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Neuenkirchen
Kapitel 2:
Das große Pfarrhaus

Am 18. Mai 1883 vernichtete ein verheerender Brand über 80 Gebäude des Dorfes. Auch die Kirche und das Pfarrhaus blieben davon nicht verschont. Zum Glück war das lange vor der Zeit meiner Großeltern.

Das große Pfarrhaus wurde noch im selben Jahr wieder aufgebaut. Es hat eine Länge von etwa 25 Metern und ist etwa zehn Meter breit. Eine mit kleinen blauen Basaltsteinen gepflasterte Auffahrt führt direkt auf die riesige Doppeltür der großen Diele zu. Linker Hand befindet sich das Gemeindehaus, vor dem ein riesiger Walnussbaum stand, der besonders große Nüsse hatte. Meine Tante Barbara berichtete, dass hin und wieder jemand kam und sich ein paar Nüsse erbat. Vielleicht waren das Biologen oder Baumzüchter, und der Walnussbaum ist der Vater der heutigen Walnussbaum-Generation. Rechts neben der Auffahrt vor dem Pfarrhaus stand eine riesige uralte Eiche. Direkt hinter der Eiche führt der Weg zum Haupteingang des Pfarrhauses. Vor dem Eingang standen zwei Linden (Foto 2a). Zwischen ihnen führten vier Sandsteinstufen hinauf zu einer kleinen überdachten Plattform mit je einer Gartenbank auf beiden Seiten.

Nur wenige Häuser im Dorf hatten ein Telefon. Dazu gehörten die drei praktischen Ärzte. Dann war da noch Dr. Butschinski. Er war ein Hochstapler, der sich in den Kriegs- und Nachkriegswirren als Arzt betätigte, aber irgendwann aufflog. Dann die Zahnärztin Frau Dr. Knaack, genannt die Knacke, und ein weiterer Dentist. Und natürlich hatte die Polizei einen Telefonanschluss, aber auch das Pfarrhaus. Das Telefon (Foto 2b) mit der Telefonnummer 120 hing im Erdgeschoss im Flur an der Wand in Kopfhöhe der Erwachsenen. So war es für Kinder nicht erreichbar. Es bestand aus einem Holzkasten mit einem fest montierten Trichter, in den man hineinsprach. Seitlich war eine Gabel angebracht, an der eine Hörmuschel hing. Eine Wählscheibe gab es nicht. Zum Telefonieren nahm man den Hörer von der Gabel. Dadurch wurde ein Kontakt zum Fräulein vom Amt ausgelöst.

Rechts vom Eingang war das Wohnzimmer mit einer langen ausziehbaren Tafel. Eines schönen Tages saßen wir dort beim Mittagessen. Plötzlich griff mein Bruder Thomas, der damals knapp fünf Jahre alt war, in seine Hosentasche, wickelte sein Taschentuch auf und sagte erfreut: Ach, hier ist meine tote Maus! und legte sie auf das weiße Tischtuch. Er hatte sie irgendwo in der Natur gefunden und in die Hosentasche gesteckt. Nun wollte er alle an seinem Fund teilhaben lassen. Aber die Erwachsenen fanden das gar nicht witzig, und die Maus wurde schnell entsorgt.

Hinter dem Wohnzimmer lag das Arbeitszimmer von Opapa. Dort schrieb er Pfeife (Foto 2c) rauchend seine Predigten. Die Pfeife pflegte er mit einem Fidibus anzuzünden.

Natürlich gab es keine Zentralheizung. Die Schlafzimmer wurden nicht beheizt. Aber in jedem Wohnzimmer stand ein Ofen. Der Kachelofen im großen Wohnzimmer besaß einen Vorratsschacht, in den man die Kohle einfüllen konnte. Mit einem Schieber konnte man diesen Schacht öffnen und so der Brennkammer dosiert Kohle zuführen. Der Schacht musste nur alle drei Tage aufgefüllt werden.

Direkt nach dem Krieg wurde mit Holz, Torf oder Schlammkohle geheizt. Letztere bestand aus zusammengefegtem Kohlenstaub, der mit Wasser vermengt wurde. Sie brannte nur, wenn sie genügend feucht war. Als die Versorgungslage besser wurde, gab es auch Steinkohle und Braunkohlebriketts.

