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Unsere Fahrt zum Pfingstlager
der Landesmark Bremen vom 5.-7.6.1954

Sonnabend, 5.6.

Am Sonnabend, 5. Juni, pünktlich 15:00 Uhr sollte die Pfingstfahrt 1954 nach Kirchlinteln losgehen. Es wurde allerdings 15:20 Uhr, bis auch die Zeltbahnen verstaut waren. Unsere Sippe war erfreulicherweise mit fünf Mann vertreten, der sechste, Lutz, hatte sich entschuldigt.

Schon vom Heim ab legte die Spitze (wir fuhren stammesweise) ein schnelles Tempo auf, so dass manche von den Kleineren Mühe hatten, mitzukommen. In Achim gesellte sich dann mein Bruder Gerhard zu uns, der als einziger Vertreter der Sippe Gazelle mitfuhr. Wenig später hatten wir dann die Wölflinge der drei stadtbremischen Stämme überholt. In Achim fehlte jedoch schon infolge des mörderischen Tempos der gesamte Schwanz, unter anderem auch Peter und Rolf Seekamp, unser Neuling, so dass von unserer Gruppe nur noch vier Mann da waren. Kurz nach Verden, in Osterburg, machte dann auch Bernd schlapp. Während Otfried weiterfuhr, blieben wir anderen drei zurück. Gerhard holte aber dann schnell zum Stamm auf, um den weiteren Verlauf des Weges festzustellen, der ja klugerweise nur der Spitze bekannt war. Hier holten dann auch Peter und Rolf zu uns auf. Auch Peter Enderlein und Gert von der Sippe Sperber waren bei uns geblieben. Schon frühzeitig merkten wir, wie gut die Verdener das Lager durchdacht hatten, denn von der Abbiegung von der Soltauer Chaussee nach Kirchlinteln war der Weg mit Holzschildern bezeichnet. Der größte Teil des Weges war einigermaßen befahrbare Straße, der letzte Teil jedoch ein einfacher Waldweg.

Endlich im Lager angekommen, ergab sich die große Enttäuschung der ganzen Fahrt, nämlich der sogenannte Birkensee. Hierbei handelte es sich um einen ehemaligen See, der infolge Grundwassersenkung ausgetrocknet war bis auf einige Tümpel, von denen uns erzählt wurde, sie beständen aus 50 cm Wasser, 30 cm Kaulquappen und 1 m Schlamm. Na, ganz so schlimm war es allerdings nicht, doch an Verwertung des Wassers für Getränke war überhaupt nicht, an Baden, so weit es nicht verboten war, nur für einige Angeber zu denken, zu denen natürlich auch unser Freund Weißkohl gehörte.

Als nun unsere Nachzüglergruppe im Lagergebiet ankam, war gerade eine Sippenführerbesprechung gewesen. Wir ließen uns deshalb von anderen die Anweisungen in Bezug auf Zeltplatz, Platz für die Räder usw. geben und gingen dann ans Aufbauen unserer Kohte, die wir praktischerweise aufhängten. Dann ging es ans Futtern, während ich noch beim Einrichten der Seemövenkohte half, die für die Wölflinge gedacht war. Auch diese war bald in Ordnung. Dann kam die Zeltverteilung. Wir bekamen unsere Kohte jetzt auch amtlich, mussten aber die Reste der Sippe Seemöve aufnehmen, bestehend aus Stürmchen, Horst Schulzen, Oma und Horst Leffering. Anschließend bildeten wir von unseren beiden Zelten einen kleinen Singkreis, da die große Lagereröffnung lange Zeit auf sich warten ließ.

