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Jerusalem 1960 — 1965
Kapitel 6:
Die Palästinenser

Die Menschen in Palästina sind mir ans Herz gewachsen. Das ist mir wichtig zu sagen, denn mein Eindruck ist, dass die Sicht der Deutschen auf die Palästinenser eher indifferent bis ablehnend ist. Das liegt sicherlich auch daran, dass der Staat Israel nach dem Zweiten Weltkrieg hier bei uns in Deutschland materiell und emotional sehr unterstützt und hofiert wurde. Da lag es nahe zu sagen: Der Feind meines Freundes ist auch mein Feind.

Die Palästinenser gibt es ebenso wenig oder so viel wie die Deutschen. Aber so wie man uns Deutschen pauschal bestimmte Eigenschaften zuschreibt, kann man das natürlich auch bei den Palästinensern. Zum Beispiel haben die Palästinenser eine andere Mentalität als wir. Sie können sehr heißblütig sein, wenn man sie in ihrer (anders als bei uns definierten) Ehre kränkt oder wenn man ihnen Unrecht antut. Eine Million Palästinenser haben im Palästinakrieg und im Sechstagekrieg ihre Häuser und ihr Hab und Gut verloren und leben bis heute in FlüchtlingslagernDie im Palästinakrieg und Sechstagekrieg geflohenen und vertriebenen Palästinenser wurden in 58 Flüchtlingslagern im Westjordanland und Gazastreifen, in Jordanien, Syrien und dem Libanon aufgenommen, wo sie und ihre Nachkommen teilweise bis heute leben und vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten versorgt werden. Quelle: Wikipedia.de in den angrenzenden Ländern. Ihre Zahl ist inzwischen auf fünf Millionen angewachsen. ‑ Der hochbetagte Dr. Canaan, der eine deutsche Frau hatte und zur Jerusalemer Gemeinde gehörte, führte meinen Vater einmal auf den Teil der Stadtmauer, die vom Damaskustor aus nach Westen führt. Von dort aus konnte man in das nördlich der Stadtmauer gelegene Viertel mit den roten Ziegeldächern hineinsehen, das jenseits der Demarkationslinie lag. Dann zeigte er auf eines der roten Dächer und sagte mit Tränen in den Augen: Dort ist mein Haus. ‑ Ein anderes Mal kam mein Vater mit einer hochstehenden Ostjerusalemer Persönlichkeit, einem Mann um die sechzig, ins Gespräch über die Israelische Besatzungsmacht und dieser sagte zu meinem Vater: I will throw them into the sea, thausands of them (Ich werde tausende von ihnen ins Mittelmeer werfen). Der Satz drückt die Verbitterung aus, die die Menschen dort bis heute spüren, weil ihnen Unrecht angetan wurde. Und, um beiden Seiten gerecht zu werden: Am 18. November 2014 äußerte sich ein Israeli im deutschen Fernsehen nach dem Attentat von Palästinensern auf eine Synagoge: Man muss sie alle töten! ─ Der Teufelskreis wird weitergehen, solange es keinen charismatischen Politiker gibt, der ihn durchbricht. Und der ist zurzeit weit und breit nicht in Sicht.

Ansonsten sehen die Palästinenser das Leben lockerer und gelassener als wir. Ein Beispiel: Als wir im August 1960 mit dem Schiff Latakia (Syrien) anliefen, erzählte uns jemand, dass dort ein Hafenarbeiter sich gerade für den Rest des Jahres abgemeldet hatte. Er habe genug Geld verdient, um über das Jahr zu kommen. Im nächsten Jahr käme er dann wieder.

Als Deutscher kann man diese levantinische Mentalität nicht unmittelbar nachvollziehen. Aber man kann sie tolerieren. Und man kann von ihr lernen. Man kann gelassener sein, den Tag genießen und sich zur Erinnerung ein Schild an die Wand hängen oder eine Fußmatte vor die Tür legen mit der Inschrift carpe diem. — Mein Vater, der sich zumindest in einem Punkt nicht assimiliert hatte, bekam zum Abschied für seinen Schreibtisch in Hamburg ein Schild aus palästinensischer Töpferarbeit geschenkt. Auf der Seite des Besuchers steht Hauptpastor Carl Malsch (Foto 14) und auf der ihm zugewandten Seite steht الصبر  (es-Sabr - Geduld, Gelassenheit) (Foto 15). Jetzt steht es auf meinem Schreibtisch.

Was man außerdem von den Palästinensern lernen kann, ist der Zusammenhalt der Großfamilie. Kinder sind etwas ganz wichtiges im Leben. Aber natürlich hat das auch einen ganz pragmatischen Hintergrund: Da es keine Sozialversicherung gibt, müssen die Kinder für die Eltern im Alter sorgen.

