits ihren Resturlaub angetreten, und so fuhren wir gleich am nächsten Morgen vor dem Aufstehen (in der Frühe sieht man die Tiere eher) in das Naturschutzreservat Pilanesberg westlich von Pretoria. Es ist ein fast kreisrundes Reservat mit einem Durchmesser von ca. 40 km auf einem uralten Vulkankegel. Ausbeute: 1 Elefant, 1 Löwe, 1 Hippo mit Kind, 2 Nashörner von weitem, viele Giraffen, Zebras, Gnus, Impalas, ein Rotbauchwürger. Am Abend haben wir uns dann in der Shopping Mall schnell noch ein Fernglas gekauft, über dessen Anschaffung wir uns täglich freuen sollten. Anschießend genossen wir unser erstes afrikanisches Essen in milder Luft auf der Dachterrasse eines Restaurants in der Shopping Mall.

An einem anderen Tag hatte Sabine für uns eine Township-Tour gebucht. Sie hatte Lukas, den Fahrer ihrer Firma, engagiert, um uns die Townships Mamelodi (im Osten von Pretoria) und Soweto (SOuth-WEst-TOwnship im Südwesten von Johannesburg) zu zeigen. Wir besichtigten die Häuser von Nelson Mandela und Desmond Tutu, das Hector-Pieterson- und das Apartheid-Museum, das einen tiefen Eindruck bei uns hinterlassen hat. Mittags aßen wir in einer Shabeen, einem traditionell-afrikanischen Township-Restaurant.

Am Sonnabend begann dann unsere Mietwagentour. Alle Hotels und der Mietwagen sind als Paket vorgebucht, sodass man nur noch für die Fahrten zwischen den Nachtquartieren verantwortlich ist. Ein bis zwei Tage ist man an einem Standort und dazwischen legt man Strecken von 400 bis 500 km zurück. Zum Glück hatte ich bei der Buchung der Mietwagentour die Eingebung, das Auto von einem City-Golf (dortige Billig-Version ohne alles) auf einen komfortablen Honda mit Automatik und Klimaanlage nachzubessern, was sich bald als großer Vorteil erweisen sollte.

Ich beschränke mich hier auf die schönsten und beeindruckendsten Stationen der Reise. – Die Reise führte uns zuerst nach Osten zum Krüger-Nationalpark. Nach einer Zwischenstation in Graskop machten wir einen Abstecher nach Norden zu God's Window. Wenn man dort steht, weiß man sofort, warum dieser Aussichtspunkt so heißt. Er liegt auf einem Berg, von dem man eine weite Sicht in eine 700 m tiefer liegende Ebene hat. Wir wurden belohnt: Der Blick auf Afrika aus der Vogelperspektive war wirklich überwältigend.

Auf dem Weg zum Krüger-Nationalpark müssen wir durch Hazyview fahren. Auf der Landkarte ist Hazyview zwar eine Stadt, besser trifft aber der Begriff Besiedelung, die auf einem Gebirgskamm liegt und sich über mehrere zig Kilometer erstreckt. Da unsere Routenbeschreibung unbefriedigend ist, verpassen wir die Abfahrt zum Krügerpark und fahren etwa 20 km auf diesem Gebirgskamm entlang. Es ist Sonntag. Kinder und Erwachsene sind auf dem Weg zur Kirche oder zur Sonntagsschule. Sie tragen prächtige leuchtende Kleidung in jeweils der Farbe, in der auch ihre Kirchen gestrichen sind. Aber es ist auch ein bisschen unheimlich, durch Mensch und Vieh zu fahren. Wir bekommen einen kleinen Vorgeschmack auf die Fahrt durch die Transkei. Aber davon später.

Im Krügerpark wohnt man in Camps. Das sind Wohnanlagen im Baustil der Zulu und Xhosa: Rundhütten mit spitzem Strohdach, allerdings mit allem Komfort und Klimaanlage ausgestattet. Die Camps sind gegen die wilden Tiere eingezäunt. Nur die ungefährlichen Tiere wie Affen oder Impala dürfen hinein. Aber man darf sie auf keinen Fall füttern, weil sie sonst betteln und aggressiv werden und dann erschossen werden müssen.

