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Jerusalem 1960 — 1965
Kapitel 7:
Vaters Aufgaben

Mein Vater hatte zwei Rollen. Zum einen war er Propst der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache zu Jerusalem an der Erlöserkirche in der Altstadt. Zu seinen Aufgaben gehörte die Betreuung der deutschen Touristen und der etwa siebzig Deutschen, die damals in JordanienDie Westbank und die Altstadt von Jerusalem gehörten vor 1967 zum Haschemitischen Königreich Jordanien. lebten. Da diese nicht alle in Jerusalem und Umgebung wohnten, machte er monatliche Besuche und Predigten in der deutschen Gemeinde in Amman, anfangs auch in Damaskus, weil der für die Gemeinde in Damaskus zuständige damalige Pastor aus Beirut in Syrien ein Einreiseverbot hatte. Nach Amman sind wir öfter mitgefahren. Die Fahrt war schon ein Erlebnis für sich: Von Jerusalem (800 m über dem Meeresspiegel) führte die Landstraße zuerst südlich um den Ölberg herum in die Judäische Wüste (Foto 16). Dort, wo heute eine mehrspurige Autobahn die Berge durchschneidet, schlängelte sich damals eine sehr kurvenreiche Landstraße (mit 100 bis 300 Kurven, je nach Zählweise) um jede Bergkuppe steil hinunter ins Jordantal zum Toten Meer (400 m unter dem Meeresspiegel). Die Straße war so schmal, dass es Haltebuchten gab, weil zwei der alten Holzvergaser-Lastwagen nicht aneinander vorbei kamen. Unten im Jordangraben lässt man Jericho links liegen und überquert den Jordan an der Allenby-BrückeDie Allenby-Brücke, auch bekannt als die König-Hussein-Brücke ist eine Brücke, die den Fluss Jordan überspannt und Jericho im Westjordanland mit dem Königreich Jordanien verbindet. siehe Artikel der Wikipedia nördlich der Stelle, an der der Jordan ins Tote Meer mündet. Wenige Kilometer später klettert die Straße wieder hinauf in die Moabiter Berge nach Amman (800 m über dem Meer). Wir mussten also zweimal auf einer Strecke von 70 km Luftlinie einen Höhenunterschied von 1.200 m überwinden. Hin und wieder war es angebracht, den Druck in den Ohren durch Schlucken wieder auszugleichen. Außerdem war der Temperaturunterschied zwischen Jerusalem und Jericho sehr hoch und eine Klimaanlage hatte das Auto damals nicht. Wenn wir diese Strecke fuhren, dann taten wir immer so, als ob wir die Luft anhielten, wenn wir das Schild Sea Level passierten. In Amman waren wir gelegentlich bei SchnellersDas Syrische Waisenhaus war eine missionarisch-diakonische Einrichtung in Jerusalem, deren Wurzeln in der Aufnahme mehrerer Waisenkinder am 11. November 1860 durch Johann Ludwig Schneller liegen.siehe Artikel der Wikipedia, einer deutschen Missionseinrichtung. Das Gelände mit der Schule lag damals noch weit außerhalb der Stadt. Heute ist Amman weit darüber hinaus gewachsen.

Die zweite Rolle meines Vaters war die des Bischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien (ELCJ). Nachdem ihn die Synode der ELCJ im Oktober 1960 gewählt und der Berliner Bischof Otto Dibelius offiziell in dieses Amt eingeführt hatte, musste er bei allen offiziellen Stellen einen Antrittsbesuch machen. Dazu gehörten die Patriarchen und Erzbischöfe der in Jerusalem akkreditierten christlichen Denominationen (Lateiner, Griechen, Armenier, Kopten, Äthiopier, Maroniten, Syrer, Anglikaner), aber natürlich auch der jordanische König HusseinHussein bin Talal * 14. November 1935 in Amman, Jordanien; † 7. Februar 1999) war von 1952 bis 1999 König von Jordanien ( Königreich von Jordanien).siehe Artikel der Wikipedia, der kleine König, wie wir ihn aufgrund seiner Körpergröße liebevoll nannten. Beim kleinen König war er später noch öfter zu offiziellen Empfängen eingeladen. Er berichtete uns von dem dortigen Bankett, auf dem es riesige Platten mit Reis und Hammelfleisch gab, obenauf ein Hammelkopf, der jedes Mal nickte, wenn man sich etwas vom Fleisch nahm. Natürlich aß man nach Beduinenart mit den Fingern. — Einmal musste mein Vater auch zu einem Huldigungsempfang zum kleinen König. Das war im April 1963. Das Militär patrouillierte in der Stadt und über mehrere Tage war eine Ausgangssperre verhängt. Den Grund dafür weiß ich nicht, möglicherweise war es mal wieder ein Putschversuch. Vielleicht hatte es auch etwas mit der unblutigen Revolution in Syrien im März zu tun. Die Grenze nach Syrien war dicht und in Damaskus herrschte auch Ausgangssperre.

