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Die Sturmflut 1962 in Cuxhaven

Als die große Sturmflut 1962 in Hamburg und an der Unterelbe wütete, war ich 16 Jahre alt und lebte in Kairo unter ganz anderen klimatischen Bedingungen. Dort bekam ich von den schrecklichen Ereignissen in Hamburg und Umgebung nichts mit.

Mein Onkel Hans Malsch erlebte die Sturmflut in Cuxhaven und berichtete uns, wie knapp die Cuxhavener in diesen Tagen davon gekommen waren.

Michael Malsch, im Februar 2015

20. Februar 1962

Ihr Lieben in der Ferne!

Es ist still draußen, ein leichter Nordwind, klarblau der Himmel. Fast feierlich geht die Sonne unter. Alles ist so, als wäre nichts geschehen. Und doch ist es nur wenige Tage her, dass das Grausige geschah. Und auch die ersten zarten Töne, die die Amsel wagt, können nicht darüber hinwegtäuschen zu wissen, dass Tausende weinen und stöhnen über den herben Verlust ihrer ganzen Habe und vor allem über die Hunderte von Toten, die ertrunken sind in der schaurigen Nacht, da die Sturmflut über und durch die Deiche brach.

Durch Radio, Fernsehen und Presse werdet Ihr inzwischen erfahren haben, was geschah. Und ich will Euch heute berichten, wie es hier war und dass wir allesamt vor dem Argen bewahrt geblieben sind.

Der Mensch wurde offenbar: Alles, vom krassen Egoismus über die furchtbare Gleichgültigkeit bis zum aufopfernden Einsatz, alles kam überall wieder zum Vorschein. Zum Letzten gehört vor allem der Einsatz der Bundeswehr. Teilweise haben sich die Soldaten mit ihren Leibern gegen die Flut gestellt, damit hinter ihnen andere die Deichbruchstellen stopfen konnten.

Das Furchtbarste ist, wie Ihr vielleicht schon wisst, im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg geschehen. Ahnungslos und arglos sind die Menschen in ihren Häusern, Häuschen und Hütten von der Flut überrascht und überspült worden.

Das Geringste ist in Cuxhaven geschehen. Wenn es am Deich, vor allem in Döse und Duhnen auch grausig aussieht, überall hat der Deich gehalten, allerdings nur durch unermüdlichen und aufopfernden Einsatz der Männer. An der höchsten Stelle des Deiches blieb die Flut etwa einen halben Meter unter der Deichkrone, an anderen Stellen lief es über den Deich hinüber, vor allem in der Deichstraße. Doch das meiste Wasser haben wir über das Hafengelände in die Stadt hinein bekommen. Hier gibt es keinen Deich, weil das Gelände im Ganzen annähernd Deichhöhe hat, aber eben nur annähernd.

Den ganzen Tag, es war der 16. Februar 1962, ein Freitag, hatte es schon fürchterlich aus Nordwesten gestürmt. Nachmittags tobte eine Sturmbö über uns hinweg, dass man den Atem anhielt, mit Blitz und Donner, mit Wirbelwind und Hagel. Der Verkehr hielt teilweise auf der Straße inne. Hier ist nichts Wesentliches passiert, doch in Bremen sind in den wenigen Minuten über hundert Dächer abgedeckt worden.