Zu Opapas Vergütung gehörte jährlich ein Fuder Holz. Es wurde in Form von dicken Baumstämmen geliefert. Für die Zerkleinerung war man selbst verantwortlich. Die Stämme wurden zuerst mit einer Schrotsäge in etwa drei Meter lange Stücke zersägt und dann mit Keilen zerkleinert. Dann kam ein Trecker auf den Hof, der eine Kreissäge im Schlepp hatte. Diese wurde vom Motor des Treckers über einen ledernen Treibriemen angetrieben. Nichts wurde vergeudet. Selbst das Sägemehl wurde verfeuert. Das Reisig wurde gebündelt und zum Feueranzünden verwendet.

Nach hinten raus, gegenüber dem Eingang, lag die Küche. Von der Küche aus gelangte man links in die Waschküche, und von dort aus kam man in die Badestube.

Die sanitären Anlagen des Hauses entsprachen dem, was Ende der 1940er Jahre in einem niedersächsischen Dorf üblich war. Es gab zwei Plumpsklos, die sich auf der Diele zwischen Pferdestall und Pumpenraum befanden. Das eine hatte auch ein etwas kleineres Loch für Kinder. An der Wand hing von Opapa eigenhändig geschnittenes Zeitungspapier der lokalen Presse in handgerechter Größe, das hier seiner zweiten Bestimmung zugeführt wurde.

In der Waschküche stand ein doppelwandiger beheizbarer Kesselofen (Zeichnung und Foto 2d). Er war außen etwa 1,20 m im Durchmesser und ebenso hoch. Die Außenhülle bestand aus emailliertem Stahl, innen mit einer Schicht Schamotte zur Isolierung. Der Kessel fasste etwa zehn Eimer Wasser. In diesem Kessel wurde jeden Sonnabend das Badewasser für den großen verzinkten Zuber erwärmt, in dem wir Jungs gebadet wurden. Unter der Woche wusch man sich an Waschtischen in den Schlafräumen. Sie waren mit einer Schüssel und einem Krug zum Nachfüllen ausgestattet, der natürlich kaltes Wasser enthielt. Im Hause gab es fließendes Wasser nur in Küche, Waschküche und Badestube. In der Badestube gab es eine Badewanne und daneben stand ein schlanker hoher Badeofen

Im oberen Stockwerk führte ein langer dunkler, etwa zwei bis drei Meter breiter Flur, der für uns Kinder immer etwas unheimlich war, in den östlichen Teil des Stockwerks. Gleich links befand sich ein Trockenraum mit Wäscheleinen. Wenn man ihn betrat, kam man linker Hand in einen weiteren Raum, die Räucherkammer. Sie war längst außer Betrieb, aber das Stübchen hieß immer noch so. Wenn mal wieder eine Katze im Haus gebraucht wurde, weil die Mäuse zu frech wurden, dann ließ man sich ein entwöhntes Kätzchen schenken. Es wurde dann etwa eine Woche lang in die Räucherkammer gesperrt, natürlich mit Futter und Katzenklo, bis es kapiert hatte, wohin es gehörte. Dann durfte es seinen Aktionsradius erweitern und seinen Dienst als Mäusejägerin tun.

Links und rechts des langen Flures waren Dachkammern. Eine davon bewohnte das jeweilige Mädchen. Diese Dienstmädchen, die in einem kinderreichen Pastorenhaushalt damals üblich waren, kamen meist aus den KötterfamilienKötter, Köter, Köthner, Kötner, Kätner oder Kotsassen, vor allem in Preußen und Mecklenburg auch Kossat(h)en, Kossater oder Kossäten, waren Dorfbewohner, die einen Kotten bzw. eine Kate besaßen. Kötter können in Deutschland ab dem 14. Jahrhundert belegt werden.Quelle: Wikipedia.de des Dorfes. Eins der Mädchen, sie hieß Anni, ging in die Familiengeschichte ein. Sie fütterte einmal meinen kleinen Bruder Thomas und erzählte ihm dabei eine spannende Geschichte. Als der Teller fast leer war, stellte Thomas fest, dass er mit Nudeln gefüttert wurde, und sagte ganz erstaunt: Nudeln, Anni? Ich mag doch keine Nudeln, Anni!

Die anderen Kammern wurden als Abstellkammern oder als Gästezimmer genutzt. Am Ende des Flures, an der Ostseite des Hauses, waren vier weitere Kammern, in denen nach dem Krieg unterschiedliche Familien wohnten, die damals keinen eigenen Wohnraum hatten.