Die Lagereröffnung

Beginnend mit einem gemeinsamen Singen kam dann eine Ansprache des Landesfeldmeisters (LFM) Alfred, in der er das Lager für eröffnet erklärte, die teilnehmenden Stämme begrüßte (Amelungen, Dakota, Freibeuter, Geusen, Wiking, Tiger, Vegesack, Thedinghausen, engl. Pfadfinder) und das Fehlen Bremerhavens bedauerte. Darauf gedachte er der letzten Pfingstlager und der Bedeutung des Pfingslagers als einziges Lager, in dem die ganze Landesmark vertreten ist, bedauerte jedoch, dass dieses Lager nur von einem einzigen Stamm (Amelungen Verden) vorbereitet sei, versuchte den Mangel an Wasser herabzumindern und unsere Pflicht zur Ordnung zu wecken. Sehr feierlich wurde es dann mit der Einweihung der Geusenfahne, eines Wölflingswimpels und der Verleihung von Halstüchern an einzelne Geusen, bei der jedoch Otfried vergessen wurde. Es wunderte mich hierbei jedoch, dass diese Vorgänge sich nur auf die Geusen beschränkten, bei anderen Stämmen nämlich kein Wimpel geweiht und Halstuch verliehen wurde. Einen sehr breiten Raum nahm dann eine Ausführung des LFM ein, in der er das Aufwachsen eines Menschen in rein pfadfinderischem Sinne heraushob mit seinem intimen Verhältnis zur Heimat.

Anschließend, es war inzwischen schon nach 23:00 Uhr, ging es in die Falle. Hierbei bekamen wir dann noch weiteren Zuwachs durch Schorse und Fritzi, die wohl gemerkt hatten, dass man mit 16 Mann in einer Kohte wohl kaum schlafen konnte. Nach einer kleinen Unterhaltung schliefen wir dann gegen Mitternacht ein. Doch allzu bald sollte unser wohlverdienter Schlaf gestört werden. Es mochte wohl gegen halb 2:00 Uhr sein, als ich plötzlich aufwachte und unsere Kohte vermisste. Es war das Seil, das wir zum Aufhängen der Kohte von Baum zu Baum gespannt hatten, gerissen und der ganze Salat zusammengesackt. Die ersten, die aufgewacht waren, hatten dann die Plane zur Seite geschoben, so dass wir im Freien lagen. Zuerst glaubten wir an einen Streich irgendwelcher Nachbarn, doch warum sollten die in einen Baum steigen, wenn sie das Seil viel leichter über dem Kohtenkreuz abschneiden konnten? So blieb einzig die Möglichkeit, dass wir zu stark gespannt hatten. Da nun an ein Aufbauen mitten in der Nacht nicht zu denken war, schliefen wir in der Hoffnung, dass es trocken bliebe, wieder ein.

Sonntag, 6.6.

Am nächsten Morgen — es war trocken geblieben — sollte um 6:00 Uhr aufgestanden werden. Wir standen etwas eher auf, um wenigstens noch eine gute Waschstelle an dem saubersten Tümpel zu bekommen. Nach dem Waschen nahmen wir erst einmal ausgiebig unser Frühstück ein, bauten unsere Kohte wieder auf, gingen dann um 8:00 Uhr zur Flaggenhissung und versammelten uns dann im Stamm, um noch Fragen der Wettkämpfe, Lagerarbeit und Zelte (eine Kohtenplane fehlte — späterer Zusatz: wie sich Monate später herausstellte, hatte sie irgend solch ein Trottel zu Hause) zu regeln. An den Wettkämpfen brauchten wir uns glücklicherweise nicht zu beteiligen, und den Feuerplatz für das abendliche Lagerfeuer hatten wir schnell fertig. So hatten wir von 10 — 13:00 Uhr Freizeit, da wir selbst unser Essen nicht zu kochen brauchten. Wir nutzten diese aus, indem wir zum Baden zur Aller bei dem eine halbe Stdunde entfernten Verden gingen. Bernd und Rolf blieben im Lager zurück, der eine, um sich die Wettkämpfe anzusehen, der andere, um mit seinen Freunden, den Wölflingen, zu spielen. Wir waren um 10:15 Uhr weggekommen und hatten um kurz vor 11:00 Uhr einen guten Badeplatz gefunden, nachdem wir vorher unsere Räder über einige Zäune heben mussten. Die Aller hatte eine starke Strömung, gegen die wir nur mit Mühe anschwimmen konnten, war jedoch an fast allen Stellen mannstief. Das Wasser selbst war kühl. Nachdem Peter und Gerhard die Nase voll hatten, gingen Otfried und ich eine lange Strecke stromauf, um uns dann treiben zu lassen. Wir schwammen dabei in eine Flussbadeanstalt, in der wir schlecht und recht einige Kopfsprünge vollführten. Ein Bademeister war zwar auch da, hielt uns jedoch für zahlende Badegäste. Das Gegenteil ging ihm erst auf, als wir weg schwammen. Nachdem wir vier uns dann noch an einem Anleger vergnügt hatten, ging es wieder heimwärts. Beim Anziehen sahen wir noch ein schnittiges Rennboot, das allgemeine Verwunderung erregte.