Wider Erwarten wurden wir als Deutsche von den Palästinensern akzeptiert und respektiert, gelegentlich sogar begeistert empfangen. Ich fand das sehr merkwürdig und habe es deshalb oft hinterfragt. Schließlich hatten die Deutschen doch durch die Verfolgung der Juden die Auswanderungswelle nach Palästina erst richtig in Gang gebracht. Das spielte aber unverständlicherweise überhaupt keine Rolle. Wichtig war aber, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg gegen die Engländer gekämpft hatten. Denn die Engländer waren die bestgehassten Ausländer, noch vor den Amerikanern. Sie hatten den Arabern im Zuge der Arabischen Revolte die Unabhängigkeit zugesagtSiehe Fußnote 1). Gleichzeitig hatten sie aber mit den Franzosen ein GeheimabkommenDas Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessengebiete im Nahen Osten nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden.Quelle: Wikipedia.de getroffen, wie sich Frankreich und England nach dem Hinauswurf des Osmanischen Reiches den Vorderen Orient aufzuteilen gedachten. Deshalb fühlten sich die Araber zu Recht verraten. Im November 1917 sicherte England dann den Führern der zionistischen Weltorganisation zu, eine Heimstätte für Juden in PalästinaSiehe: Fußnote 2) zu begünstigen. Die Folge dieser englischen Politik war, dass es schließlich zum PalästinakriegDer Palästinakrieg oder Israelische Unabhängigkeitskrieg (arabisch ‏النكبة‎, DMG an-Nakba ‚Die Katastrophe'; hebräisch ‏מלחמת העצמאות‎ Milchemet haAtzma'ut) ist der erste arabisch-israelische Krieg, der in den Jahren 1947—1949 auf dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina ausgetragen wurde.Quelle: Wikipedia.de kam und im Nahen Osten bis heute kein Frieden eingekehrt ist.

Ich kann mich erinnern, dass ich gelegentlich mit Master angesprochen wurde, was ich sehr befremdlich fand. Das war wohl noch ein Relikt aus der britischen Mandatszeit.

Bei uns in Deutschland werden Menschen oft über ihren Beruf definiert. Im Heiligen Land werden die Menschen aber in erster Linie über ihre Religion definiert. Vielen Menschen sieht man bereits ihr Bekenntnis an der Kleidung an. Bei den Vertretern der vielen christlichen Denominationen erkennt man ihre Zugehörigkeit bis heute an ihren typischen Gewändern. Bei den Frauen sind die Musliminnen schwarz gekleidet und oft verschleiert, die Christinnen tragen oft weiße Kopftücher und schwarzsamtene bodenlange Kleider, die reich mit bunten Stickereien versehen sind (Foto 11), an denen Insider sehen können, aus welchem Dorf sie kommen. Das war in den 1960er Jahren noch sehr verbreitet. Leider schwindet diese bunte Tradition zunehmend.

1) Die Hussein-McMahon-KorrespondenzSiehe Artikel der Wikipedia: Hussein-McMahon-KorrespondenzQuelle: Wikipedia.de bezeichnet einen Briefwechsel zwischen dem Führer des Hedschas, Hussein ibn Ali, Sherif von Mekka, und Sir Henry McMahon, Britischer Hochkommissar in Ägypten in den Jahren 1915—1916. Gegenstand dieser Korrespondenz war die politische Zukunft der arabischen Länder des Nahen Ostens sowie das Bestreben Großbritanniens, einen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft anzufachen. McMahons Aussagen wurden von den Arabern als Zusage für eine arabische Unabhängigkeit gewertet, die durch die nachfolgende Teilung der Region in von Großbritannien und Frankreich kontrollierte Gebiete gemäß dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 gebrochen wurde. Eine besondere Kontroverse entstand um Palästina, das offizielle britische Stellen und auch McMahon selbst nach Bekanntwerden der Korrespondenz als von dem Versprechen ausgenommen bezeichneten. Großbritannien sicherte im November 1917 durch die Balfour-Deklaration zu, die Schaffung einer Heimstätte für Juden zu begünstigen. Auch im Zusammenhang mit dieser Erklärung wurde die Hussein-McMahon-Korrespondenz erneut diskutiert. Wachsende Kritik führte zu einer offiziellen Stellungnahme des damaligen Kolonialministers Winston Churchill im Jahr 1922, dem Churchill White Paper, in dem die Balfour-Deklaration sowie die Sichtweise McMahons bezüglich der Palästinafrage bekräftigt wurde.

2) In der Balfour-DeklarationSiehe Artikel der Wikipedia: Balfour-DeklarationQuelle: Wikipedia.de vom 2. November 1917 erklärte sich Großbritannien einverstanden mit dem 1897 festgelegten Ziel des Zionismus, in Palästina eine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes zu errichten. Dabei sollten die Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften gewahrt bleiben. Zum damaligen Zeitpunkt befand sich Palästina noch im Machtbereich der Osmanen. Die britische Regierung versprach sich von der Zusage an die zionistische Bewegung Vorteile sowohl in der Mobilisierung zusätzlicher Ressourcen während des Krieges wie auch langfristige strategische Vorteile. Am 31. Oktober 1917 war die Eroberung von Be'er Scheva unter dem britischen General Edmund Allenby erfolgt und somit hatte die Eroberung Palästinas durch britische Truppen eingesetzt, welche bis Dezember 1917 faktisch beendet wurde. Die britische Balfour-Deklaration war an die Führer der zionistischen Weltorganisation gerichtet. Sie wird als eine entscheidende Garantieerklärung an den Zionismus angesehen, um in Palästina eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk errichten zu dürfen.