Als ich um 6 Uhr nach Haus kam, sagte ich: Jetzt ist etwa Niedrigwasser, dabei steht das Wasser aber jetzt schon so hoch wie Normalhochwasser; wie soll das bloß werden! Der Sturm tobte unentwegt weiter. Um 9 Uhr gab es Alarm, d. h. die Sirene heulte auf und ab, man konnte auch denken, es sei Feuer, wie es hin und wieder geschieht. Das nahmen wir denn auch an. 10 Minuten später heulten die Sirenen einen sehr langen Ton. Mutti und die Mädchen machten sich gerade fertig, um einmal zur Deichstraße zu gehen. Ich warnte sie. Aber was gilt der Prophet in der eigenen Stadt. Sie waren eine Viertelstunde unterwegs, da gab es wieder Sirenen-Alarm. Frau Carlberg rief die Polizei an. Was ist, wie sollen wir uns verhalten? Antwort: Katastrophen-Einsatz, verhalten Sie sich wie immer! – Seltsame Auskunft. Unruhig sah ich aus dem Fenster, ein reger Verkehr: LKWs mit Soldaten, mit Sand, mit Maschinen, Feuerwehr, Ambulanzwagen, Martinshorn, und immer wieder Menschen, die unterwegs waren, um sich einmal anzusehen, was eigentlich los ist. Mit einmal kommt Siegfried herein, ziemlich außer Atem: In der Deichstraße läuft das Wasser schon über! Da bat ich ihn: Dann ist es soweit, lass uns anfangen, den Keller auszuräumen! Wir hatten kaum begonnen, da kam Mutti mit den Mädchen zurück (Gott sei Dank!), und da haben wir mit fünfen die Weckgläser und Kartoffeln und etwas Feuerung und Decken und dergleichen nach oben gebracht. Mutti ließ die Badewanne voll Wasser laufen, überall standen Kerzen bereit. Und dann kam durchs Radio: In Cuxhaven Deichbruchgefahr, Nachbarn verständigen, Parterrewohnungen räumen! Siegfried war wieder unterwegs gewesen und kam um halb zwölf Uhr an: Das Wasser steht! Da hielt es meine Frau nicht mehr: Sie musste wieder los. Meine Warnung half nicht, da bin ich vorsichtshalber mitgegangen, zur Deichstraße, immer mit dem scheußlichen Gefühl in Bauch, wenn bloß der Deich hält! Es waren noch allerhand Menschen unterwegs. Niemand ahnte offenbar, in welcher Gefahr wir schwebten. Und von denen, die nicht unterwegs waren, schliefen die meisten. Sie ahnten noch weniger. – Die Schillerstraße und die anliegenden Straßen waren unter Wasser. Heidemarie und Mutti staunten, der alte Malsch trieb zur Eile, man los, nach Haus! – Wir kämpften uns gegen den Wind zurück nach Haus, aber, seltsam, hatte der Wind wirklich nachgelassen? Ja, etwas geringer war es schon, und Hochwasserzeit war bereits gewesen. – Also ins Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. Einmal meinte ich, es rauscht durch die Straßen, ans Fenster: Nichts war. Im Gegenteil: Etwa viertel nach ein Uhr gab es Entwarnungszeichen. Da kamen denn auch die Nerven langsam zur Ruhe. Überstanden!

Aber am nächsten Morgen kamen dann die furchtbaren Nachrichten von dem unübersehbaren Ausmaß der Unwetter-Katastrophe. Elbdeiche, Oste-, Schwinge- Lühe-Deiche, überall viele, viele Brüche und riesige Überschwemmungen. Aber die Schlimmste, eben Wilhelmsburg, über die Deiche hinweg, das Wasser steht wie in einer Wanne. Tausende von Menschen auf Dächern und Bäumen. Und heute noch sind Froschmänner dabei, Leichen aus Wasser und Schlamm zu bergen, Stunde um Stunde, immer mehr!

Und als ich dann zum Hafen, zum Dienst fahre, ach, mein Schreck! Wie sieht es hier aus: Die Bahnhofstraße, Nordersteinstraße mit umliegenden ebenso niedrigen Straßen haben unter Wasser gestanden. Vom Hafen her war das Wasser in breitem Strom bei Höchstwasserstand eine Zeitlang in das Hafen-, Industrie- und Bahngelände gelaufen, von da in die Stadt. Vom Bahngelände zum Beispiel waren nur der Bahnsteig und die Rampen frei geblieben. Wir gehen heute noch zwischen den Gleisen gerade so wie auf dem Watt. Ein eigenartiger Anblick. Gott sei Dank hat die Sielpumpe unaufhörlich funktioniert! – Und die Feuerwehr hat am Sonnabend und Sonntag ununterbrochen Keller um Keller leergepumpt. Der verdorbene Teil der Marinaden in den riesigen Kellern der großen Industrie-Unternehmen zum Beispiel von H & H und von Seeadler soll einen Wert von mehreren Millionen DM gehabt haben. Viele Maschinen und vor allem Motoren sind unbrauchbar geworden. Die Betriebe können nur in geringem Umfang arbeiten.

