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Jerusalem 1960 — 1965
Kapitel 8:
Mein Alltag in Jerusalem

Jerusalem liegt bekanntlich im Vorderen Orient, und diese Gegend assoziiert man in Deutschland mit einem warmen bis heißen Klima. Das stimmt im Prinzip auch. Aber Jerusalem liegt 800 m hoch. Das Klima ist im Sommer mit Temperaturen zwischen 20 und 35°C durchaus erträglich, weil dort oben oft ein frischer Wind weht. Im Winter liegen die Temperaturen im einstelligen Bereich. Das ist zwar nicht so kalt, dass sich der Einbau einer Zentralheizung lohnen würde, ähnlich wie früher im Süden Englands. Aber das Bedürfnis nach Wärme war schon vorhanden. Wir haben damals mit tragbaren dreibeinigen Petroleumöfen geheizt. Sie waren etwa kniehoch, aus schwarzem Blech und vorn war eine Klappe, durch die man den Docht erreichen konnte. Ich habe zweimal erlebt, dass es in Jerusalem geschneit hat. Aber der Schnee blieb nicht lange liegen.

Mein Alltag in Jerusalem war bestimmt durch die Schule und durch das, was um uns herum in Jerusalem passierte. Von den Geschehnissen in Deutschland (Mauerbau in Berlin im August 1961, Sturmflut in Hamburg im Januar 1962) bekamen wir nur mit Verzögerung etwas mit. Die Kommunikation mit Deutschland erfolgte per Post, und die dauerte einige Tage. Nur wenn es mal ganz wichtig war, schickte man ein Telegramm oder meldete ein Ferngespräch an. Aber das kam selten vor.

Nach einer Eingewöhnungszeit — als wir ankamen, waren noch Sommerferien — begann für meinen Bruder Thomas und mich wieder der Alltag. Wir mussten zur Schule. Die Entscheidung war auf die englische St. Georges SchoolDie St. George's School in Jerusalem ist eine Schule für Jungen in Ost-Jerusalem, in Trägerschaft der anglikanischen Diözese von Jerusalem. Die Unterrichtssprache ist Englisch. Das Kollegium besteht aus arabischen und englischen Lehrern.siehe Artikel der Wikipedia (Foto 18) an der Nablus Road gefallen. Sie liegt direkt an der anglikanischen St. Georges Cathedral. Sie ist etwa so alt wie die Erlöserkirche und hat einen dicken viereckigen Turm mit vier kleinen Türmchen auf jeder Ecke. Die Secondary School ist bis heute eine reine Jungensschule.

Damit man uns in die passende Klasse einordnen konnte, mussten wir Tests machen. Wir erinnern uns aber nur noch an den Mathe-Test, in dem wir in Arithmetik auf den Zahn gefühlt wurden und eingekleidete Aufgaben lösen mussten. Thomas kam in die Secondary II und ich in die Secondary III, das entspricht der 8. und 9. Klasse. Die Unterrichtssprache ist Englisch. Auch das Lehrerkollegium bestand fast nur aus Engländern. Die 29 Schüler meiner Klasse waren durchweg Palästinenser, die sich das Schulgeld leisten konnten, 18 Moslems und 11 Christen aller Denominationen. Außer Thomas und mir war nur noch ein amerikanischer Junge in Thomas Klasse, dessen Vater bei der UN arbeitete.

Die Schule liegt in Scheich Dscharrah, in dem damals die besser situierten Palästinenser wohnten. Der Stadtteil liegt außerhalb der Stadtmauer nördlich vom Damaskustor. Unser Schulweg führte uns von der Propstei aus durch den Suq Khan ez-Zeit, der die Grenze zwischen dem Christlichen und dem Muslimischen Viertel bildet, zum DamaskustorDas Damaskustor oder Nablus-Tor ist das größte — und in den Augen vieler Besucher auch schönste — Tor der ummauerten Altstadt von Jerusalem.siehe Artikel der Wikipedia und von dort die Nablus Road hoch. Wir benötigten für einen Weg etwa eine Viertelstunde, denn wir hatten mit der Zeit eine eigene Technik entwickelt, uns durch die Menschenmassen des Suqs zu schlängeln. Der Unterricht begann um acht Uhr mit einer halbstündigen Devotion (Andacht) in der Assembly Hall. Morgens hatten wir fünf Schulstunden, am Nachmittag nochmal zwei und anschließend einmal in der Woche Sport, der sich aber auf Fußball und Basketball beschränkte und oft ausfiel. In der Mittagspause gingen wir zum Mittagessen nach Hause. So mussten wir täglich zweimal hin und zurück.

Der Stoff, den ich in der Sec. III durchmachte, fiel mir leicht. In Physik nahmen wir in dem Schuljahr Optik durch, was bereits in Hamburg dran gewesen war. In Mathe machten wir Analysis, was mir sehr leicht viel, und ich sagte aus Spaß, dass ich bestimmt am Ende des Schuljahres den Progress Price bekommen würde. — Wenn wir einen mathematischen Beweis geführt hatten, sollten wir darunter Q.E.D. setzen, die lateinische Formel quod erat demonstrandum (was zu beweisen war). Die Mitschüler, die keine Lateinkenntnisse hatten, übersetzten es mit quite easy done (etwa: war ganz einfach). Aber dann hätte es easily heißen müssen.

