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Mit der spanischen Staatsbahn 1961

Im Sommer 1961 machte ich mit einem Schulfreund eine Ferienreise quer durch Spanien. Werner hatte einen Teil seines Studiums in Spanien absolviert, sprach daher fließend Spanisch und war für mich der ideale Dolmetscher. Dadurch wurden viele Begegnungen möglich. 

Als Studenten hatten wir nicht viel Geld zur Verfügung. In Spanien nutzten wir daher eine billige Sammelkarte für 3000 km in der niedrigsten Klasse (ein Kilometrico) bei der spanischen Staatsbahn RENFE. Das bedeutete natürlich: harte Holzbänke und Reisende mit Traglasten.

Das Hauptproblem war aber, dass das Land damals in der Franco-Zeit verkehrsmäßig kaum erschlossen war und die Züge zwischen den größeren Städten des Landes oft nur einmal täglich fuhren und daher in der Regel überfüllt waren. Die Eisenbahnverwaltung versuchte dies Problem dadurch zu lösen, dass sie Fahrkarten grundsätzlich nur in Verbindung mit Platzkarten ausgab. Das galt auch für uns, die wir nur von unserem 3000 km-Polster die jeweils zu fahrende Strecke abzubuchen hatten. Noch schlimmer war es, dass es nur in Sonderfällen einen Vorverkauf gab, so dass man nie wusste, ob man mit dem ausgesuchten Zug fahren konnte.

Das man sich beim Fahrkartenverkauf oft an diese Kombination nicht hielt, wurde uns schon am ersten Tag deutlich: Manche Plätze waren frei, auf den Gängen drängte sich alles. Schon am zweiten Tag (von Burgos nach Madrid) erfuhren wir eine andere Variante: Wir hatten Platzkarten, jedoch hatte der Beamte uns bemogelt von wegen Wagen von Irun bis Madrid: den gab es gar nicht! Wir fanden aber doch nach kurzer Zeit eigene Sitzplätze.

Von Madrid wollten wir nach Cordova fahren (mit einem Abstecher nach Toledo). Nach dem Frühstück begaben wir uns also zur RENFE, um die Fahrkarte nach Toledo zu kaufen und gleichzeitig nach Anschlusszügen Toledo — Aranjuez - Cordova zu fahnden. Der Schalterbeamte versuchte seine spärlichen Deutschkenntnisse anzubringen. Es stellte sich jedoch später im Hotel nach unserem Kursbuch heraus, dass er uns eine völlig falsche Auskunft gegeben hatte, bei den wenigen Zügen eine gewiss beachtliche Leistung. Die Fahrplangestaltung war derart, dass der Zug Toledo - Madrid keinen Anschluss an den Hauptzug Madrid — Cordova hat (8 Minuten Überschneidung in Aranjuez!).

Bei der Fahrt von Cordova nach Sevilla hatten wir dagegen ausgesprochen Glück. Es ist zwar recht komisch, dass man hier die Karten erst eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges bekommen kann (im Vorverkauf f. Zug Madrid-Sevilla gab es nur Karten nach Madrid) und bei stärkerem Andrang also noch bei Eintreffen des Zuges noch nicht weiß, ob man mitkommt, doch bekamen wir diesmal sofort eine Fahrkarte. Außerdem ist die Strecke Barcelona-Sevilla jetzt teilweise elektrifiziert, so dass die sonst üblichen Verspätungen von 2-3 Stunden ziemlich wegfallen. Heute war der Zug auf die Minute pünktlich!

Von Sevilla ging es dann nach Granada und von dort nach Algericiras (in der Nähe des immer noch britischen Gibraltar), um nach Marokko überzusetzen. Um 14:15 sollten wir offiziell in Algeciras sein (mit dem einzigen dort ankommenden Zug), um 12:30 war der Dampfer nach Ceuta abgefahren, um 20:30 fuhr der nächste, so dass wir in Algeciras übernachten mussten.

Das Herrlichste aber erlebten wir bei der Lösung der späteren Rückfahrkarte von Sevilla nach Barcelona: 
In Sevilla gibt es 4 Schalter zum Fahrkartenverkauf, schön nach Zügen geordnet. Da der Andrang für die Fahrt nach Barcelona am größten war, standen hier die Leute bis zur Tür, während die anderen 3 Beamten meist Däumchen drehten. Ergebnis war, dass wir nach dreiviertel Stunde Warten unverrichteter Sache wegen Schalterschluss wieder abziehen konnten (Mittagspause, es waren noch 2 Kunden vor uns). Am Nachmittag konnten wir dann nochmals eineinhalb Stunden warten, bis wir unsere Fahrkarten hatten.

Wir hatten den Nachtzug um 18:45 ab Sevilla gebucht. In der Nacht zogen wir es aber vor, nicht zu schlafen, einmal wegen der harten Bänke, dann aber auch wegen der recht eng auf Tuchfühlung bedachten Nachbarn und den zuckenden Kinderbeinen auf unseren Schößen, ein wahrhaft erhebendes Gefühl einer Einbeziehung in das spanische Familienleben. 

Die Nacht wurde um halb 3 sogar recht spannend, als kurz vor Alcazar de San Juan unser Express zur Überholung eines Correos, eines Exemplars dieser uralten Lattenzüge, kurz vor dem Zerfall stehend und mit den verwegensten Gestalten besetzt, einsetzte. Wir nahmen die ganze Parade ab bis zum Zugführer. Doch diesem ging es offenbar gegen die Ehre, sich überholen zu lassen. Ein energisches Kurbeln und — die Kiste hatte doch noch einiges zuzusetzen. Langsam aber sicher holte der Correo auf und entschwand schließlich unseren Blicken. Überflüssig zu sagen, dass wir von Alcazar früher als die anderen abfuhren. Von Werner wurde berichtet: Als er einmal durch dieses Gebiet fuhr, wurde durch Abstimmung entschieden, den Zug erst einmal für 1 Stunde Frühstück pausieren zu lassen.

Es war wahrlich auch mit dem Zug eine Abenteuerfahrt — eine Fahrt, wie sie heute kaum noch vorstellbar ist.