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Jerusalem 1960 — 1965
Kapitel 2:
Reise nach Jerusalem

Bevor wir nach Jerusalem aufbrachen, wurde die ganze Familie im Sommer 1960 für einige Wochen nach England geschickt (Foto 02). Meine Eltern waren in Hothorpe Hall, einem Tagungszentrum der englischen Lutheraner in Leicestershire, um dort ihre englischen Sprachkenntnisse zu verbessern. Mein Bruder Thomas und ich kamen zu einer netten englischen Familie in Leicester, die Kinder in unserem Alter hatte. Wir gingen mit den Kindern zusammen in die Schule. Ich weiß noch, dass in meiner Klasse gerade das englische parlamentarische System durchgenommen wurde. Die Lehrerin stellte Fragen dazu und ich wusste die Antworten besser als die dortigen Schüler. Aber ich traute mich nicht, mich zu melden. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass meine Antworten richtig sein könnten, weil ich die Fragen als so leicht empfand.

Am 12. August 1960 fuhren wir mit der Bahn vom Hamburger Hauptbahnhof nach Rotterdam. Die Presse war da und es war ein großes Spektakel. In Rotterdam wartete die MS Belgrano (Foto 03) auf uns, auf der wir nach Beirut reisen sollten. Die MS Belgrano war ein Stückgutfrachter, der eine Reihe kleinerer Mittelmeerhäfen (Foto 04) anfuhr. So tuckerten wir, nachdem wir die Seekrankheit überwunden hatten, in 17 Tagen ganz beschaulich Richtung Levante.

Als Passagier auf einem Frachter hat man es richtig gut. Wir waren neben einem Hamburger Arztehepaar die einzigen Passagiere. Mein Bruder und ich freundeten uns mit dem Moses Heinz an und guckten ihm und den Matrosen beim Spleißen zu (Foto 05). Das Spleißen von Drahtseilen kostete richtig Kraft und war nur mit Handschuhen zu machen. Heinz nähte uns auch einen großen Seesack, in den wir den Inhalt eines unserer Umzugskartons umpacken konnten, der kaputt gegangen war.

Die interessanteste Ladung des Frachters waren etwa 20 Milchkühe, die auf Deck untergebracht waren. Die Tiere waren zwar gegen die Sonne durch Sonnensegel geschützt, aber sie hätten wohl lieber auf einer sattgrünen Wiese gegrast. Wenn sie gemolken worden wären, hätte ich mich sicherlich daran erinnert, weil ich euterfrische Milch sehr lecker finde. Deswegen nehme ich an, dass es sich um Färsen handelte.

Der erste Hafen, den wir ansteuerten, war Tripolis (Libyen). Dann ging es weiter nach Famagusta (Zypern). In jedem Hafen wurde Stückgut mit den schiffseigenen Ladebäumen gelöscht. Dann fuhren wir Latakia (Syrien) an. Hier mussten die Kühe aussteigen. Ich kann mich leider nicht an das Entladen der Kühe erinnern. In meiner Fantasie schwebten sie, mit zwei Gurten unter dem Bauch, am Ladebaum über die Reling, um auf der Kaimauer abgesetzt zu werden. Aber wahrscheinlich wurden sie ganz profan per Rampe entladen.

Unsere Schiffsreise endete am Nachmittag des 29. August in Beirut (Libanon). Zusammen mit dem Lotsen kam der dortige deutsche Auslandspastor Herr Kriener an Bord, der dort schon sechs Jahre arbeitete. Er half uns bei allen Formalitäten und lud uns am Abend in sein Haus zu Frau und Kindern ein. Wir erfuhren, dass gerade an dem Tag der jordanische Ministerpräsident Hazza‘ al-Majali einem Bombenattentat zum Opfer gefallen war. Deshalb war die jordanische Grenze gesperrt. Eine Nacht konnten wir noch an Bord schlafen. Nach einer weiteren Nacht im Hotel flogen wir nach Jerusalem, denn es war nicht abzusehen, wann die Grenze wieder geöffnet werden würde. Es war mein erster Flug. Der Flieger zog zuerst eine große Schleife über dem Meer, um an Höhe zu gewinnen. Dann ging es über das Libanongebirge, die fruchtbare Bekaa-Hochebene und den Anti-Libanon. Danach kam die syrische Wüste in gelben und braunen Farben, mittendrin die Oase Damaskus. Von dort ging es nach Süden über die jordanische Grenze, dann weiter nach Westen Richtung Jerusalem über den Jordangraben und das Tote Meer. Die Maschine war recht leer, sodass wir beliebig viele Fensterplätze hatten und so die vielen neuen Eindrücke in uns aufnehmen konnten.

Seemann beim Spleißen

Foto 05: Spleißen auf der MS Belgrano
Foto: Malsch
Die Schiffsglocke der MS Belgrano

Foto 5.1: Die Schiffsglocke der MS Belgrano
Foto: Malsch

Wenn die Grenze nicht zu war, fuhr man damals von Beirut nach Jerusalem normalerweise über Damaskus und Amman mit dem Sammeltaxi, dort Service-Taxi genannt. Aber warum so umständlich? Warum sind wir nicht einfach mit dem Schiff nach Haifa oder nach Tel Aviv gefahren, und von dort aus hoch nach Jerusalem?

Noch im Ersten Weltkrieg vor der Vertreibung der Osmanen aus Palästina hatten sich Großbritannien und Frankreich in einem GeheimabkommenDas Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessensgebiete im Nahen Osten nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden.Quelle: Wikipedia.org ihre Interessengebiete im Nahen Osten aufgeteilt. Etwa zur gleichen Zeit wurde sowohl den Arabern als auch den Juden diese Region als Heimstätte versprochen. Zuerst wurde Palästina aber als Mandatsgebiet des Völkerbundes unter die Leitung Großbritanniens gestellt. 1948 lief das Mandat aus. Inzwischen kämpften alle Seiten um die Vorherrschaft in der Region, was man an anderer Stelle nachlesen kann. Schließlich kam es zum PalästinakriegDer Palästinakrieg oder Israelische Unabhängigkeitskrieg ist der erste arabisch-israelische Krieg, der in den Jahren 1947-1949 auf dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina ausgetragen wurde.Quelle: Wikipedia.org und dem Waffenstillstandsabkommen im Frühjahr 1949 mit dem Ergebnis, dass der Ostteil Jerusalems mit der Altstadt und dem Ölberg jordanisch wurde, der Westteil der Stadt aber israelisch. Da es nur ein Waffenstillstand war, blieben die kriegführenden Parteien Feinde. Ein Transit durch Israel war daher nicht möglich.