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1943 ‑ Das Schicksalsjahr meiner Großeltern

Es gab Zeiten, in denen man alles dafür gegeben hätte, kein Zeitzeuge gewesen zu sein.

Juni 1943

Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in Neuenkirchen Kreis MelleEinen Kilometer nordwestlich des Schlosses Königsbrück liegt ein kleines Dorf namens Neuenkirchen, dort lebten meine Großeltern…
Lesen Sie auch: Neuenkirchen, Kapitel 1
, wo mein Großvater Dorfpastor war. Dort hatten meine Eltern gerade am 3. Juni geheiratet. Viele Gäste, auch aus Hamburg, ihre Eltern und alle acht Geschwister beider Seiten waren anwesend. Bisher waren beide Familien vom Krieg verschont geblieben.

Mein Vater wurde zehn Tage später am Pfingstsonntag 13. Juni ordiniert, und meine Eltern bezogen nun die Hilfspredigerwohnung des Pfarrhauses, das direkt neben der Katharinen-Kirche in Hamburg stand. Von Tante Vera aus Swinemünde hatten sie die schönen alten Möbel geerbt. Ihr Hausstand war damit komplett.

Meine Großeltern väterlicherseits, Carl (64) und Martha (67), wohnten in einer kleinen Wohnung in der Hirtenstraße 58 in Hamburg-Hamm. Tochter Margarete (34), genannt Grete, führte ihnen den Haushalt. Die drei Söhne Hans (36), Heinrich (32) und Carl jun. (27), mein Vater, waren längst aus dem Haus. Großvater Carl arbeitete seit dem 1. März 1920 als Bankbeamter (so nannte man damals die Bankangestellten) beim Bankhaus Warburg. Er stand ein Jahr vor seiner Pensionierung und wollte dann zusammen mit seiner Frau seinen wohlverdienten Lebensabend genießen.

Juli 1943

Hans, der älteste Sohn, ist Reichsbahn-Sekretär und liegt gerade in Poltawa (Ukraine) im Lazarett, seine Frau Katharina lebt mit den Kindern in Cuxhaven.
Heinrich lebt mit seiner Familie in Rostock. Er arbeitet als Statiker bei den Heinkel-Werken und ist deshalb vom Kriegsdienst freigestellt.
Meine Eltern, Carl jun. und Elisabeth, halten sich Ende Juli in Neuenkirchen bei den Eltern meiner Mutter auf.
Hugo Becker, der Bruder meiner Großmutter, wohnt mit seiner Frau Hanna in der Claudiusstraße 11heute etwa; Beltgens Garten, wenige hundert Meter von der Hirtenstraße entfernt.
Meine Großeltern in der Hirtenstraße hatten sich daran gewöhnt, dass es oft Fliegeralarm gab. Man suchte sicherheitshalber die Keller auf. Aber warum sollten die Briten gerade den Hamburger Stadtteil Hamm bombardieren? Eine strategische Bedeutung hatte Hamm nicht, und der Hafen mit seinen Industrieanlagen war weit weg.

