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Per Anhalter durch Deutschland

Mit einem Schulfreund hatte ich mich 1961 für eine Sommerreise durch Spanien in Pau unweit der französisch-spanischen Grenze verabredet. Da ich damals als Student nicht viel Geld und kein eigenes Gefährt zur Verfügung hatte, wollte ich dorthin ganz zünftig per Anhalter fahren.

Start war Donnerstag, der 10.8.1961 in Bremen. Mein Bruder arbeitete damals in seinen Semesterferien als Verkaufsfahrer für eine Glasfabrik im Kreis Grafschaft Hoya und konnte mich vor Arbeitsbeginn bis Syke mitnehmen. Hier stand ich nun kurz vor 8: Winke, winke, nur nicht verzweifeln! Gerade hatte mir jemand erzählt, vor Mittag käme ich sicher nicht weg, als mich ein Wagen bis Asendorf mitnahm. Der Wetterbericht lautete für diesen tag recht gut, also ziemlich beruhigend.

Den zweiten Wagen hatte ich schon nach recht kurzer Zeit: ein Fischhändler aus Bremen, doch das hätte auch ein Analphabet gemerkt. In Neustadt kurze Kaffeepause. Ich merkte gleich, dass mein Gastgeber hier einige Zeit gewohnt hatte, von der Wirtin gleich mein Süßer angeredet, worin ich auch zum Abschied eingeschlossen wurde. Dafür war der Kaffee gar nicht mal schlecht, und bezahlen brauchte ich ihn auch nicht. Ich fuhr dann noch bis zur Ausfallstraße nach Hildesheim mit, musste dann aber zwei Stunden warten, bis mich ein wagen für eine kurze Strecke mitnahm. Es waren immer dieselben Bewegungen, an die man sich ziemlich schnell gewöhnte: Kurzes Aufblenden des Abblendlichts oder Handzeichen als Zeichen des Abbiegens oder Andeuten, dass alles besetzt, als höfliche Formen, oder Winke-Winke als Zeichen der Ironie, die ich stets erwiderte, oder streng abweisende Gesten, was mich auch nicht gerade sehr störte. Neben mir ein Tramper nach Indien!

Die nächsten Fahrer auf der Strecke nach Hildesheim waren ein letztjähriger Bundeswehrrekrut und ein recht netter Vertreter. An der Autobahnauffahrt in Hildesheim nahm mich ein alter Forstrat aus Hildesheim mit, mit dem ich mich sehr angeregt unterhielt. Er setzte mich in Northeim ab, da ich hier noch am ehesten wegzukommen hoffte. Hier traf ich einen heftig fluchenden Engländer, der noch nach Frankfurt wollte und nicht wegkam, während ich mit einem anderen aus Nürnberg mit einem kleinen Lastwagen noch nach Göttingen fuhr. Hier sah ich zunächst einmal an unserem Universitätsinstitut vorbei (ich schrieb damals an meiner Diplomarbeit), fand dort noch alles brav vor und marschierte dann nach Grone an die Autobahn.

Um 5 kam ich bis Kassel mit, und, da kein Schutzmann in der Nähe war, versuchte ich an einem Parkplatz in der dortigen Autobahnauffahrt mein Heil. Um 6 bekam ich tatsächlich einen Wagen nach Frankfurt und war dort um viertel vor 8. Der Fahrer hatte schon ein recht bewegtes Leben hinter sich. Vielleicht Anfang 40, war er in Afrika gefangen genommen und nach Schottland gekommen, wo er sich später als Ire ausgab und zunächst als Holzfäller tätig war. Dann Schmuggel von Fotoapparaten, Fotograf und Aufbau eines Fotoateliers, das im Laufe der Zeit immer mehr vergrößert wurde und heute vom Schwager mit entsprechender Gewinnbeteiligung betreut wird. Er ging als Dolmetscher zunächst zu einer Sprachenschule, war lange für die Bundeswehr tätig, machte dann einen Spezialkurs mit und ist heute in einer Offiziersschule Leiter des Englischunterrichts mit 4 Lehrern unter sich, eine Tätigkeit, die ihm offenbar sehr viel Freude macht.

In Frankfurt dauerte es einige Zeit, bis ich von der Autobahn weg und an einen Autobus geriet. Um kurz vor 22:00 Uhr war ich dann glücklich bei der Familie meines Vetters angelangt.
       
