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Wie ich Spanien unter Franco erlebte

Die Reise durch Spanien 1961 machte ich mit meinem Klassenkameraden Werner. Er hatte einen Teil seines Studiums in Spanien absolviert, sprach daher fließend Spanisch und war für mich der ideale Dolmetscher. Dadurch wurden viele Begegnungen möglich. Er hatte mir vorab gesagt, dass er in Spanien kein Wort Deutsch mehr verstünde. Das haben wir zwar nicht durchgehalten, ich habe mich aber mit einem Langenscheidt-Selbstkursus auf diese Reise vorbereitet.
Innerhalb Spaniens führte uns unsere Reise mit der Eisenbahn über San Sebastian, Burgos, Madrid, Aranjuez, Toledo, Cordova, Sevilla, Granada, Algeciras, nach einem Abstecher nach Marokko zurück nach Sevilla, Huelva, Sevilla, Valencia, Tortosa und Barcelona.

Dass wir uns in einer Diktatur befanden, zeigte schon die starke Präsenz der paramilitärischen Polizei (der Guardia Civil). Dass diese Diktatur enge moralische Vorstellungen hatte, wurde schon bei unserem ersten Kurzausflug von Pau in Frankreich nach San Sebastian deutlich. Sahen wir auf der französischen Seite in Biarritz am Strand noch viele Bikinis, waren diese auf der spanischen Seite verboten. Darüber, dass dieses Verbot auch eingehalten wurde, wachte die Polizei. Es wurde uns berichtet, dass besonders wagemutige Damen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses von der Polizei abgeführt wurden. In San Sebastian pflegte zudem Staatschef Franco selbst seinen Sommerurlaub zu verbringen. Da durften seine Augen nicht beleidigt werden. Ich war aber auch erstaunt, welch herrliche einteilige Badeanzüge es gibt.

Hierzu passt folgende Beobachtung aus Sevilla (die es aber damals in ganz Spanien gegeben haben soll): Abends spielt sich das Leben auf den großen Plätzen ab. Junge Mädchen werden dabei genau von ihren Verwandten in der großen Menge beobachtet. Falls ein junger Mann wagen sollte, sich unter Zeugen einer Unverheirateten zum zweiten Male zu nähern, wurde dies als Verlobungsantrag aufgefasst.

Ein weiterer Punkt: in jeder spanischen Stadt gab es die Hauptstraßen Avenida de Generalisimo Franco und Avenida José Antonio Primo de Rivera. Letzterer war der Gründer der Staatspartei Falange, der von den Republikanern im spanischen Bürgerkrieg gefangen genommen, 1936 hingerichtet und dann nach dem Sieg Francos zum Märtyrer erhoben wurde. Die damalige Untätigkeit Francos bestätigt erneut: Ein toter Märtyrer ist nützlicher als ein lebender Konkurrent. Mich erinnert das an die Untätigkeit der damaligen Moskauer Exilkommunisten Pieck und Ulbricht im Zusammenhang mit der Ermordung von Ernst Thälmann durch die Nazis 1944.
Dass sich die Parteibüros der Falange vorwiegend an einer Avenida José Antonio Primo de Rivera befanden, überrascht natürlich nicht.

Franco hatte auch für sein eigenes Denkmal nach seinem Ableben gesorgt:
Auf unserer Fahrt von Burgos nach Madrid tauchte plötzlich auf einer Bergspitze ein Riesenkreuz auf, 155 Meter hoch, 44 Meter breit, darunter eine in den Fels gehauene Kirche (Santa Cruz del Valle de los Caidos, deutsch: das heilige Kreuz im Tal der Gefallenen). Der Komplex wurde  von Franco 1959 eingeweiht. Hier ist er dann später begraben worden wie vor ihm Primo de Rivera. Kurz vorher waren wir an dem Riesen-Komplex des Escorial vorbei gekommen, einem Kloster- und Palastbau Philipps II. aus dem 16. Jahrhundert, mit seinen tausend Fenstern und Türen und großen Kuppeln eindrucksvoll an einem Berghang in der Meseta gelegen. Diktatoren und absolute Fürsten scheinen häufig sehr auf die Kirche gebaut zu haben.

