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Bei meiner Ehre verspreche ich…

Nur wenige Ereignisse in meinem Leben haben meine innere Entwicklung so sehr bestimmt wie die feierliche Abgabe des Pfadfinderversprechens 1951 als 14-jähriger im Stamm Geusen des Gaues Bremen-Stadt des Bundes deutscher Pfadfinder:

Bei meiner Ehre verspreche ich, mein Bestes zu tun, meine Pflichten gegen Gott und meine Heimat zu erfüllen, meinem Nächsten in allen Verhältnissen zu helfen und dem Pfadfindergesetz zu gehorchen.

Ich weiß noch, wie ich tagelang vorher nicht nur mit meinen Eltern darüber gesprochen habe, ob ich die damit eingehenden Verpflichtungen erfüllen kann und darf.

Dabei war mein Problem nicht die im Pfadfindergesetz festgelegten Charaktereigenschaften wie Ehre, Treue, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, Menschenfreundlichkeit, Ritterlichkeit, Duldsamkeit, Frohsinn, Einfachheit und Sparsamkeit, Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Wie weit die gegeben waren, hatten in erster Linie diejenigen zu beurteilen, die das Versprechen abnahmen. Natürlich konnten und sollten sie durch das Pfadfindertum gefördert und gestärkt werden und sich in der persönlichen Lebensführung niederschlagen.

Was mir damals Sorgen machte, waren die nicht definierten Pflichten gegen Gott und meine Heimat, insbesondere aber die Gehorsamspflicht im Pfadfindergesetz. Der Zweite Weltkrieg war gerade 6 Jahre zu Ende. Er hatte gezeigt, welch unermessliches Leid blinder Gehorsam und die Definition von Pflichten gegen die Heimat durch ein verbrecherisches Regime über die Welt gebracht hatten.
Mir war auch klar, dass die Definition Pflichten gegen die Heimat im militärischen Sinne durch die gegeneinander Krieg führenden Nationen im krassen Gegensatz zur Forderung steht, dass der Pfadfinder Freund aller Menschen und Bruder aller Pfadfinder sein soll. Das Problem stellte sich 1951 noch nicht, denn kein ernst zu nehmender Politiker stellte öffentlich die Forderung nach einer deutschen Wiederbewaffnung auf.

Ich hatte schon damals für mich die bis 1945 gültige Maxime der alten Römer Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben durch Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu leben ersetzt und konnte daher mit voller Überzeugung das Pfadfinderversprechen abgeben, wenn ich auch bis heute über die zu leistenden Pflichten immer wieder neu nachdenken muss.

Höhepunkte meiner pfadfinderischen Aktivenzeit waren daher die damals noch seltenen Begegnungen mit ausländischen Pfadfindergruppen:

Von den beiden Ereignissen aus 1954 habe ich noch meine damaligen Berichte!

Nachstehend mein Bericht über unsere Ankunft
im Bundeslager  am Sonntag, 25.7. 1954:

Über Dickenschied kamen wir dann nach Kirchberg und damit in die Atmosphäre des Bundeslagers, denn die Straßen waren blau-gelb geflaggt. Hier und dort trafen wir Pfadfinderbrüder, alle mit einem Ziel: Bundeslager. Schließlich sahen wir einen Schlagbaum über die Straße gelegt, Pfadfinder hielten davor Wache. Im Hintergrund sah man die Landesmarkfahnen, daneben aber auch ausländische Fahnen wie von der Schweiz und Dänemark. Dazu kamen später noch Litauische und Schwedische. Das war für uns besonders, denn in so starkem Maße waren Ausländer wohl nach dem Kriege noch nicht vertreten.
Als wir nun im Bundeslager waren, mussten wir uns erst einmal anmelden und konnten dann zum Unterlager Bremen gehen, wo wir erstmalig nach Kassel wieder alte Bekannte trafen, nämlich Weißkohl, Pitt und Kasper mit ihren Sippen. Gleich am Eingang fiel uns Wappen und Namen einer pommerschen Stadt ins Auge. Der Grund: Das ganze Lager stand im Zeichen der verlorenen Ostgebiete, jede Landesmark führte einen Städtenamen.

Dass auch ein Minimum an Gehorsam in einer Gruppe nötig ist, haben wir in meiner Sippe im Herbst 1954 durch einen furchtbaren Todesfall erfahren müssen. Wir waren von Bremen aus auf einer Spurensuchfahrt in die Wümmewiesen gefahren und hatten dort in der Nähe eines kleinen Wehrs gelagert — weitab von Häusern und Straßen. Die Wümme war hier weniger als einen Meter tief, sehr schmal, aber mit starkem Uferbewuchs und unübersichtlichen Strömungen. Außer mir als Sippenführer waren 4 Sipplinge mit, davon der Jüngste Nichtschwimmer. Zu zweit hatten wir uns in der Strömung treiben lassen — in Hörweite, aber leider nicht in Sichtweite — nicht ohne den anderen einzuschärfen, ja nicht allein ins Wasser zu gehen. Kaum waren wir weg, als die beiden Größeren der Versuchung nicht widerstehen konnten und den Kleinen an die Hand nahmen, um das Wasser zu testen. Dabei kamen sie in eine Strömung, ließen vor Angst los, sodass der Kleine unterging. Als ausgebildeter Rettungsschwimmer habe ich noch lange vergeblich getaucht, während andere Hilfe holten (es gab noch kein Handy!). Der Verunglückte war offenbar gleich in die unübersichtliche Uferzone geraten. Erst Tage später wurde die Leiche in einer Uferböschung viele Meter vom Unglücksort entfernt gefunden. Die Begegnung mit den Eltern, die eindrucksvolle Trauerfeier in der überfüllten Friedhofskapelle in Bremen-Osterholz und die Betroffenheit in unserer gemeinsamen Schule haben sich bei mir tief ins Gedächtnis eingegraben. Danach setzte die Aufarbeitung innerhalb des stadtbremischen Pfadfinderschaft ein. Da ich kurz vor dem Abitur stand, habe ich meine aktive Pfadfinderzeit beendet. Später wurden unsere vier Kinder bei den christlichen Gemeindepfadfindern in Hamburg aktiv.

Mich selbst aber haben seit Jahrzehnten Themen beschäftigt, die schon im Pfadfindergesetz angelegt sind: