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Das Leben nach Kriegsende
Erzählt von Renate Rubach

In den letzten Wochen des Krieges haben wir bei Tante Sophie gewohnt, das war etwas außerhalb von Bad Oldesloe. Nach dem großen Angriff auf die Kleinstadt am 24. April 1944 hat unsere Tante für alle Verwandten ihr kleines Haus geöffnet, weil es am Rand der Kleinstadt sicherer war. Wenn Soldaten vorbei kamen, kochte Tante Sophie ihnen Mehlklütensuppe, denn sie hatten immer Hunger und waren dankbar für eine warme Mahlzeit.

Nach Kriegsende kamen wir zurück in unser Haus. Gegenüber klaffte ein riesiger Bombentrichter, Dachpfannen lagen überall herum, in den Schränken war das Geschirr durcheinander geworfen, Putz war von der Decke gekommen, aber das Haus war heil geblieben. Mutti und Oma räumten auf, wir hatten ein Zuhause.

In der oberen Etage wohnten unsere Großeltern, die Eltern unseres Vaters, in zwei kleinen Zimmern und Küche, unten hatten wir ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und Küche. Im Anbau war eine Waschküche und das Plumpsklo.

Als unser Vater zurück kam vom Kriegsdienst, wurde für mich eine Couch ins Schlafzimmer gestellt. Ich war damals 6 Jahre alt und hatte bisher bei Mutti im Ehebett geschlafen, wie auch mein Bruder Günther. Für Günther (4 Jahre alt) wurde das Kinderbett aus dem Keller geholt, in dem wir bei Bombenangriffen geschlafen hatten. Das Kuscheln mit Mutti war nun vorbei. Günther fragte einmal: Wann fährt Papa denn wieder weg? Das tat unserem Vater sehr weh, aber wie sollte ein kleiner Junge von 4 Jahren verstehen, dass Papa nun immer zu uns gehörte.

Im September 1945 starb unser Großvater. Unsere Großmutter räumte ein Zimmer für uns. Aber da es keine Wohnungen für die vielen Flüchtlingsfamilien aus dem Osten gab, stellte unser Vater das Zimmer und die kleine Küche zur Verfügung.

Eine Familie mit 3 Kindern zog in unser Zimmer. Die Kinder hatten Etagenbetten, um die mein Bruder und ich sie beneideten! Kartoffelsäcke dienten als Sitzgelegenheit. Die Tochter Karin wurde 1946 mit mir in die gleiche Schulklasse eingeschult, das fanden wir toll, wir konnten zusammen zur Schule gehen, unsere Hausaufgaben zusammen erledigen. Wir waren gute Freundinnen. Zu meinem Geburtstag im Dezember hatte Karin mir eine Schürze voll bunter Bauklötze geschenkt, über die ich mich riesig gefreut habe, denn ich wusste, dass sie fast nichts aus ihrer Heimat im Osten gerettet hatten.

Im August 1946 wurde unser Bruder Harro geboren und ein Babykörbchen für den kleinen Schreihals wurde ins Schlafzimmer gestellt. Wir wurden ausquartiert und bekamen Betten im Wohnzimmer. Zum Einschlafen durften Günther und ich in die Ehebetten, nachts wurden wir ins Wohnzimmer umgepackt.

Dann wurden in Bad Oldesloe einfache Strohdachhäuser gebaut für die Flüchtlingsfamilien. Die große Familie mit meiner Freundin Karin bekam dort eine Wohnung. Viele Mäuse zogen mit aus, die zwischen den Kartoffelsäcken ein Zuhause gefunden hatten. Das Zimmer wurde aber sofort beschlagnahmt für ein Ehepaar.