Wir wohnen zwei Nächte im Pretoriuskop Camp im Süden des Nationalparks. In diesem Teil waren zwei Monate zuvor, wie uns ein Ranger berichtete, durch den Brandstiftungs-Amoklauf eines gehörnten Ehemannes große Bereiche des Buschs dem Feuer zum Opfer gefallen. Es war zwar ein trostloser Anblick, aber jede Medaille hat zwei Seiten: Wir konnten die Tiere in der Landschaft gut erkennen.

Unsere Touren durch den Park machten wir mit dem eigenen Mietwagen. Am ersten Abend genehmigten wir uns aber einen Sunset Drive mit Führer auf einem 20-sitzigen Ranger-Auto. Die Fahrt ging noch in der Helligkeit los, es war sehr warm und wir waren entsprechend gekleidet. Aber wer schon einmal in den Breiten gewesen ist, der weiß, dass die Sonne pünktlich um 18 Uhr und sehr schnell untergeht, und dass es dann bitterkalt und je nach Mond stockdunkel werden kann. So kam es dann auch. Zum Glück hatte der erfahrene Ranger einige Wolldecken für unbedachte Touristen an Bord und wir konnten uns eine teilen. Wir wurden mit einem Rudel von sieben Hyänenhunden, mehreren Rhinos, drei Elefanten, einer Herde von ca. 100 Büffeln und mit dem Kreuz des Südens entschädigt.

Der Abschied fällt uns schwer, denn wir haben auf unseren Rundfahrten im Südteil des Parks beeindruckende Pflanzen und Tiere gesehen: Einen Leberwurstbaum mit seinen leberwurstförmigen Früchten und noch beeindruckenderen 10 cm großen tiefroten Blüten, einen Junglöwen, der satt neben einem halben Impala ruhte, neben vielen Breitmaulnashörnern auch drei Spitzmaulnashörner, die meiner Frau viel Respekt eingeflößt haben, einen jungen Elefantenbullen, Zebras, Giraffen, Kudus, und, und, und. – Bevor wir das Camp verlassen, gehen wir noch zum Frühstücken in das zentrale Restaurant. Dort hänge ich mein knallgelbes Sweatshirt über die Stuhllehne…

Unsere nächste herausragende Station war ein zweitägiger Aufenthalt im Giant’s Castle Reserve in der Provinz KwaZulu Natal. Giant’s Castle ist ein Gipfel der Drakensberge (Drachenberge), einem Bergmassiv, das sich von Nordost bis Südwest quer durch Südafrika zieht und auch die Südafrikanischen Alpen genannt wird. Dort oben auf über 3000 m Höhe liegt das Reservat. Auch hier die charakteristischen Hütten im Xhosa-Stil, die Affen, die die Strohhalme aus den Dächern ziehen, die schwirrenden Kolibris. Der beginnende Frühling hatte die Wildblumen hervorgelockt und die Welt mit einem Grünschleier überzogen. Im Tal murmelte der Gebirgsbach, auf dem gegenüberliegenden Hang grasten Elenantilopen, die größten ihrer Art, und auch dort wieder die wilden Paviane, deren Treiben man mit dem Fernglas verfolgen konnte. Wir wanderten stundenlang auf schmalen Trampelpfaden und genossen die Einsamkeit fern ab von allem städtischen Trubel. Eine Xossa-Frau führte uns zu 5000 Jahre alten Höhlenmalereien der SanBuschmänner, die Ureinwohner Südafrikas. Und nachts das Kreuz des Südens, wie man es sonst nirgends sieht. Kurz gesagt, ein Ort, an dem man sagen möchte: Verweile doch….

Aber wir hatten ja einen festen Fahrplan. Unsere Route führte uns weiter nach Süden durch die Provinz Ostkap an die Wild Coast am Indischen Ozean. Um dort hin zu kommen, mussten wir durch die ehemaligen Homelands Transkei und Ciskei fahren. Und um diese Fahrt richtig zu würdigen, muss ich erst einmal einen kleinen Exkurs über die Straßen und den Verkehr in Südafrika voranstellen.

Wegen der Fußball-WM 2010 wurde schon überall im Lande das Straßennetz ausgebaut. Alle Fernstraßen waren bereits in bestem Zustand. Die Landstraßen waren mittelmäßig gut, selten befahrene Straßen, wie zum Beispiel die 40 km hinauf zum Giant’s Castle waren dagegen mit bis zu einem halben Meter tiefen Schlaglöchern übersät, sodass es gelegentlich angesagt war, über den ebeneren Acker zu fahren. National- und Landstraßen haben beidseitig einen gelben durchgezogenen Strich, der einen ca. 1 m breiten Standstreifen der Fahrbahn abteilt. Den Streifen darf man nicht befahren. Trotzdem wird er oft, meist von Lastwagen, als Kriechspur benutzt, um anderen das Überholen leichter zu machen. Der Überholende bedankt sich per Warnblinkanlage, was der Überholte mit der Lichthupe quittiert.