Aber das ist alles zu ersetzen.
1945 kamen die Engländer nach Cuxhaven und meinten, man sollte die Stadt Glückstadt nennen. Das habe ich an dem Tage nach der Unglücksnacht wiederholt. Denn nun erst wurde man gewahr, was mir immer schwante: Hätte der Sturm auch nur noch eine Stunde angehalten, die Männer hätten nichts mehr machen können, die Deiche wären übergelaufen und gebrochen, und ehe sie zerfetzt worden wären, wären wir von hinten her ersoffen, wie es derb heißt. Es hätte ein Unglück gegeben von unvorstellbarem Ausmaß, denn die Nordsee stand vor unserem Deich vier Meter höher als die Stadt selber, es waren viele Menschen unterwegs, und viele schliefen. Aber wir sind noch einmal davongekommen.

Und doch will das Dankgebet nicht recht gelingen: Wofür soll der Mann danken, dem fünf Kinder weggerissen werden, wofür der, der seine Kinder behält, und seine Frau ertrinkt, wofür der, der im Schlaf überrascht wird, der mit seiner Frau aufs Dach klettert, beide über 70 Jahre, und seine Frau erfriert im nassen Nachthemd? Und jetzt geht hier in Glückstadt das Leben weiter, als wäre nichts geschehen…

Am Sonntagmorgen, ich habe an Sonnabend/Sonntag bei Tante Änne tapeziert, bin ich um 8 Uhr erst einmal am Deich entlang nach Döse gefahren. Der Deich hat in Höhe Garnisonkirche und Badehausallee schwer gelitten. Aber dann komme ich um die Ecke bei der Kugelbake. Wisst ihr noch, wie ihr hier wart, und es war alles so schön, so friedlich, so ordentlich. Ach, diese Unordnung, die ihr jetzt sehen könntet! Der Deich an vielen Stellen schwer angeschlagen, die Uferbefestigung, die Promenade fast überall ein wüstes Durcheinander und Übereinander. Je länger, desto mehr kommt mir zum Bewusstsein, in welcher ungeheuren Gefahr wir schwebten in der vorvergangenen Nacht. Was mag hier geschuftet worden sein! Und um ein Haar, oder besser um eine Stunde vielleicht alles vergebens… Nicht zu Ende zu denken! … Zwei Krähen krächzen, immer aufs Neue. Doch plötzlich über mir: Drei Lerchen zwitschern miteinander, und schließlich eine allein: Sie jubiliert, als wäre der Frühling schon da! … Also gut, es wird schon wieder werden. Man wird bauen, ausbessern, die Deiche erhöhen und verbreitern, man wird bessere Alarmeinrichtungen schaffen, man wird ein Buch schreiben, man wird von der Flutkatastrophe sprechen, die die Norddeutsche Tiefebene und vor allem Hamburg so schwer getroffen hat, damals, wisst ihr noch?. Anno 1962! Die Geschlechter werden in wenigen Jahrzehnten andere sein, und man wird wieder arglos sein und auf das Mahnen der Alten nicht mehr hören: Ja, damals, Mutter, da war es auch noch anders… Vielleicht aber wird bald wieder, ehe die Deiche heil und trocken und besser sind, eine schlimme Flut kommen… Da hat einer gesagt: Keine Sorgen auf Vorschuss! Ja, das meine ich auch! …

Dies ist natürlich auch alles zugleich an Michael geschrieben, bitte weitergeben.
Nun wünsche ich euch allen viel Gutes und werde auch fernerhin gern und oft an euch denken!

Euer Hans