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Mein erstes Auto, ein R4

In der heißen Zeit der Studentenbewegung studierte ich an der FU in Berlin. Meine damalige Freundin aber wohnte in Hamburg. Nach ihrem Abitur hatten wir beide das Bedürfnis, die Entfernung zwischen uns zu verkürzen.

Zumindest dem konservativen Teil der deutschen Bevölkerung hatte die Springerpresse Glauben gemacht, dass es den Berliner Studenten nur um Krawall und Randale ging und dass sie nicht ‚ordentlich‘ studieren würden. Da meine Freundin in einem sehr konservativen Elternhaus aufgewachsen ist, war es nicht angesagt, dass sie in Berlin studierte. So beschlossen wir, uns gemeinsam eine Uni zu suchen, die unsere beiden Studiengänge abdeckte. Ich studierte Volkswirtschaft, meine Freundin hatte sich für Jura entschieden.

Die Wahl fiel auf das Universitätsstädtchen Marburg. Wir bewarben uns zum Sommersemester 69 erfolgreich um Plätze in einem Studentenwohnheim. Leider fielen die Lose auf unterschiedliche Wohnheime: Ich bekam ein Zimmer im Altbau des Dr.-Carl-Duisberg-Hauses oben am Schloss. Das war gut für die Kondition, denn die Seminargebäude und die Mensa lagen unten im Lahntal. Zweimal am Tag musste ich einen Höhenunterschied von 100 Metern zu Fuß überwinden. Ich hatte die Wahl zwischen vielen Treppen oder einer wirklich steilen kopfsteingepflasterten Straße, bei deren Anblick ich mich heute noch frage, wie die armen Pferde dort früher die Kutschen hochgezogen haben. ‑ Aber was gut für die Kondition ist, muss nicht immer gut für die Beziehung sein. Mein Wohnheim lag nämlich weit weg von meiner Freundin, die ein Zimmer im Studentendorf bekommen hatte. Das Studentendorf liegt etwa zweieinhalb Kilometer vom Zentrum entfernt Richtung Norden.

Natürlich bewarb ich mich noch im selben Semester erfolgreich um einen Platz im Studentendorf. So bekam ich zum Wintersemester 69/70 ein Zimmer im Lomonosov-Haus.

Ich weiß nicht mehr genau, welche Argumente den Ausschlag gaben, dass ich mir in den folgenden Semesterferien ein Auto anschaffte. Die Entfernung zu den Uni-Gebäuden kann es nicht gewesen sein, denn die Parkplätze waren schon damals rar. Die Fahrten nach Hamburg zu unseren Eltern können es auch nicht gewesen sein, denn das war selten genug ‑ und außerdem mit der Bahn gut zu machen. Vielleicht war es der Wunsch, nicht immer auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen zu sein. Es gab da nämlich einen Geheimtipp: Am Wochenende konnte man bei Meyer III, einer Schlachterei in Schröck, einem Dorf jenseits der Lahnberge, gut und preiswert essen. Dorthin fuhren die motorisierten Studenten in Scharen. Der Laden war immer knüppeldicke voll bis unter das Dach. Die Studenten saßen dicht gedrängt an rustikalen Tischen und die Portionen waren mehr als üppig.

Vielleicht war es auch der Wunsch nach mehr Freiheit beim Reisen. Hans-Werner, ein Bekannter aus Hamburg, studierte damals Zahnmedizin in Marburg. Er kaufte sich alte BMW-Isettas zusammen und machte aus drei kaputten zwei fahrtüchtige. Meine Freundin und ich wollten in unserem ersten Semester gern in die Eifel und nach Luxemburg fahren. Für diesen Trip lieh Hans-Werner uns eine seiner Knutschkugeln und vergaß auch nicht, uns den Kfz-Schein mitzugeben, denn wir mussten eine Grenze überqueren. Das Schengener Abkommen gab es 1969 noch nicht, und so zeigte ich an der Grenze brav meinen Führerschein und den Kfz-Schein vor. Ich weiß noch heute, dass sich der Grenzbeamte auch noch das Nummernschild angesehen hatte. Was er dort allerdings geprüft hat, blieb sein Geheimnis. Denn als wir Hans-Werner seine Isetta wieder zurückbrachten, beichtete er uns, dass er mir den Kfz-Schein einer anderen Isetta mitgegeben hatte.

Natürlich wollten wir Hans-Werner nicht immer bitten, wenn wir mal einen Trip vorhatten. So studierte ich in den Semesterferien vor dem Sommersemester 70 die Kfz-Anzeigen im Abendblatt. Mein Vater war einmal bei Glatteis mit seinem VW-Käfer so sehr ins Schleudern geraten, dass er einen gehörigen Blechschaden verursachte. Und da ich nicht nur aus eigener Erfahrung lernen wollte, stand für mich fest: kein Auto mit Hinterradantrieb. Deshalb kamen im Rahmen des Studentenbudgets nur zwei Typen infrage: ein Citroen 2CV, genannt ‚Dö-schewoh‘ oder ‚Ente‘, oder ein Renault R4. Da ich ein Auto schon immer als Gebrauchsgegenstand angesehen hatte, fiel die Wahl auf das kleine funktionale Raumwunder mit den fünf Türen, dem Stoffschiebedach, den Schiebefenstern und der Türklinkenschaltung (‚Revolverschaltung‘), die etwas Kultiges hatte. Und man konnte die Einkaufstasche dranhängen.