Aber der britische Luftmarschall Sir Arthur Harris, genannt Bomber HarrisSir HarrisSir Arthur Travers Harris, Bt., genannt Bomber-Harris, (* 13. April 1892 in Cheltenham; † 5. April 1984) war im Zweiten Weltkrieg Oberkommandierender des Bomber Command und Luftmarschall der britischen Royal Air Force., sah das ganz anders. Er setzte darauf, die Moral der deutschen Zivilbevölkerung zu brechenAls Trenchard-Doktrin wird eine Doktrin der Royal Air Force (RAF) bezeichnet, nach der die Zerstörung der gegnerischen Rüstungsindustrie einschließlich der Transportwege zur Front mit Fernbombern der direkten Feldschlacht mit den gegnerischen Streitkräften vorzuziehen sei. Die Doktrin ist nach Hugh Trenchard benannt, der die RAF von 1919 bis 1929 kommandierte, und wurde ab Ende des Ersten Weltkriegs entwickelt. Zur Anwendung kam sie in abgewandelter Form mit der britischen Area Bombing Directive und dem Flächenbombardement deutscher Städte und Industriegebiete im Zweiten Weltkrieg.
Aufgrund der Trenchard-Luftkriegsdoktrin wurde in Großbritannien bereits seit Anfang der dreißiger Jahre an der Entwicklung und dem Aufbau einer Flotte schwerer Bomber mit großer Reichweite gearbeitet. Die schnelle Einsatzfähigkeit der schweren Bomber (Bristol Blenheim, Vickers Wellington usw.) schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beruhte auf den weitreichenden Planungen Anfang der dreißiger Jahre. Der Trenchard-Doktrin folgend, wurde neben dem Aufbau der Bombentransportkapazität auch an der Hauptwaffe des Bombenkrieges, dem Elektron-Thermitstab, gearbeitet. Im Oktober des Jahres 1936 erging ein erster Produktionsauftrag des britischen Verteidigungs­ministeriums über die Produktion von 4,5 Millionen Brandbomben des Typs Elektron-Thermitstab (bei Kriegsbeginn waren bereits mehr als 5 Millionen Stück verfügbar) an das britische Unternehmen Imperial Chemical Industries (ICI).Quelle: Wikipedia.de
in der trügerischen Hoffnung, dass sich das Volk dann gegen Hitler auflehnen würde. Sein Mittel: die Bombardierung von Wohngebieten.

In der Nacht zum 25. Juli begann die Operation GomorrhaFeuersturm — Eine Stadt verbrennt —
Bilder und Hintergrundinformationen
. Über 700 britische und amerikanische Bomber warfen ihre tödliche Last an Phosphorbomben und Luftminen über Hamburg ab. Die Zerstörungen, die in den wenigen Tagen der Operation erfolgten, erreichten ein bis dahin nicht vorstellbares Ausmaß. Sie wurden begünstigt durch eine wochenlange Hitzewelle mit Temperaturen, die sogar nachts bis zu 30°C erreichten. Die hohen nächtlichen Temperaturen und die Hitze des Feuers bewirkten einen kaminähnlichen Aufwärtssog mit orkanartigen Windgeschwindigkeiten. Viele Menschen, die den Luftschutzkeller verließen, wurden durch den Sog in die heißen Flammen gerissen. Diejenigen, die sich nicht trauten, die Keller zu verlassen, erstickten durch eingedrungenes Kohlenoxid und andere giftige Brandgase.

Katharina war mit zweien ihrer Kinder im Dobrock (Gemeinde Wingst) zum Bickbeerenpflücken, als dort die Sirenen heulten. Bald darauf flogen in großer Höhe hunderte von Flugzeugen über sie hinweg. Sie sagte: Jetzt greifen sie Hamburg an! Hoffentlich passiert Oma und Opa nichts! Später hörten sie in weiter Ferne das Grummeln der Bombeneinschläge. Über Hamburg erhob sich eine schwarze, sieben Kilometer hohe Rauchwolke. Mein Vetter Reinhard berichtete, dass er diese Wolke von Cuxhaven aus, 120 km entfernt, gesehen hat.

Als alles vorüber war, zählte man in Hamburg über 35.000 Tote und über 100.000 Verletzte. Am schlimmsten tobte der Feuersturm in den Stadtteilen Hamm und Borgfelde. 1939 hatte Hamm 90.000 Einwohner, 1946 waren es noch 7.500.