In unserem Wohnzimmer war es sehr eng mit den großen Betten. Unserer Großmutter wurde es zu unruhig in unserem Haus. Sie war über 80 Jahre und wollte unbedingt in ein Altenheim im Sachsenwald. Das war ungefähr 1949. Einen Besuch bei ihr fand ich damals ziemlich bedrückend, denn sie wohnte in einem Vierbettzimmer, dass eher einem Krankenzimmer glich als einem Wohnraum. Im Januar 1951 starb Oma, die Mutter unseres Vaters. Sie hatte ihren Auszug aus unserem Haus bereut, denn in ihrer letzten Postkarte schrieb sie Eure dumme Oma. Für sie wäre Platz genug gewesen, denn bald bekam auch das Flüchtings-Ehepaar eine Wohnung und zog aus.

Nun gehörte das 1938 gebaute Haus uns allein. Unser Vater baute die kleine Küche in der oberen Etage um zu einem Badezimmer, meine Brüder bekamen ein Zimmer und ich das andere. Unsere Eltern hatten endlich ein richtiges Wohnzimmer und wir mussten nicht immer umgebettet werden.

Unser Vater konnte nach Kriegsende nicht sofort wieder in seinem Beruf als Schriftsetzer arbeiten, denn die Druckerei des Oldesloer Landboten war geschlossen. Er fand in einer Lederwarenhandlung eine Arbeit als Buchhalter. Am 1. Januar 1949 öffnete die Druckerei wieder, aber es gab nur Kurzarbeit für die Arbeiter und wenig Geld.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir nach Kriegsende gehungert haben. Es gab zwar einfaches Essen, aber wir hatten Hühner und Kaninchen und einen großen Gemüse- und Obstgarten. Zweimal haben wir ein Schwein groß gezogen.

Es ließ sich gerne von uns streicheln, so dass wir sehr traurig waren, als es geschlachtet wurde. Aber ich sah gerne zu, wie die Wurst gekocht und gedreht wurde. Fleisch wurde eingekocht oder in Salzlake eingelegt. Mittags gab es Schwarzsauer vom Schweineblut mit Klößen, Steckrüben und Birnenkompott. Mir läuft noch das Wasser im Mund zusammen, wenn ich daran denke.

Zum Milch holen mussten wir ins 3 km entfernte Nachbardorf gehen. Dort gab es bei einem Bauern Milch mit einer dicken Rahmschicht. Der Rahm wurde zum in den Keller gestellt, einen Kühlschrank hatten wir noch nicht. Einmal hatte sich ein Frosch im Rahm versteckt. Erschrocken sprang er aus der Schüssel, als Mutti den Rahm zu Butter verarbeiten wollte. Ich hatte es gesehen, aber Mutti sagte: Das ist unser Geheimnis, wir dürfen es nicht erzählen. Ich habe geschwiegen. Es wäre unmöglich gewesen, den kostbaren Rahm nicht mehr zu verwenden.

Ab und zu bekamen wir einen Sack Roggen. Dann saßen wir am großen Tisch und sortierten: Roggen, Roggen, Muusködel (Mäusedreck), Roggen.... Es blieb genug Roggen zum Brotbacken übrig. Ich bin mir nicht sicher, ob wir heute solchen Roggen verarbeiten würden. Damals war er Gold wert.

Einmal haben wir 3 Enten groß gezogen, für die ich besonders gesorgt habe. Wenn ich aus der Schule kam, füllte ich am Salzteich im Kurpark Entengrütze in meinen Essentopf. Am nächsten Tag gab es aus dem gleichen Topf wieder die Schulspeisung. Wenn eine Ente geschlachtet wurde, luden wir Oma - Muttis Mutter - oder eine unserer Tanten ein. Es wurde immer ein Festessen: eine Ente für 6 Personen!

Zusätzlich zu unserem Garten beim Haus hatten wir meistens noch ein Stück Pachtland, auf dem unser Vater Kartoffeln pflanzte. In den Herbstferien mussten wir dann alle mithelfen beim Kartoffeln ausbuddeln. Das war Vergnügen – nicht Arbeit! Von unserem Vater habe ich gelernt, dass Gartenarbeit Freude macht, und ohne Arbeit kann man nichts ernten.