Nehmen wir die Nationalstraße N2: Mal ist sie eine 4-spurige Autobahn, mal 2-spurig, mal mit und mal ohne Seitenstreifen. Der Übergang zwischen den Varianten kommt meist unerwartet. Wo sie Autobahn-Charakter hat, ist sie dennoch nicht vergleichbar mit einer deutschen Autobahn. Grundsätzlich ist immer höchste Konzentration angesagt. Man muss überall mit allem rechnen, z. B. dass Menschen und Tiere queren, Radfahrer gegen die Fahrtrichtung oder Autos rückwärts fahren. Bei einer Serpentinenfahrt bergab im nördlichen KwaZulu-Gebiet überholten wir in einer Linkskurve einen Cola-Laster. Die Cola-Kästen standen ungesichert an der Kante der offenen Ladefläche…

Aber das Überholen ist nicht nur deshalb gefährlich. Die Straßen sind nämlich der Landschaft angepasst, und die ist meist nicht so platt wie in Ostfriesland. Die Bodenwellen sind so hoch, dass entgegenkommende Autos gut darin abtauchen können. Das macht das Überholen manchmal zu einem riskanten Manöver.

Zurück zur Fahrt auf der Nationalstraße N2 durch die Transkei und Ciskei, die wohl zu den ärmsten Gegenden Südafrikas gehören: Hier ist die N2 zweispurig, eine Spur für jede Richtung, mit einem etwa 1 m breiten Randstreifen an beiden Seiten, die dort auch als Fußwege genutzt werden. Die N2 verläuft immer auf den Graten der Berge, auf denen sich eine Siedlung an die nächste reiht. Man hat den Eindruck eines unendlich langen Straßendorfes. Am Ende eines Grats verläuft die Straße steil nach unten — 500 m Höhenunterschied ist keine Seltenheit — und wieder hoch auf den nächsten Grat. Die erlaubte Geschwindigkeit beträgt je nach Bevölkerungsdichte 40 bis 120 km/h. So weit die Fakten.

Mit ausreichend Wasser und Biltonggetrocknetes Wildfleisch eingedeckt, hatten wir uns vorgenommen, die 420 km zwischen unseren Quartieren nonstop zu fahren. Denn in unserer Routenbeschreibung stand, man solle dort im Land der Xhosa nicht ohne Not die vorgeschriebene Route oder das Auto verlassen. Außerdem hatten wir bereits von Wohlmeinenden ähnliche Signale empfangen. Auch der Fahrstil und die Fahrgeschwindigkeit der Einheimischen ließen den Schluss zu, die Gegend möglichst schnell hinter sich zu bringen. Geschwindigkeitsbeschränkungen zu achten gilt als unsportlich. (Auch ich habe nach der Umstellung auf den Linksverkehr schnell wieder zu meinem orientalischen Fahrstil zurückgefunden.) Selbst LKWs brettern mit über 100 km pro Stunde durch Menschen und Tiere, auch bei 10 % Gefälle hält sich keiner an Geschwindigkeitsbeschränkungen. Die Nutzung der Randstreifen durch die Autofahrer unterscheidet sich in nichts von denen in unbewohnten Gegenden. Die Krönung sind die Toyota-Pickups. Sie sind die Kamikaze-Fahrer auf der N2 (und nicht nur dort), analog den Handwerker-Sprintern in Deutschland, nur um drei Potenzen draufgängerischer.

Aber Augen zu und durch wäre sicher der falsche Rat. Rinder, Ziegen, Schafe und Kinder halten sich direkt an der Straße auf. So ist beim Mitschwimmen im Verkehrsfluss höchste Konzentration angesagt. Sehr schnell lerne ich, die Risiken einzuschätzen: So lange die Tiere den Kopf nach unten halten und fressen, ist das Risiko recht gering, mit ihnen zu kollidieren. Aber ab und an sieht man doch einen roten Fleck auf der Fahrbahn, der in Fahrtrichtung ausgefächert ist, ein Zeichen dafür, dass es nicht jedem gelungen ist, hier heil über die Fahrbahn zu kommen. Am Straßenrand haben wir ein totes Rind und mehrere tote Ziegen gesehen. Vielleicht kann man sich durch die Hölle gehen in etwa so vorstellen?