Bereits am ersten Tag der Angriffe traf es meine Großeltern. Großvater schrieb gleich danach an seine Schwiegertochter Katharina eine Postkarte, die erstaunlicherweise befördert wurde und am 28. Juli in Cuxhaven eintraf:

26.7.43 — Liebe Katharina! Wir müssen Dir leider mitteilen, dass wir in der Nacht zum Sonntag abgebrannt sind. Das Haus ist von einer Brandbombe getroffen, während in der Umgebung noch mehr Bomben und eine Luftmine fielen. Wir haben aus dem Schlafzimmer und Wohnzimmer einen Teil Bettzeug, Kleidung und Wäsche gerettet und einige Bücher. Vorläufig haben uns Onkel Hugo und Tante Hanna aufgenommen. […] Es fuhren hier keine Bahnen am gestrigen Tage. Wie es weiter wird wissen wir noch nicht. Herzliche Grüße auch von Tante Hanna und Onkel Hugo, Eure Eltern und Grete.

 

Die Großeltern und Tante Grete haben den Angriff überlebt und retten sich in die Claudiusstraße zu Marthas Bruder Hugo. Typisch für meinen pflichtbewussten Großvater ist, dass er nur einen Arbeitstag versäumt. Am Dienstag geht er schon wieder ins Geschäft.

Aber damit war das Inferno noch nicht überstanden, denn nur drei Nächte später trifft es sie ein zweites Mal. Es gelingt ihnen dann, zu meinen anderen Großeltern nach Neuenkirchen durchzukommen. Von dort berichtet mein Vater seinen Brüdern und Schwägerinnen in einem Brief über die Ankunft und das Schicksal seiner Eltern:

Neuenkirchen, den 2.8.43

Liebe Geschwister!

[…] Am 30. Juli vormittags kamen Vater und Mutter hier an. Sie waren in Hamburg vom 27. zum 28. bei Onkel Hugo zum 2. Mal vollkommen abgebrannt. Die Wäsche und das Bettzeug, das sie beim ersten Angriff gerettet hatten, sind auch weg. Es war ein erbarmungswürdiger und trauriger Anblick, als die beiden hier ankamen: Vater vollkommen verschmutzt, ohne Schlipsdas ist wohl das einzige Mal, dass er keinen Schlips getragen hat! und Kragen, mit langem Bart, die Hose am Knie zerrissen. Unter dem Arm hielt er Mutters Wolljacke. Daneben Mutter, kaum noch fähig zu sprechen, beide Hände mit großen Phosphorbrandwunden. Auch an den Ohren hat sie Verletzungen. Vater ist ebenfalls an beiden Händen verwundet, doch nicht so stark wie Mutter.

Bei ihrer Ankunft hatten sie sich noch gar nicht bei uns im Pfarrhaus gemeldet, sondern waren gleich ins Krankenhaus gegangen, nachdem sie vorher ihre stark mitgenommenen Mäntel und die gerettete Wolldecke abgelegt hatten. Sie hatten dort etwas zu essen bekommen und konnten sich notdürftig im Gesicht reinigen. Dann mussten sie zum Uhrmacher, der unter großen Schmerzen für Mutter den Ehering durchsägte. Mutter musste im Krankenhaus bleiben, weil sie sich gar nicht helfen kann. Sie liegt dort in einem Einzelzimmer und ist dort sehr gut aufgehoben. Am ersten Tag hatte sie etwas erhöhte Temperatur die ist aber jetzt runter. Die Hände machen ihr große Schmerzen und wollen noch gar nicht heilen. Das dauert bei Phosphor wohl auch ziemlich lange. Sie erzählte uns strahlend, dass die Schwester sie gebadet hätte und dass es eine richtige Wohltat gewesen sei. Dieselbe Prozedur habe ich bei Vater vorgenommen!

Vater bekam hier dann gut zu essen und wohnt vorläufig im Pfarrhaus. Wir haben nun einige Anfragen nach Hamburg geschickt — ob die Firma noch steht und weiter arbeitet — ob die von Vater nach dem 1. Angriff gemietete Wohnung noch steht — ob unser Pfarrhaus noch steht — davon machen wir abhängig, was weiter wird.