Um 12:00 Uhr waren wir von der Aller weggefahren, um Zehn vor Eins jedoch erst im Lager. Hier war inzwischen das Essen ausgeteilt worden, für uns völlig unerwartet, da die Ausgabe um 13:00 Uhr angesetzt war. Unsere beiden Helden jedoch hatten es nicht für nötig gehalten, für uns etwas zu besorgen (Bernds Entschuldigung: Gerade gekommen, Rolf keine, denn er aß schon). So konnte ich losziehen, um noch einen Kübel Erbsensuppe mobil zu machen. Nach dem Mittagessen, das in irgendeiner Verdener Kantine gekocht war, brachten wir unseren Kübel zur Ziegelei, wuschen hier unser Kochgeschirr auf und nahmen noch etwas Trinkwasser mit (wie die anderen Stämme). Dabei wurde uns nahe gelegt, unser Wasser woanders her zu beziehen als von dem dortigen Brunnen, was ich den Leuten wegen des tiefen Grundwasserspiegels auch nicht verargen kann. Anschließend bumerierten wir noch und sahen uns im Lager um, da vom Stamm aus nichts beabsichtigt war. Später wollten wir ein Geländespiel mit den Wölflingen machen, mussten jedoch noch ihre Führer dazu suchen. Bei der Suche kamen wir auch zu einer Gruppe von Jungen, bei denen gerade ein Ringkampf ausgetragen wurde. Auch mich forderte man heraus, und so balgten Jürgen Garske und ich uns dann in einem sehr abwechslungsreichen Kampfe. Schließlich wurde daraus ein Massenrummel von Zuschauern. Da auch von uns keiner den Kampf für sich entscheiden konnte, brachen wir ab. Damit war der Anstoß für eine Reihe weiterer Massenveranstaltungen gegeben, von denen noch die Rede sein wird. Wir gingen nämlich erst einmal zu unserem Zelt und verzehrten am selbst gezimmerten Tisch unseren Pfingstkuchen von zuhause, doch nicht ganz ohne Störung. Zwei gefräßige Biber (Gert Kettler und Heiko Hinrichs) hatten gerade hier ihre Fressstätte gesucht, klauten erst uns zwei Stück Kuchen, begaben sich dann zu unseren Freunden, den zahmen Seemöven, wo sie sich satt fraßen. Anschließend schrieben Peter und ich noch einige Lieder ab. Plötzlich hörten wir in etwa 50 m Entfernung ein wüstes Geschrei. Als wir nachher der Ursache nachgingen, handelte es sich um Reiterkämpfe zwischen einzelnen Stämmen, die eine riesige Zuschauermenge angelockt hatten. Lutze vom Stamm Dakota als Schiedsrichter war schon ganz heiser von seiner vielen Schreierei. Als ihn dann einer mit Grassoden bewarf, war bald die schönste Werferei im Gange. Als es dann etwas regnete, entzündeten wir in der Kohte noch ein Lagerfeuer und lasen noch aus der Bestie von Quindt vor. Darauf erhielten wir noch Besuch von Hexe mit einigen Wölflingen vom Stamm Amelungen, denen wir das Wesen einer Kohte erklärten, die ja für Wölflinge völlig fremd ist. Darauf sangen wir mit ihnen noch ein paar Lieder, was unsere Wölflinge sehr erboste, denen Fritzi gerade Rikki-Tikki-Tavi vorlas. Nach dem Abendbrot und abendlichen Waschen ging es dann ans Lagerfeuer, das Gert Kettler leitete und zu dem auch der Stamm Vegesack geladen war. Dies bestand in einem allgemeinen Singen und der Fortsetzung einer Geschichte von einer Wildschweinjagd. Als Alfred später dazu kam, erinnerte ich ihn noch einmal an Otfrieds Halstuch, so dass auch dieser alte Kämpe zu seiner wohlverdienten Auszeichnung kam. In der Nacht brauchten wir diesmal nicht im Freien zu schlafen, mussten jedoch noch die Asche von unserem Lagerfeuer wegräumen.

