© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Ausgerückt

Kind, wie bist du bloß dünn! so begrüßten mich Oma und Tanten. Ich war 8 Jahre alt, es war im Jahr 1948. Mutti beantragte eine Kur für mich damit ich etwas dicker werde. Nein – nicht im Allgäu oder an der See; in Bad Oldesloe gegenüber meiner Schule, 20 Minuten von zu Hause entfernt. Anfang der Ferien packte Mutti den großen Koffer und lieferte ihn und mich in dem Kinderheim ab. Traurig sah ich aus dem Fenster, als Mutti ging. Im Spielzimmer gab es viele Puppen, aber ich bekam keine ab. Auch das große Puppenhaus hatte schon Liebhaber gefunden, ich war nicht schnell genug und meine Brüder waren sooo weit weg...

Der Tagesablauf im Heim war genau geplant, sogar der Weg zur Toilette. Nach jeder Mahlzeit mussten alle zur gleichen Zeit.

Am 3. Tag gab es mittags Erbsensuppe, eine grüne Nachkriegssuppe aus Erbswurst. Diese dicke Pampe blieb mir im Hals stecken und beim anschließenden Toilettengang spuckte ich sie wieder aus. Oh je, da rief schon die Schwester: Beeilung, es ist Zeit für den Mittagsschlaf. Mir blieb keine Zeit mehr zum Pipi machen.

Während der Mittagsruhe meldete sich meine Blase. Auf Zehenspitzen schlich ich über den Flur zum Klo. Halt, wo warst du denn? hörte ich plötzlich die Stimme der Schwester – glücklicherweise war ich auf dem Rückweg und antwortete wahrheitsgemäß: Auf dem Klo. Das reichte ihr nicht, sie wollte wissen wieso und ich erzählte ihr von der Suppe, die mir nicht geschmeckt hatte. Sie rief sofort die Ärztin, die mich gründlich musterte und ich wurde in ein Einzelzimmer gebracht. War das eine Strafe? Ich fand das ungerecht, weinte in mein Kissen und hatte schreckliches Heimweh. Nur zu den Mahlzeiten kam jemand in mein Zimmer und brachte das Essen, das mir nun überhaupt nicht mehr schmeckte.

Nach 2 oder 3 Tagen brachte eine Schwester meinen Koffer. Sollte ich etwa 4 Wochen in dem Einzelzimmer bleiben? Das wollte ich auf keinen Fall. Ich lauschte in den Flur – nichts. Mein Schlafanzug flog aufs Bett, ich schlüpfte in Rock und Bluse. Oh Schreck - ich hörte Schritte im Flur.

Schnell tauschte ich Rock und Bluse wieder gegen den Schlafanzug und huschte unter die Decke. Aber niemand kam ins Zimmer, also wieder umziehen. Ein paar Mal ging es hin und her, dann hatte ich es geschafft. Noch einmal horchte ich in den Flur, nichts war zu hören, keine Schwester zu sehen. Ich nahm den großen Koffer und schlich auf Zehenspitzen zur großen Eingangstür. Sie war nicht verschlossen, vorsichtig öffnete ich sie und stand in der Freiheit.

Schwer schleppte ich an dem Koffer, als mich plötzlich eine Nachbarin ansprach. Sie wunderte sich sehr, dass mich niemand abgeholt hat und trug mir den Koffer nach Hause. Dort angekommen sah mein Vater mich entsetzt an.

Seltsam - er freute sich gar nicht, dass ich wieder da war. Nur mein kleiner Bruder, der gerade auf dem Töpfchen saß, ließ sich von mir knudeln.

Dann kam Mutti vom Einkaufen, war verblüfft mich zu sehen, musterte meine streng nach hinten gekämmten Zöpfe, die mich noch dünner machten und wunderte sich über meine vielen Pickeln überall, von denen ich nichts wusste. Das geht doch nicht, dass du einfach ausrückst, schimpfte sie, ich bring dich wieder hin. Du sollst doch erst mal zunehmen. Ich heulte, aber Mutti hatte kein Erbarmen. Vor dem Heim hielt sie mich fest an der Hand und klingelte. Eine Schwester öffnete, sah mich an, sah Mutti an und wusste nicht, was sie sagen sollte, denn niemand hatte bemerkt, dass ich vor ungefähr 2 Stunden ausgerückt war. Mutti schluckte, holte tief Luft und fragte, warum ich in ein Einzelzimmer ziehen musste und warum ich so viele Pickel habe. Sie hat Windpocken erklärte die Schwester kurz und deshalb muss sie alleine bleiben, sonst steckt sie alle Kinder an. Nein, hörte ich Mutti sagen, dann nehme ich sie wieder mit und bringe sie zur Oma. Plumps – mir fiel ein Stein vom Herzen.

Bei Oma war ich immer gerne, sie hatte sogar ein Badezimmer und eine Toilette mit Wasserspülung, was damals eine Seltenheit war. Im Flur stand eine große Standuhr, in der sich die sieben Geißlein vor dem bösen Wolf versteckt hatten, und auf dem Bord über dem Sofa stand Hänschen klein, die Porzellanfigur eines kleinen Jungen mit einem Koffer in der Hand. War er auch aus dem Kinderheim ausgerückt?

Ob ich nun dicker geworden bin, weiß ich nicht, das war für mich auch gar nicht wichtig. Aber der kleine Wandersmann steht noch bei mir und erinnert mich an die schöne Zeit bei meiner Großmutter.