In Toledo erinnerte die Stadtfestung (der Alcázar) an den ersten Sieg Francos im spanischen Bürgerkrieg und damit den Beginn des franquistischen Staates. Zu den vielen Legenden der Verteidigung des Alcázars durch Franco-Anhänger gegen eine Überzahl republikanischer Truppen gehört die folgende: Der Sohn des Alcázar-Kommandeurs wurde von den Belagerern gefangen genommen und als Druckmittel eingesetzt, um die Kapitulation der Festung zu erzwingen. Der Legende zufolge widersetzte sich der Kommandeur Moscardó in einem dramatischen Telefongespräch mit dem republikanischen Befehlshaber der Belagerungsarmee diesem Erpressungsversuch, was zur unmittelbaren Exekution seines Sohnes geführt haben soll.

Diese Geschichte wurde uns natürlich im Alcázar erzählt. Wie ich nach unserer Reise erfuhr, hat sie damals in den Medien Spaniens und Deutschlands eine große Rolle gespielt. Sie ist auch mehrfach verfilmt worden.

Ein Beispiel für die starke Präsenz der katholischen Kirche in dieser Zeit: Auf der Fahrt von San Sebastian nach Burgos saß uns gegenüber eine Nonne, deren Orden einer der wenigen in Spanien ist, die noch den aus der Mystik stammenden Ehering als Zeichen der Vermählung mit Christus trägt.

Als Beispiel für die vielen Gespräche, die wir in Spanien führten, mag das folgende dienen:
Im letzten Teil unserer Reise war auf der Strecke von Valencia nach Barcelona in Tortosa ein Spanier aus Katalonien in unser Abteil gekommen. Er war ein glühender Falangist und nur fünf Jahre älter als ich. 1954 hatte er bei der 250-Jahr-Feier der Besetzung Gibraltars durch die Engländer an dem Marsch auf die englische Botschaft teilgenommen. Er war ausgezeichnet über die deutsche Geschichte unterrichtet. Daraus ergab sich ein Gespräch über die deutsch-spanische Freundschaft. Während bei uns von offizieller Seite Reserviertheit betreffs des Franco-Regimes besteht, ist es für regimetreue Spanier egal, ob in Deutschland Adenauer oder erneut das braune Regime an der Macht ist. Er war begeistert ob der deutschen offiziellen Haltung im spanisch-amerikanischen Krieg, im spanischen Bürgerkrieg, über Rommels Afrika-Feldzug usw. Wichtig war ihm auch, dass seit über dreihundert Jahren keine deutschen und spanischen Truppen mehr im Kampf gegeneinander standen. Er kannte nicht nur die Größen des Dritten Reichs, sondern wusste auch über die Parteien und Politiker der Nachkriegszeit gut Bescheid.

Franco hat nach dieser Reise noch 14 Jahre gelebt. Die anschließende Demokratisierung unter dem von ihm eingesetzten Nachfolger, König Juan Carlos, hat sehr vieles verändert.

Das Franco-Regime dauerte nicht einmal vierzig Jahre — ein geringer Bruchteil in der langen, wechselvollen Geschichte Spaniens, zweitausend Jahre lang geprägt von der Fremdherrschaft der Karthager, Römer, Vandalen (Andalusien!), Westgoten und Araber (in Andalusien fast 800 Jahre!). Nach dem Abschluss der Wiedereroberung (Reconquista) 1492 beherrschten die Spanier dreihundert Jahre lang eines der größten Kolonialreiche der Weltgeschichte. Wir durften die aus dieser wechselvollen Geschichte resultierende, einzigartige kulturelle Vielfalt miterleben. Beispielhaft sei abschließend aus meinem Reisetagebuch die Beschreibung der Kathedrale von Burgos zitiert:

Der Höhepunkt von Burgos aber war die Kathedrale. Die französischen Kirchen haben viel schönere Portale, doch einen solch schönen Vierungsturm wie in Burgos gibt es wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht mehr. Diese Leichtigkeit der Formen, die schon am Creglinger Altar in Holz so herrlich war, jetzt in Stein ausgeführt zu sehen, hatte ich nicht für möglich gehalten. Außerdem gibt das Himmelsblau eine solche Leuchtkraft auch auf die Steine, so dass die Wirkung der Formen, die vielen Figuren und der herrlichen, tausendfältig aufgelösten Kuppel noch mehrfach unterstrichen wird. Was wäre uns entgangen, wenn wir diese Kirche nicht zu sehen bekommen hätten?! Übrigens ist hier auch EL Cid, der große Freiheitsheld aus den Jahrhunderten der Reconquista, begraben.