Nach einem ausgiebigen Frühstück kam ich dort am Folgetag um kurz vor 10:00 Uhr weg und war um 11:00 Uhr an der Autobahn. Um halb 12 hatte ich meinen ersten Wagen, einen Amerikaner, der mich bis zur Autobahnabzweigung nach  Saarbrücken brachte. Hier war jedoch etwas schlecht wegzukommen. Zunächst marschierte ich etwa 1 km an der Autobahn entlang (Brombeeren in Mengen!), bis ich zu einem Parkplatz kam, an dem gerade große Mittagspause war. Ich fand auch schließlich einen PKW, der mich bis Grünstadt mitnahm (großes Amerikaner-Quartier).

Er war Architekt und gerade mit dem Bau von Raketenbasen in der Gegend von Grünstadt beschäftigt. Dazu braucht man über ein halbes Jahr. Die letzten, 1958 fertig gestellt, waren inzwischen unmodern geworden und werden jetzt durch diese ersetzt. Die Amerikaner scheinen offenbar Geld genug zu haben.

Der Fahrer des nächsten Wagens erzählte von einem kürzlichen Unfall, bei dem plötzlich ein Laster vor ihm scharf nach links abbog, als er zum Überholen angesetzt hatte. Er fuhr gegen die mittlere Leitplanke — Totalschaden. Ursache: Vor dem Laster, der Sprengstoff geladen hatte, war plötzlich ein dicker Knüppel aufgetaucht. Dem wich er aus, weil sonst alles draufgegangen wäre — auch der überholende Fahrer. Dank der Geistesgegenwart beider Fahrer enstand nur Sachschaden.

Bei Kaiserslautern Stacheldrahtzäune von mehreren km Länge, hinter denen die Amerikaner stationiert waren — schlimmer als in der Zone mit den Russen. Die Autobahn war inzwischen mit wenigen Unterbrechungen bis Ingweiler fertig.

Kurz vor Saarbrücken nahmen mich dann 2 Brüder, 28 und 25 Jahre alt, mit (einer schon promoviert, der andere noch Student). Sie wollten an diesem Tage bis Nancy fahren und dann bis nach Biarritz weiter. An der Grenze nahmen sie dann noch einen französischen Pfadfinder aus Paris mit, der sich gerade nach seinem Abitur auf seine Aufnahmeprüfung an der École polytechnique (bei uns etwa zwischen Technikum und Technischer Hochschule stehend) vorbereitete. Roger hatte gerade eine große Tour quer durch Süddeutschland hinter sich und war auf dem Rückweg nach Paris, um dann noch einige Zeit in der Touraine zu verbringen. Er hatte in Frankreich 10 Jahre Deutsch, allerdings nur zweistündig, gehabt und konnte auch dementsprechend viel.

Ich hatte in Frankreich vor, über Paris zu fahren und dabei auch die Loireschlösser und Tours nicht zu vergessen. Außerdem waren mir die beiden Brüder zu schnell unten, so dass ich zu lange in Pau hätte warten müssen. Roger meinte aber, dass es sich z.Z. in Frankreich erheblich schlechter als in Deutschland trampen ließ. Mir reichte aber schon Deutschland und so ergriff ich die Gelegenheit, mich bei den Brüdern an den Fahrtkosten zu beteiligen und dabei auch einen gewissen Einfluss auf den Verlauf der Fahrt zu nehmen.

So endet hier meine Rolle als Anhalter durch Deutschland und findet seine Fortsetzung als Mitfahrer durch Frankreich.

Anhaltertouren sind in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ganz aus der Mode gekommen. Sie bedeuteten aus heutiger Sicht sowohl für den Fahrer als auch für den Mitgenommenen ein erhebliches Risiko, weil man sich zum Zeitpunkt der Mitnahme nicht kennt. Dabei vergisst man aber die Chancen dieser Reiseform: Wie dieser Bericht zeigt, ergeben sich bei beider-seitiger Aufgeschlossenheit sehr interessante Gesprächsinhalte. Meine Frau und ich haben daher auch später — im Andenken an meine Erlebnisse — gern junge Leute mitgenommen, die per Anhalter reisten.