Aber nun will ich euch Vaters Bericht erzählen, wie alles zugegangen ist: In der Nacht zum 25.7. brannte Hirtenstraße 56 und 58 ab. Grete war in unsere Wohnung hinauf gelaufen und warf in den Hintergarten Wäsche und Bettzeug runter. Sie brachte sich erst in Sicherheit, als man ihr zurief, dass das Treppenhaus in Gefahr sei. Sie war offenbar sehr couragiert und bedauerte nur, dass sie nicht noch mehr gerettet hatte. Am Sonntag brachten sie dann die Sachen mit Hilfe eines Nachbarn zu Onkel Hugo in die Claudiusstraße. Am selben Tag war dann noch ein heftiger Tagesangriff, bei dem unsere Eltern aber verschont blieben. Am Montag wurde Vater eine Wohnung in der Hammer Landstraße gegenüber Kentzlerswegheute etwa: Kentzlerdamm angewiesen. Am Dienstag ging Vater schon wieder ins Geschäft.

In der folgenden Nacht begann der Alarm um ½ 12 Uhr. Die Engländer sollen Flugblätter abgeworfen haben mit der Bemerkung, dass die Hamburger wohl die Warnung, aber nicht die Entwarnung hören würden. Und so kam es dann auch. Um ½ 1 setzte schlagartig ein starker Bombenregen ein, nachdem es anfangs ruhig gewesen war. Nachdem die Baracken gegenüber von Onkel Hugos Haus Feuer gefangen hatten, wurde auch gleich darauf ihre Häuserreihe entflammt. Rauch schlug in die Luftschutzkeller. Man versuchte einen Durchbruch zum Nebenhaus. Der misslang, weil die Mauer zu stark war. Verschiedene Frauen jammerten und wollten raus, doch war es nach der Meinung des Luftschutzwartes unmöglich, da draußen ein heftiger Feuersturm tobte und brennender Phosphor vom Himmel fiel. Endlich gab er den Eingang frei mit dem Ruf Jetzt raus. Onkel Hugo und Tante Hanna liefen zuerst, dann Mutter, dann Vater ‑ beide mit einer wassergetränkten Wolldecke über dem Kopf, Vater mit Mutters blauem Handkoffer, in dem sich Papiere und Wertsachen befanden. Vater sah, wie Mutter vor ihm die Wolldecke verlor — sie war ihr offenbar durch den starken Feuersturm aus der Hand gerissen. Er bückte sich danach und fiel hin, dabei hatte die Decke aber schon Feuer gefangen. Kurz entschlossen ließ er sie liegen, warf auch den blauen Handkoffer weg und nahm Mutter mit unter seine Decke. Währenddessen fiel immer noch der Feuerregen. Vater hatte seinen Hut beim Fallen verloren und nur noch sein Käppi auf. Mutter hielt wegen der unerträglichen Hitze den Hut vors Gesicht. So gingen sie die Claudiusstraße rauf bis zur Hammer Landstraße. Dabei stellten sie fest, dass Grete nicht mehr bei ihnen war. Ob sie hinter ihnen rausgelaufen ist oder nicht — ob sie einen anderen Weg genommen hat ‑ ob sie verwundet oder verbrannt ist — sie wissen es nicht! Bis heute sind wir immer noch ohne Nachricht von ihr. Ich werde mich morgen an die Polizeibehörde in Hamburg wenden und auch an Emmi Becker, um evt. von Onkel Hugo etwas zu erfahren, von dem wir auch noch nichts wissen. Sobald ihr etwas hören solltet, schickt bitte auf jeden Fall ein dringendes Telegramm.