Natürlich hatten die palästinensischen Schüler auch Arabisch als Unterrichtsfach, an dem wir nicht teilnehmen konnten. Aber der Headmaster, der sehr gut Deutsch sprach, bot meinen Eltern an, uns während des Arabisch-Unterrichts in Deutsch zu unterrichten. Der Wochenplan sah vor: am Montag Bismarcks Erinnerungen, am Dienstag Goethes Leben und Lyrik, am Mittwoch: Aufsatz schreiben, am Donnerstag Übersetzung ins Englische, und am Sonnabend wieder Goethes Leben und Lyrik. Ja, der Freitag, der Sonntag der Moslems, war frei. Hier wurde er seinem Namen gerecht.

In meiner Klasse war Alfred, ein Armenier. Er liebte den Säbeltanz von Chatschaturjan, auch ein Armenier. Wir hatten den gleichen Schulweg, weil er im Armenischen Viertel wohnte, und freundeten uns an. Sein Vater war ein SchnellerschülerDas Syrische Waisenhaus war eine missionarisch-diakonische Einrichtung in Jerusalem, deren Wurzeln in der Aufnahme mehrerer Waisenkinder am 11. November 1860 durch Johann Ludwig Schneller liegen.siehe Artikel der Wikipedia gewesen und sprach daher Deutsch. Daher hatte Alfred auch seinen deutschen Namen. Gelegentlich wurde er damit gehänselt, denn der Name hörte sich so ähnlich an wie alf ird (الف قرد ), was 1000 Affen bedeutet. Thomas übernahm Alfred, als ich nach Kairo auf die Deutsche Evangelische Oberschule (DEO)Lesen Sie auch: Kairo 1960 - 1965, Kapitel 3. wechselte. Alfred studierte später an der American University in Beirut, war dann in den Golfstaaten als Lehrer tätig und wanderte vor wenigen Jahren in die USA aus, ein leider ganz normaler Vorgang im Leben von Palästinensern.

Bald war klar, dass ich im nächsten Schuljahr auf die DEO in Kairo wechseln sollte, weil ich dort das deutsche Abitur machen konnte (und sollte). Die nächstgelegene Deutsche Auslandsschule war zwar in Beirut, aber die ging damals nur bis zur Mittleren Reife. Durch den sich abzeichnenden Schulwechsel nahm mein Interesse an der St. George’s School Ende des Schuljahres 1960/61 merklich ab. Zu Beginn der Sommerferien sprach mich ein Mitschüler an, warum ich denn nicht bei der Preisverleihung gewesen sei. Ich hätte doch den Progress Price in Mathematik bekommen. Die Preise waren wohl auch am Schwarzen Brett in der Schule angeschlagen, aber ich war nicht mehr dort gewesen und habe den Preis auch später nicht mehr abgeholt.

Außerhalb der Schule bekamen wir Arabischunterricht durch den pensionierten Schulleiter der Martin-Luther-Schule, Ustäs (Professor) Ibrahim Bawarschi, der Vater der oben erwähnten Kindergärtnerin (Foto 19), der perfekt Deutsch sprach. Er wohnte mit seiner Familie im Hospiz des Johanniterordens auf halbem Wege zum Damaskustor. Ihm verdanken Thomas und ich unsere arabischen Anfangskenntnisse im Lesen und Schreiben. Leider wurde dieser Unterricht für mich mit dem Wechsel nach Kairo abgebrochen. Im Kairoer Schulbetrieb wurde für die deutschen Schüler kein Arabischunterricht angeboten. Warum eigentlich nicht? Musste der deutsche Lehrplan eingehalten werden? Damals habe ich das nicht hinterfragt. Meine Initiative ging damals nicht so weit, mich selbst darum zu bemühen. Damals ahnten wir noch nicht, welche Bedeutung der Vordere Orient, die Arabische Welt und der Islam für Europa einmal haben würden. So habe ich dort — außer auf der Straße ‑ nicht wirklich was dazu gelernt. Später im Sommersemester 1967 und im folgenden Wintersemester habe ich an der Freien Universität in Berlin je sechs Wochenstunden Arabisch belegt, aber bald versandete die Initiative leider zugunsten des Hauptstudiums. Ich kann zwar heute schreiben und langsam lesen, aber die Bedeutung bleibt mir weitestgehend verschlossen, denn mir fehlen der Wortschatz und die Grammatik. Und ob ich das Gelesene richtig ausspreche, ist Glücksache, denn es werden nur die lang gesprochenen Vokale geschrieben, die kurzen muss man wissen.

In Kairo sollte ich in die 10. Klasse kommen. Dort war für die deutschen Schüler Englisch die erste, Französisch die zweite, und Latein die dritte Fremdsprache. Erst ab der 11. Klasse konnte man eine Sprache abwählen, wenn man den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig wählte. In Hamburg hatte ich aber Latein als zweite Fremdsprache gehabt, und von Französisch hatte ich, bis auf ein paar Brocken, keine Ahnung. Und so bekam ich bereits in Jerusalem — wohl oder übel — Französisch-Stunden bei einer französischen Ordensschwester in der Via Dolorosa. Genutzt hat es nicht viel, ich bin mit dem Französischen nie recht warm geworden. Noch heute fällt mir zuerst die arabische Vokabel ein, wenn ich nach einer französischen suche.