Im Januar 1964 unternahm Papst Paul VI. eine Reise ins Heilige Land. Diese Pilgerreise war natürlich lange vorher bekannt, und mein Schulkamerad aus Alexandria gab mir die Filmkamera der Familie mit, um den Besuch von Paul VI. in Jerusalem zu filmen. Ich postierte mich mit der Kamera an dem schmalen Torbogen, durch den man von der Erlöserkirche aus in den Vorhof der Grabeskirche kam, denn durch dieses Nadelöhr musste auch der Papst. Ich erinnere mich, dass die Filmaufnahmen trotz des Geschiebes und Gedränges der Massen sehr schön wurden, ich selbst bekam aber nur den Ausschnitt des Kamerasuchers mit, was ich im Nachhinein bedaure.

Zur selben Zeit wie Paul VI. war auch der Patriarch Athinagoras von Konstantinopel in Jerusalem. Von beiden wurde mein Vater in Privataudienz empfangen (siehe Bericht)In seinem Brief berichtet er seinem Freundeskreis in Deutschland von den Ereignissen um den Besuch von Papst Paul VI. in Jerusalem.. Damals wurde das Treffen dieser beiden Kirchenoberhäupter im Heiligen Land als ein wichtiges ökumenisches Ereignis gefeiert. Geändert hat es aber an der (Un-)Einheit der Kirchen nichts.

Auch in Jerusalem und Umgebung pflegten meine Eltern Kontakte, natürlich auch zu den Vertretern oft christlich geprägter europäischer und amerikanischer Organisationen. Etwa sechs Kilometer hinter Ramallah war der Sternberg, von dem man bis zum Mittelmeer sehen konnte. Oben auf dem Berg befand sich das Aussätzigen-Asyl der Herrnhuter Brüdergemeine. Ich war auch zwei- oder dreimal dort. Etwa zwanzig Aussätzige wurden dort von vier Schwestern betreut. Man war damals schon in der Lage, die Lepra im Anfangsstadium zu heilen und im fortgeschrittenen Stadium wenigstens zu stoppen, aber die Verunstaltungen blieben. Wer diese Menschen, denen die Finger oder ein Teil des Gesichts fehlten, einmal gesehen hat, der vergisst diesen Anblick nicht wieder. Das Problem war, dass die Kranken nicht rechtzeitig kamen oder die Lepra nicht frühzeitig erkannt wurde.

Nördlich der anglikanischen St. George‘s Cathedral im Stadtteil Scheich DscharrahScheich Dscharrah ist ein Stadtteil von Jerusalem bzw. Ostjerusalem, der überwiegend von Arabern bewohnt wird.siehe Artikel der Wikipedia liegt die American Colony in Jerusalem, die um 1880 von den religiösen Erweckungssektierern Horatio und Anna Spafford gegründet wurde. Damals lebte deren Tochter noch, Berta Spafford VesterBertha Spafford Vester circa 1954, die Königin von Jerusalem. An sie kann ich mich noch gut erinnern. Sie war das Urgestein der American Colony.

Die ELCJ bestand aus mehreren palästinensischen Gemeinden. Neben Jerusalem gab es eine in Bethlehem, Beit Jala, Beit Sahur und Ramallah. Alle hatten eigene Kirchen mit palästinensischen Pastoren. Außerdem gab es dort evangelische Schulen, die von Deutschland finanziert wurden. Die Kirche in Ramallah und die neue Martin-Luther-Schule in Jerusalem wurden in unserer Zeit gebaut. Außerdem wurde das ehemalige Johanniter-Augenhospital in der Altstadt gekauft und als Gästehauses des Propstes eingerichtet.

In der Propstei gaben sich alle möglichen deutschen Kirchenfürsten und Politiker die Klinke in die Hand. Jeder mit Rang und Namen war bei uns in Jerusalem. Ich erinnere mich noch an Martin Niemöller (Kirchenpräsident von Hessen), Präses Kurt Scharf (Ratsvorsitzender der EKD), Hanns Lilje (Landesbischof in Hannover) und viele andere.