Meine Frau überließ mir auf dieser Strecke freundlicherweise das Steuer. Ihr gebührt in der Rolle als Beifahrerin meine ganze Bewunderung. Ich hätte auf der Strecke nicht machtloser Beifahrer sein wollen, immer mit dem Fuß auf dem imaginären Bremspedal!

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Morgan Bay an der idyllischen Wild Coast. Unser Hotel liegt unmittelbar am Strand, entsprechend ist der Blick aus unserem Zimmer: Meer, Sand und Dünen. Am Strand empfängt uns die Pracht exotischer Muscheln! Mittags herrscht Sommerwetter wie im schönsten Dänemark-Urlaub. Am Abend wird es windig und kühl. Ich suche deshalb nach meinem knallgelben Sweatshirt, aber es ist nicht da. Die Rekonstruktion ergibt, dass ich es beim Frühstück im Pretoriuskop Camp über die Stuhllehne gehängt und seitdem nicht mehr gebraucht habe. Meine Hoffnung ist, dass es jetzt ein Schwarzer trägt, denn das Gelb würde ausgezeichnet zu der Hautfarbe passen.

Hinter East London wird die N2 vierspurig. Wir zuckeln so gemütlich vor uns hin, plötzlich überholt uns ein orangefarbener Porsche. Dann ein grüner, ein gelber, ein silberner und noch einer. Kurz darauf überholen uns noch weitere 20-30 Porsches. Bei einer Ausfahrt ist eine Baustelle eingerichtet. Der Verkehr teilt sich: Einige Autos fahren auf die Ausfahrt, einige werden durch die Baustellenbegrenzung auf die Autobahn geführt. Wir sind mitten drin im Porsche-Konvoi. Um uns herum plötzlich nur noch Porsches. Nach einigen Kilometern stehen einige Porsches auf der linken Fahrbahn alle anderen halten mitten auf der Autobahn und auf dem grünen Mittelstreifen. Es sind inzwischen über 70! Alle Typen und Farben sind repräsentiert. Die Insassen steigen aus, laufen auf der Fahrbahn herum und sprechen miteinander wie alte Bekannte und werden aus Catering-Wagen bedient. — Als Deutscher braucht man einige Zeit, um zu kapieren, dass sich ein Porsche-Club in Südafrika offensichtlich einen Autobahnabschnitt mieten kann, um seine Privat-Rallyes zu veranstalten. Auch die Streckenposten auf der Gegenfahrbahn ließen nur diesen Schluss zu. Wir kommen uns mit unserem Honda deplatziert vor, bahnen uns unseren Weg durch die Clubmitglieder und haben in der Folge einen Autobahnabschnitt ganz für uns allein, bis zu der Stelle, an dem der normale Verkehr wieder zugeleitet wird.

Bei Port Elizabeth beginnt die Garden Route, die bis nach Kapstadt verläuft. Es handelt sich hierbei nicht um eine Straße mit Gärten, sondern um eine Region, die sich uns voller blühender Büsche und Sträucher präsentiert. Besonders die Mimosenbäume haben es mir angetan, die kilometerlang die Straße säumen. In Knysna (sprich: Neißna) an der Küste, dem Touristenzentrum der Garden Route, haben wir die erholsamste Zeit verbracht. Von unserem Bungalow im Hotel Knysna Hollow unter Palmen und Akazienbäumen waren es nur 10 m bis zum Swimmingpool, den wir ganz für uns allein hatten — es war ja schließlich Winter! Das Städtchen liegt malerisch an einer kilometerlang ins Land reichenden Lagune, die nur durch eine schmale felsige Einfahrt mit dem Indischen Ozean verbunden ist.

