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Nicht alles, was glänzt, ist auch Gold

Im Sommer 1963 flogen meine Eltern, mein Bruder und ich nach Deutschland, denn nach drei Jahren Auslandsaufenthalt im Vorderen Orient gab es Heimaturlaub.

Nachdem wir in Frankfurt gelandet waren, war unser erstes Reiseziel Tübingen. Im dortigen Paul-Lechler-Institut für Tropenmedizin wurden wir erst einmal auf Herz und Nieren durchgecheckt. Außerdem wurden unsere ImpfungenImpfpass

Impfung im Paul Lechler Krankenhaus in Tübingen
aufgefrischt.

Die Reise führte uns Ende Juni nach Berlin. Für den 26. Juni war angekündigt, dass Präsident John F. Kennedy im Rahmen seines Deutschlandbesuchs vom Balkon des Schöneberger Rathauses sprechen würde. Eineinhalb Millionen Menschen hatten sich auf dem Rathausplatz versammelt. Einer davon war ich. Ich stand vom Balkon aus gesehen unten links an einem Baum. Um zu veranschaulichen, wie voll es auf dem Platz war, erzählte ich später immer, dass man die Beine anziehen konnte, ohne umzufallen. Dann sprach JFK seinen berühmt gewordenen Satz: All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and therefore, as a free man, I take pride in the words Ich bin ein BerlinerAlle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.. Ein Sturm der Begeisterung entfesselte sich. Er war der neue Messias, zu dem die westliche Welt aufblicken konnte, jemand, der einem Hoffnung auf eine friedlichere Welt machte.

Am Nachmittag standen wir mit tausenden Menschen an der Schloßstraße in Steglitz Spalier, als Kennedy mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und mit Bundeskanzler Konrad Adenauer stehend im offenen Wagen in Richtung Zehlendorf fuhr. Im offenen Wagen. Aber ich machte mir keine Gedanken. Bei der Begeisterung!

Der dreimonatige Heimaturlaub ist zu Ende. Ich bin zurück in Kairo. Dort besitze ich ein kleines Radio, das in meinem Bücherregal steht. Es ist ein altes Röhrengerät, das gefühlt eine Minute braucht, bis die Betriebstemperatur erreicht ist. Ich habe das Gehäuse entfernt, die nackten Röhren stehen ungeschützt auf der Platine. Ab und zu muss ich kräftig pusten, damit sich auf den Röhren kein Staub absetzt.

Oft höre ich Radio Kairo, das auf 550 kHz Mittelwelle von 17.30 bis 19.15 Uhr ein deutschsprachiges Programm anbietet. Regelmäßig wird ein Wunschprogramm gesendet, das die alten Elvis-Titel wie Surrender, It’s Now or Never, oder Are You Lonesome Tonight spielt, aber auch deutsche Schlager wie Marina oder Alle Mädchen wollen küssen. ‑ Aber die Deutsche Welle, die ich über Kurzwelle empfangen kann, ist mein Lieblingssender. Wenn ich das Zeitfenster für den Vorderen Orient erwische, höre ich mir gern die internationalen Nachrichten aus Köln an und nehme dabei in kauf, dass es knackt oder der Sender sich verschiebt. Dann justiere ich mit dem Drehknopf nach.

Meine Gedanken schweifen ab zu meinem alten Kristall-DetektorBei einem Kristall-Detektor wurde ein etwa 5 mm großer Kristall in eine metallische Halterung eingespannt, die den einen Pol der Diode bildete. Vom anderen Pol wurde eine Metallspitze einstellbar auf einen Punkt des Kristalls aufgedrückt, so dass ein Schottky-Kontakt entstand. Quelle: Wikipedia.org, mit dem ich in Hamburg abends heimlich unter der Decke Günter Neumann und seine InsulanerMitten in der Blockade Berlins - Weihnachten 1948 - schrieb Günter Neumann für den RIAS ein Kabarettprogramm unter dem Titel Der Club der Insulaner. Die Sendung war Bestandteil eines lokalpatriotischen Anti­kommunismus', wie er wohl nur in der Zeit des Kalten Krieges entstehen konnte. Quelle: Wikipedia.org hörte. Seine Technik war ungleich schwerer zu bedienen. Schon das Finden eines Senders war abenteuerlich. Ich musste mit einem Metalldraht auf dem Kristall des Detektors herumkratzen. Und mit Glück und einer ruhigen Hand schnarrte bald der gesuchte Sender im Kopfhörer.

Die Deutsche Welle plätschert vor sich hin. Plötzlich, so um 21 Uhr, wird das Programm für eine wichtige Nachricht unterbrochen: Kennedy ist in Dallas im offenen Wagen angeschossen und schwer verletzt worden! Ich will es nicht wahrhaben. Ich laufe runter zur Heimleiter-Wohnung und berichte, was ich gerade gehört habe. Keiner im Schülerheim hatte bisher etwas davon mitbekommen. Und keiner will es so recht glauben. Die Erschütterung ist allgemein. ‑ Eine Stunde später kommt dann die Nachricht, dass Kennedy seinen Verletzungen erlegen ist. Es ist ein Schock für uns alle.

Drei Tage später, am Tag seiner Beerdigung, sind mein Bruder und ich ihm zu Ehren mit Schlipsen zur Schule gegangen. Überall in Kairo war halbmast geflaggt. Die ägyptische Presse lobte Kennedy über alle Maßen und schrieb die Tat den Juden zu. Das passte ins Feindbild.

Der 22. November 1963 hat sich tief in meine Erinnerung eingegraben, und ich weiß, dass es vielen Menschen so ergangen ist. Allerdings bin ich Lichtgestalten gegenüber im Laufe meines Lebens vorsichtiger und kritischer geworden. Nicht alles, was glänzt, ist auch Gold. Heute stellt Kennedy sich mir ganz anders dar. Ich habe ihn längst entmystifiziert — jedenfalls mit dem Kopf.