Die Eltern gingen dann ein Stückchen die Horst-Wessel-Straßeder heutige Sievekingdamm hieß 1943 so, der führt direkt am Thörls Park entlang hinauf und warfen sich in der Höhe von Thörls Park unter einen Baum. Mutter jammerte immer: Ich kann nicht mehr, doch Vater trieb sie mit sich fort. Um den brennenden Durst zu löschen, schöpfte Vater mit seinem kleinen Käppi irgendwo etwas Wasser. Um sie herum lagen viele andere Flüchtlinge, mehr oder minder sorgfältig gegen den Phosphorregen unter den Bäumen geschützt. Dann hörte Vater, dass sich die Flüchtlinge am Hammer Marktplatz sammeln sollten und trieb und schleppte Mutter dort hin. In zwei Autos wurden sie nicht mehr mitgenommen ‑ endlich beim dritten kamen sie als Alte und Verletzte mit. Sie wurden über Bergedorf - Reinbek nach Schönningstedt gebracht.

Beim Abtransport in dieses Sammellager stand die Sonne blutig rot am Himmel, verdeckt von Staub und Asche, sodass es noch ganz dunkel war. Da wurde ihnen auch die erste Hilfe und etwas zu essen gebracht. Sie übernachteten da in Kleidern auf Stroh ‑ und am nächsten Tag, am 29., fuhren sie über Büchen - Uelzen - Celle - Hannover nach Bielefeld, wo sie am 30. um 2 Uhr nachts ankamen. Um 7 Uhr konnten sie dann aber erst nach Neuenkirchen weiterfahren.
So weit Vaters Bericht. Gerüchteweise erzählte Vater dann noch, dass die Nicolai-Kirche ausgebrannt und der Michel durch Bombentreffer ins Schiff beschädigt ist. Hagenbeck soll seine Tiere getötet haben, nachdem ein Löwe ausgebrochen sei und ein Kind getötet habe.

So, nun wisst ihr erst mal über die Vorgänge Bescheid. Wenn wir von Grete Nachricht haben, erfahrt ihr natürlich sofort etwas.

Seid nun recht herzlich gegrüßt […]
Euer Carl

Wie schwer es meine Großeltern getroffen hatte, können wir in unserer heutigen abgesicherten Lebenssituation nur mit Mühe nachvollziehen. Mein Großvater hatte sich mit Fleiß und Zielstrebigkeit kontinuierlich von Null eine bürgerliche Existenz aufgebaut: 1879 wird er als uneheliches Kind geboren, dann von dem Maurer Sebastian Malsch und seiner Frau großgezogen und von denen im Alter von 20 Jahren adoptiert. 1904 wird er Hamburger Staatsbürger und heiratet Martha. 1912 erhält er das Bürgerrecht. Im Ersten Weltkrieg bekommt er das EK II und das Hanseatische Verdienstkreuz. Seit 23 Jahren verrichtet er treu und pflichtbewusst beim Bankhaus Warburg seinen Dienst. ‑ Und nun, wenige Monate vor seiner Pensionierung, fällt dieses Lebensgebäude in sich zusammen. Und das Schicksal seiner Tochter Grete ist ungewiss.
Wie sich später herausstellte, hatte es auch meine Eltern getroffen: Der Turm der Katharinen-Kirche war in Flammen aufgegangen und direkt auf das Pfarrhaus gestürzt. Ihr gerade zusammengetragener Hausstand mit den schönen alten Möbeln von Tante Vera lag in Schutt und Asche.
Als Großvater sich zwei Wochen später etwas erholt hat, berichtet er seinem Sohn Hans über die schrecklichen Erlebnisse. Der alte Brief ist auf schlechtem Papier mit dünnen Bleistiftstrichen geschrieben und kaum noch zu entziffern:

Neuenkirchen, Kreis Melle, 16. August 1943

Lieber Hans!

Von Katharina und Carl hast Du wohl schon erfahren, in welch große Not wir gekommen sind. Vor allem, dass unsere liebe Grete, die uns vielleicht nicht aus dem Luftschutzkeller gefolgt ist oder wenn sie herausgekommen ist, unterwegs vom Feuer erfasst ist, bis jetzt noch kein Lebenszeichen gegeben hat. Es kann auch sein, dass sie in ihrer dauernden starken Hilfsbereitschaft für Alte oder Schwache irgendwie getroffen ist. Wenn sie noch lebt, was wir noch immer hoffen, so kann ja noch irgendwoher an Euch eine Karte gelangen. Vielleicht ist sie ja auch so schwer verletzt, dass es noch unmöglich ist, Nachricht zu geben. Heinrich hat uns hier auf der Durchreise besucht, er will auch noch nach Hamburg fahren und Erkundigungen anstellen.

Mutters linke Hand ist schon aus dem Verband, die rechte Hand schmerzt noch ziemlich heftig, aber es fängt alles an zu heilen. Meine rechte Hand ist ganz heil, die linke hat nur noch ein kleines Pflaster und fängt auch an zu heilen; nur die Beine sind in den letzten Tagen schlimmer geworden, weil ich in Melle 5 Stunden unterwegs war. Die Wunden, die ich mir beim Fallen zugezogen habe, haben sich vergrößert, so dass ich immer Schmerzen habe. Doch scheint es schon etwas nachzulassen. Zucker hatte ich durch die Aufregung 5,6 %, doch ist es schon zurückgegangen, kann augenblicklich auch diät leben; ich esse mit Mutter zusammen Mittag und Abendbrot im Krankenhaus. […]

Die Nächte in Hamburg zu schildern ist schwer. Am 25.7. brannte unser Haus ab, da wahrscheinlich eine Spreng- und Brandbombe gleich bis zum 3. Stock durchgeschlagen war. Der Luftschutzwart-VizeVize = Hausmeister Voss war in Wandsbek als Wächter. Das Wasser lief nicht mehr im 2. Stock, und zum Rauftragen waren nicht genug Kräfte vorhanden, auch brannte schon Nr. 56 und zum Teil Nr. 60, so haben Grete und ich und ein Soldat die Kleidung, Wäsche und Bettzeug teils runtergetragen, teils aus dem Fenster geworfen, erst in den Torweg, später nach Nr. 64, das auch gelitten hatte, getragen. Dann von Nr. 64 nach Onkel Hugo gefahren, wo wir drei Nächte, Mutter auf Sofa, wir auf Matratzen geschlafen haben.

Dann kam die furchtbare Nacht zum 28.7. Der Minen- und Bombenhagel war furchtbar schwer, das Licht ging aus, Baracken und Häuser brannten. Durchgang zum Nebenhaus unmöglich, endlich ins Feuermeer ins Freie. Durch das starke Feuer war eine furchtbare Hitze und Sturm entstanden; von oben regnete es Feuer und Phosphor. Wir hatten unsere Wolldecken in Wasser getaucht aber sie waren gleich wieder trocken.

Onkel Hugo und Tante Hanna, die vorangegangen waren, konnten wir nicht erreichen — Mutter hatte ihre Decke verloren, ich nahm sie wieder auf, musste sie aber wieder fallen lassen. Im Sturm konnte man nichts halten. Meinen Hut hatte ich verloren. Den kleinen blauen Koffer musste ich in der Notwehr gegen den Feuersturm fallen lassen, er war ebenfalls verloren. Ich nahm die einzige Decke, lief zu Mutter, die im dünnen Kleid nur mit altem blauen Mantel und Strohhut, die Hände auf dem Hut, vor mir stand, gab ihr die halbe Decke über, die immer wieder herunterwehte, und Mutter sagte ich kann nicht mehr. Ich sagte immer wieder du musst. So kamen wir beide nach der Horst-Wessel-Straße, dem breiten Durchbruch, wo wir uns nach 200 bis 300 m unter einen Baum legten. Die Decke über uns, so gut es ging. Wir lagen da vollkommen erschöpft bis vormittags ca. 11 Uhr, holten uns etwas Wasser von den inzwischen angeschraubten Wasserschläuchen in meiner schwarzen Mütze, die ich leider nachher auch noch verloren habe. Vor Rauch und Staub, Nebel und Qualm war noch alles dunkel; die Sonne schien blutrot hindurch, man konnte nur ein paar hundert Meter weit sehen. Wir gingen dann zur Sammelstelle beim Hammer Marktplatz, wo wir noch stundenlang auf Lastwagen warten mussten, ohne was genießen zu können. Die Häuser in der Mittelstraße brannten noch, drohten einzustürzen oder waren schon; teils musste man über Steinhaufen klettern. In der Hirtenstraße war auch alles kaputt und teils eingestürzt, Straße unpassierbar. Die Kirche war jetzt auch verschwunden. Die katholische Kirche nur Außenmauern, zum Teil geblieben. Es waren schon das erste Mal vier Minentrichter bei den Kirchen zu sehen.