Am Ende der Garden Route kurz vor Kapstadt fängt die Weingegend an. Dort in Stellenbosch verbrachten wir eine Nacht und besuchten das traditionelle Weingut Boschendal. Den Abend genossen wir bei fantastischem Essen und erlesenem Wein. Dann kam die letzte Station unserer Reise:
Kapstadt eilt der Ruf voraus, die schönste Stadt der Welt zu sein. (Diesen Ruf teilt die Stadt mit anderen, z. B. mit Rio.) Aber ich behaupte, es kommt immer auf die Kriterien an. Ja, Kapstadt und Rio sehen aus der Vogelperspektive wirklich traumhaft aus: Riesige Buchten mit weißem Sandstrand, dann der Berg (Tafelberg / Zuckerhut) als Wahrzeichen darüber. Wenn man aber die Vogelperspektive verlässt, sich auf den Boden der Tatsachen begibt und genauer hinguckt, dann erkennt man neben der Pracht und Herrlichkeit auch die Slums und das Elend, die Kriminalität, die verhindert, sich dort wirklich frei zu fühlen. Und insofern bleibt mein Votum auch nach dieser Reise unverändert: Hamburg ist die schönste Stadt der Welt!

Natürlich gibt es auch in Kapstadt wunderschöne Plätze. Da ist z.B. der Hafen mit der Victoria & Alfred Waterfront, unser Lieblingsplatz, wo die Touristen am Roten Uhrturm den einheimischen Musikgruppen lauschen können und von wo aus man einen schönen Blick auf den Tafelberg hat – allerdings aus der Froschperspektive. Nachdem wir angekommen waren und unser Hotel am Sea Point bezogen hatten, mussten wir erst einmal zu Fuß die Downtown erkunden. Hier kann man bei Tage im Gegensatz zu Pretoria und Johannesburg relativ sicher durch die Stadt laufen. Auf dem Rückweg begann ein leichter Nieselregen. Na, dachte ich, wenn das die Tage anhält… Aber es blieb dabei. Es war der einzige Regen während des gesamten Urlaubs.

Um einen guten Überblick über Kapstadt zu bekommen, genehmigen wir uns eine Stadtrundfahrt, die einen Besuch auf dem Tafelberg einschließt. Der Tafelberg ist über 1000 m hoch, und man kann sich gut vorstellen, dass das Wetter dort oben nicht immer so wie unten am Strand sein muss. Die Wolkenbildung kann dort unerwartet schnell sein. Wenn die Luft beim Auftreffen auf den Tafelberg in die Höhe katapultiert wird, kondensiert die Feuchtigkeit sofort. Man sagt dort: Das Tischtuch wird über die Tafel gezogen. Aber wie es sich für uns Sonntagskinder gehört, hatten wir aus dieser Vogelperspektive beste Sicht über die Bucht von Kapstadt!

Natürlich ist das Kap der Guten Hoffnung auch ein Muss. Es liegt etwa 100 km südlich von Kapstadt im Kap-Halbinsel-Nationalpark. Zuerst fährt man wieder kilometerweit durch Weinbaugebiete. Schließlich erreicht man den Nationalpark mit seiner sehr eigenen Vegetation. Hier wachsen riesige, 2 m hohe Büsche einer gelben Wildform der Protea, der Nationalblume Südafrikas.

Die Kap-Halbinsel endet in zwei Zipfeln. Der östliche heißt Cape Point und trägt einen Leuchtturm. Der westliche heißt Kap der Guten Hoffnung. Er wird auch Kap der Stürme genannt. Wir waren uns einig, dass dieser Name viel besser passt, denn trotz Sonne und schönsten Wetters war der Sturm so stark, dass wir unseren Weg von Cape Point zum Kap der Stürme abbrechen mussten! Es ist ein auflandiger Wind von Süden. Der Bohlenweg führt direkt an der Abbruchkante des Kliffs entlang. Wenn er ablandig gewesen wäre, wäre die Sache lebensgefährlich gewesen. Wir mussten uns mit aller Kraft gegen den Sturm stemmen. Man stelle sich mal vor, wenn der Sturm unerwartet abgeflaut wäre…!

Unsere Reise beschließen wir am letzten Abend mit einem Dinner mit afrikanischem Grillfleisch (Strauß, Springbock, Kudu, Krokodil) und afrikanischer Live-Musik im Restaurant Mama Africa.
Südafrika ist ein höchst faszinierendes und sehr kontrastreiches Land: Schwarz und Weiß, sehr arme und sehr reiche Menschen, und dann diese grandiose Landschaft! Wir konnten sie auf einer Strecke von über 4000 km genießen!

Übrigens: Die Qualität eines Hotels ist dort messbar an der Qualität des Klopapiers: Zeige mir das Klopapier, und ich sage dir, wie viele Sterne das Hotel hat.

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