Montag 7.6.

Der nächste Tag begann wie der vorige, nur dass wir diesmal erst um kurz vor 7:00 Uhr aufstanden, unser Frühstück erst nach der Flaggenhissung einnahmen und statt dessen schon begannen, unsere Sachen zu packen. Nach dem Frühstück — diesmal war unsere Milch pünktlich da — rissen wir unser Zelt ab. Um 10:00 Uhr sollte dann das große Jungenthing steigen, in dem ich den Höhepunkt der ganzen Fahrt vermutete. Aber nichts dergleichen! Dass wir einige Kilometer wandern mussten, ließ man sich noch gefallen, zumal wir uns die Zeit durch kräftiges Gegeneinandersingen vertrieben. Aber anschließend das sogenannte Jungenthing selbst! Es war eigentlich nur eine Ausführung Alfreds zum Bundeslager, zu dem vielleicht die Stammesführer etwas sagten. Als wir dann zum Lager zurückkamen, hatten wir noch etwas Zeit zum Mittagessen. Wir wollten uns gerade noch Trinkwasser holen, als uns beim Meldezelt schon die ersten Esskübel begegneten. Um unseren Anteil bemüht, erhielten wir den Bescheid, dass die Sippe Biber unser Essen mitbekommen hätte wie auch für die Thedinghauser. Doch obgleich bei ersteren gerade ausgeteilt wurde, ließ sich doch schon sagen, dass für uns nichts übrig blieb. Also zurück zum Meldezelt! Hier wurde festgestellt, dass man zwei Kessel verwechselt hatte, nämlich die Biber den halben Kessel der Syker bekommen hatten. Auf zu den Tigern! Diese hatten den Irrtum auch schon bemerkt und warteten sehnsüchtig darauf, dass andere ihnen den Kessel wieder abnahmen (recht eigenartig für zünftige Tiger!). Der Fischotter ruhte jedenfalls nicht eher, als bis er sein tägliches Mahl zusammen hatte, und beförderte es auch nach Otternart über das Wasser (den verschlammten Birkensee). Nach dem Mittagessen — die Thedinghauser hatten auch schon ihr Essen geholt und auch Alfred hatte mitgeholfen, unsere Erbsensuppe zu schaffen — wurde das Geschirr abgewaschen, der Kübel wieder auf den bestellten Wagen geladen, unsere Sachen sorgfältig gepackt und, nachdem die Wölflinge um 15:00 Uhr gefahren waren, die Rückfahrt gestartet (15:30). Der Rückweg war routen-mäßig derselbe wie auf der Hinfahrt (dieselbe holprige Straße), nur fuhr man diesmal im Verband von mehreren Stämmen und damit langsamer. Erst in Üsen holten wir dann die Wölflinge ein und zwar nur, weil diese dort Eis schleckend vor einem Stand anhielten. Wir warteten, bis sie fertig waren, und darauf übernahmen sie ihrer Langsamkeit wegen die Spitze. In Achim trennte ich mich dann von den anderen, zusammen mit Horst Leffering und meinem Bruder, und über Oyten trafen wir dann um ca. 18:00 Uhr zuhause ein.