Wir fuhren dann bis Reinbek, wo wir im Gymnasium verbunden und verpflegt wurden. Auf Stroh geschlafen. Die Augen mussten getropft werden, da sie noch brannten. Mutter hatte schon sehr große Blasen an beiden Händen, meine wurden erst allmählich schlimmer. Nachts wieder Alarm.

Am nächsten Tag fuhren wir dann in stark überfüllten Zügen (teils Güterwagen, teils auf den Puffern und Plattformen standen die Leute) über Büchen, Lauenburg, Uelzen, Celle, Hannover nach Bielefeld, wo wir nachts 2 Uhr ankamen. Am anderen Morgen mit Autobus nach hier, erst ins Krankenhaus zum Verbinden. Dann kam Carl, der es von der jüngsten Schwester von Elisabeth erfuhr, die uns gesehen hatte. Und nun musste Mutter gleich im Krankenhaus bleiben, trotzdem sie meinte, sie sei noch nicht so krank; aber es war doch nötig. ‑ So, lieber Hans, das ist mein Bericht. Was weiter wird, wissen wir noch nicht. Der Herr wird weiterhelfen.

Es grüßen herzlich Deine Eltern.

P.S.: Bezugscheine sind schwer zu haben.

Der blaue Handkoffer tauchte Monate später wieder auf ‑ die Wertsachen waren verschwunden, aber die Papiere waren noch vorhanden. Der größte Verlust aber war ein anderer. Die Großeltern haben noch viele Wochen und Monate gehofft, aber schließlich wurde es zur Gewissheit:

Kriminalpolizeileitstelle Hamburg, den 7.3.1944

Auf Ihr Schreiben vom 3. 3. 1944 teile ich Ihnen mit, dass es mir leider nicht möglich ist, Ihnen Einzelheiten über das Ableben Ihrer Tochter mitzuteilen. Tatsache ist, dass der Stadtteil Hamm bei dem Angriff sehr schwer mitgenommen worden ist, und dass sowohl in der Claudius- als auch in der Hirtenstraße eine große Anzahl Leichen geborgen worden ist, die nicht identifiziert werden konnte. Da sich ihre Tochter nun bis heute weder bei Ihnen noch polizeilich wieder gemeldet hat, besteht kein Zweifel, dass auch sie sich unter diesen unbekannten Opfern befindet. Ich bedaure sehr, Ihnen eine eingehendere Auskunft nicht geben zu können, bitte Sie aber verstehen zu wollen, dass bei dem Ausmaß der Katastrophe so eingehende Feststellungen gar nicht möglich waren. Die Gefallenen haben auf dem Ehrenfriedhof in Ohlsdorf, bei Kapelle 13 ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Unterschrift
Im Auftrage: (Unleserlich,) Kriminalsekretär

Es gab Zeiten, in denen man alles dafür gegeben hätte, kein Zeitzeuge gewesen zu sein. —

Danksagung
Ich danke besonders meinem Vetter Reinhard Malsch (†), dem Sohn von Hans Malsch, der die Dokumente der Familie archiviert und in einer Familienchronik dokumentiert hat.