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Goldene Konfirmation

Am 1. Mai 2005 habe ich Goldene Konfirmation.
Nun stehe ich vor der Christuskirche in Wandsbek, in der ich vor 50 Jahren, am 13. März 1955, konfirmiert wurde.

Vieles hat sich verändert rund um die Kirche: damals lagen noch Reste von Trümmern herum. Nun gibt es eine große Straße, auf der die Autos vorbei rauschen und einen Parkplatz - wir kamen damals zu Fuß oder mit der Straßenbahn. Neben der Kirche wurde ein Turm errichtet, der weithin sichtbar ist. Für einen Moment schließe ich die Augen - wie war es damals?

Ich sehe unsere Mädchengruppe vor mir in schwarzen Taftkleidern, die bei jedem Schritt raschelten. In den Händen hielten wir die Bibel mit einem Maiglöckchenstrauß. Woher hatten wir Maiglöckchen im März? Wir trugen zum ersten Mal Perlonstrümpfe, deren Naht an der Wade ständig schief saß. Die Jungs hatten ihren ersten schwarzen Anzug bekommen, die Bibel schwenkten sie lässig in der Hand, ein Maiglöckchenstrauß steckte im Revers des Jacketts. Mit weißem Hemd und Fliege wirkten sie sehr männlich, kicherten aber ständig über uns Mädchen. Als wir in die Kirche einzogen, standen alle Kirchgänger auf. Wir senkten die Augen und fühlten uns beobachtet bei jedem Schritt. Nach der Predigt mussten wir in kleinen Gruppen vor den Altar treten, um den Segen zu empfangen. Bloß nicht stolpern dachte ich damals, das Herz klopfte uns bis zum Hals. Beim feierlichen Auszug aus der Kirche war uns schon etwas leichter, wir hatten es überstanden. Jetzt gehörten wir zur Gemeinde der Erwachsenen. Zu Hause gab es eine große Feier mit vielen Verwandten. Wir bekamen Wäsche-Garnituren, Handtücher, Azaleen und Pantoffelblumen - Geld schenkte man damals noch nicht.

Wie wird die Feier heute werden? Kenne ich noch irgendjemand aus dem Konfirmandenunterricht? Wir bekommen Namensschilder - kein Name ist mir bekannt. Meine Schulfreundin Ute begleitet mich. Wie damals dürfen wir zum Orgelspiel gemeinsam in die Kirche gehen. Alle Kirchgänger sind aufgestanden und lächeln uns freundlich zu. Diesmal haben wir nicht schüchtern den Blick nach unten gesenkt, wir genießen den aufregenden Moment. Der Gottesdienst ist sehr feierlich gestaltet. Wie vor 50 Jahren werden wir in kleinen Gruppen vor den Altar gerufen, um den Segen und eine Urkunde zu empfangen. Ich verdrücke eine Träne der Aufregung, bin glücklich, dass ich dazu gehöre.

Eine Familienfeier wie damals gibt es diesmal nicht - oder doch: Die Familie der goldenen Konfirmanden trifft sich zum gemeinsamen Essen im Gemeindehaus. Neben mir sitzt Frau Voth, die Tochter von Pastor Voth, der mich damals konfirmiert hat. Erinnerungen werden ausgetauscht. Einige gingen in die gleiche Schule wie ich, hatten die gleichen Lehrer. Ein Herr kennt meinen Geburtsnamen - er kannte meinen Vater und meine Brüder. Das ist nicht so ungewöhnlich, denn mein Vater hatte eine Druckerei in Wandsbek, in der die Wandsbeker Zeitung gedruckt wurde.

Nach dem gemeinsamen Essen und einigen Ansprachen und Rückblicken dürfen wir den Turm besteigen. Er wurde erst 1963 errichtet und hat eine Plattform, von der wir einen herrlichen Rundblick über Wandsbek bis zu den Türmen Hamburgs genießen können. Dazu hat Petrus uns fantastisches Wetter geschenkt.

Bei Kaffee und Kuchen klingt der Tag unserer goldenen Konfirmation aus. Wir bedanken uns bei Frau Pastorin Hinrichsen und Herrn Pastor Hölck für die gelungene Feier.

Mein jüngster Bruder wurde 1961 von Pastor Voth konfirmiert. Bei seiner goldenen Konfirmation möchte ich ihn gerne begleiten.