Im Abendblatt fand ich Ende März 1970 schließlich eine Anzeige: Ren. R4, Bj. 6/64, TÜV 8/71, 70000 km, DM 950,-. Und so fuhr ich also zusammen mit meinem Vetter Martin, der auch keine Ahnung von Autos hatte, zu dem Händler nach Wiemerskamp. Der Wagen stand im Hof in einer Schmuddelecke, bedeckt von einigem Gerümpel, und bot einen erbärmlichen Anblick. Die Motorhaube war beschädigt und auch sonst waren einige Kleinigkeiten zu machen. So konnte ich den Kaufpreis auf DM 775,- runterhandeln. Aber der robuste Motor schnurrte zufriedenstellend, obwohl er wohl einige Tage dort gestanden hatte.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, welche Farbe der R4 beim Kauf hatte. Aber das spielte auch keine Rolle, denn ich brauchte ja eine neue Haube, die ich für DM 25,- auf dem Schrottplatz bekam. Dazu kaufte ich zwei Dosen mit Lackfarbe, rot und weiß, auch für DM 25,-. Und dann pinselten wir die Haube, das Dach und die Heckklappe in leuchtendem Rot, die beiden Seiten in Weiß an. So gefiel er uns. Wir fanden das schick.

Nun hatten wir die Freiheit beim Reisen und das genossen wir. Ich erinnere mich, dass wir bei einer Tour auch mal darin geschlafen haben.

Anfang der 1970er Jahre gab es die Protestaktion Roter PunktRoter-Punkt-Aktion oder Aktion Roter Punkt, nannten sich eine Reihe von Protestaktionen in vielen Städten der Bundesrepublik, vorwiegend in den Jahren 1968-1971, bei denen gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr demonstriert wurde. Die wohl bekanntesten und folgenreichsten Aktionen fanden im Juni 1969 in Hannover und im März 1971 in Dortmund statt. Mitinitiator war der deutsche Satiriker Dietrich Kittner.Quelle: Wikipedia.de*1), die sich gegen die Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr richtete. Einen roten Punkt, auf Papier gedruckt, bekam man in der Mensa. Er wurde vorn an die Windschutzscheibe geklebt und zeigte an, dass man bereit war, fremde Personen mitzunehmen. Es war Ehrensache, dass wir uns in Marburg auch an der Aktion beteiligten.

Natürlich lief der Wagen nicht immer rund. Es kam schon mal vor, dass ich die bi-funktionale Wagenheberkurbel rausholen musste, die gleichzeitig zum Ankurbeln des Motors benutzt werden konnte. In der vorderen Stoßstange hatte der Hersteller vorausahnend ein Loch gelassen. Dort steckte ich die Kurbel durch und konnte so den Motor anschmeißen. Ich musste dabei nur darauf achten, dass mir der anspringende Motor nicht den Daumen brach. Beim Studentendorf parkte ich den Wagen prophylaktisch so, dass ich ihn bergab rollen lassen konnte, um ihn so zu starten. Auch den Vergaser, ein ganz empfindsames Organ, musste ich gelegentlich justieren, um die richtige Mischung einzustellen, sodass ich bald zum Vergaserexperten wurde.

Alles hat mal ein Ende, auch die Beziehung zu meiner Freundin und damit meine Zeit in Marburg. Nach drei Semestern wechselte ich an die Uni Hamburg, und der R4 kam mit. Im folgenden Wintersemester hat er noch gehalten, aber im April 1971 trennte die Kupplung nicht mehr. Ich konnte ihn zwar noch fahren, indem ich den Motor an jeder roten Ampel ausschaltete und ihn bei Grün wieder anwürgte, aber Spaß ist was anderes. So würgte ich den Wagen dann zum Schrottplatz. DM 20,- habe ich noch bekommen, ein sehr kleines Trostpflaster. In der Hoffnung, dass die Motorhaube oder ein anderes Teil in einem anderen R4 weiterleben würde, verabschiedete ich mich von meinem ersten Auto — schweren Herzens, denn bei der ersten Beziehung ist der Trennungsschmerz bekanntlich am größten.

Der R4-Fraktion bin ich aber treu geblieben. Später hatte ich noch zwei weitere R4. Auch heute noch fahren wir einen Renault.

*1) Roter-Punkt-Aktion oder Aktion Roter Punkt, nannten sich eine Reihe von Protestaktionen in vielen Städten der Bundesrepublik, vorwiegend in den Jahren 1968-1971, bei denen gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr demonstriert wurde. Die wohl bekanntesten und folgenreichsten Aktionen fanden im Juni 1969 in Hannover und im März 1971 in Dortmund statt. Mitinitiator war der deutsche Satiriker Dietrich Kittner. — Quelle: Wikipedia.de