Über dem oberen Stockwerk gab es noch einen Spitzboden, den sogenannten obersten Boden. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Versorgung des Hauses mit Lebens-, Heil- und Genussmitteln. Hier waren Büschel von Kamille zum Trocknen aufgehängt und dufteten vor sich hin. Außerdem trocknete Opapa hier seinen Tabak, den er im Garten anbaute. Nach der Ernte hingen die großen Blätter, auf Bindfäden gezogen, unter den Dachpfannen, um zu trocknen und zu fermentieren. Das hat wohl nicht immer richtig funktioniert, denn es hieß, einmal habe Opapa sich daran vergiftet und wäre fast gestorben.

Auf dem Boden war Zeitungspapier ausgebreitet, auf dem die Nüsse des schon erwähnten Walnussbaumes zum Trocknen lagerten. Dort waren sie sicher vor den Eichhörnchen. Bei gutem Wetter wurden sie auch im Garten auf einem Tisch ausgebreitet, aber das nutzte das Eichhörnchen aus. Auch wir Kinder gerieten dann in den Verdacht, Nüsse geklaut zu haben — meistens wohl zu Recht.

Hier wurden auch hunderte, vielleicht tausende Mohnkapseln getrocknet. Der ganze Dachboden war davon bedeckt. Wenn sie trocken waren, wurden die Körner zu Bauer Rüter gebracht, einem Hof westlich des Dorfes, denn Rüters hatten eine Ölpresse. Man bekam neben dem Öl auch die ausgepresste Masse zurück. Aus dieser Masse wurde dann Mohnkuchen gebacken.

Das Tor der Diele war sehr hoch, damit ein beladener Heuwagen dort einfahren konnte. Auf dem zementierten Fußboden der Diele stand noch einige Zeit die aufgebockte Carola, das alte Auto von Opapa, der die Reifen fehlten. Ein Glück für uns Kinder, denn wir konnten herrlich darin spielen. Ich erinnere mich noch, dass ich auf dem Trittbrett saß. ‑ Eines Tages war Carola verschwunden. Wahrscheinlich wurde sie verschrottet.

Auf der Westseite waren die Ställe. Im ersten war immer ein Schwein. Einmal im Jahr, im Winter, wurde geschlachtet. Dazu kam extra ein Schlachter ins Haus. Mein Vetter Martin berichtet, dass er und sein Bruder so lange oben im Zimmer bleiben mussten, bis das Schwein ausgeweidet an seinen Hinterbeinen an einem Fleischerhaken in der Waschküche hing. Dann mussten alle kräftig mit anpacken, Blut rühren und so.

Im nächsten Stall waren mindestens zwei Schafe untergebracht. Die hielten meine Großeltern für Milch und Wolle, die meine Tante Ursula verarbeitete. Die Schafe gaben aber nicht das ganze Jahr über Milch. So gab es in der Trockenzeit Kuhmilch vom Bauern. Das war jedes Mal eine geschmackliche Umstellung für uns Kinder. — Im Frühling wurden die Lämmer geboren. Einmal gab es Zwillinge. Sie hießen Misi und Domi, weil sie am Sonntag Misericordias Domini (zweiter Sonntag nach Ostern) geboren waren. Im Sommer wurden die Schafe auf der Streuobstwiese angepflockt.

Der nächste Stall war der Pferdestall. Pferde gab es allerdings nicht mehr. Auch Ziegen und Hühner waren bereits vor meiner Zeit abgeschafft. Aber die RaufeRaufen sind Gestelle für Heu, Stroh oder Gras. Sie werden meistens an der Wand angebracht, sind jedoch auch freistehend in Wildhegegebieten und auf Weiden zu finden.Quelle:Wikipedia.org an der Wand des Pferdestalls existierte noch. Durch sie konnten wir Kinder auf die HiehleHiehle bezeichnet den Speicherraum über Ställen in einem Zweiständerhaus (auch: Hille)Quelle: Wikipedia.de oberhalb der Ställe klettern, wo früher das Heu für die Pferde gelagert wurde.

Im letzten Raum, neben der Tür, die in den Hintergarten führte, befand sich die Pumpe, die das Wasser aus dem Brunnen pumpte. Der Brunnen versorgte die Wasserhähne des Pfarrhauses mit Frischwasser.

Und dann gab es noch einen Keller. Die Kellertür befand sich links unter der Treppe, die zum Obergeschoss führte. Im Keller roch es geheimnisvoll aber nicht unangenehm, denn dort lagerten nicht nur Kohlen, die man von der Diele aus durch Luken in den Keller schaufeln konnte, sondern auch Kartoffeln, Äpfel und Birnen. Manche Apfelsorten blieben den ganzen Winter hindurch essbar.