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Schweineliebe

Mein Vater züchtete Hühner, Tauben und Kaninchen. Auch eine Hündin gehörte zu uns, eine struppig-weiße Drahthaarterrier-Hündin.

Aber dann - es war wohl zwischen 1948 und 1950 - kam Vater mit einem quiekenden Sack nach Hause. Wir, meine Brüder und ich, waren gespannt, was er da aus dem Sack holte und jubelten alle gleichzeitig los: Ein Schwein, ein Schwein – wie süß!.

Mutti stürzte aus der Küche in den Hof und schüttelte den Kopf – auch das noch, ein Schwein, haben wir nicht genug Tiere zu versorgen? Ein Schwein gibt später prima Braten und Wurst, was willst du mehr? versuchte unser Vater Mutti umzustimmen. Sie grummelte: die Arbeit bleibt doch wieder an mir hängen!

Im Hühnerstall hatte unser Vater schon eine Koje vorbereitet für das neue Haustier. Wir fanden es einfach nur niedlich, an Braten dachten wir dabei nicht. Wir kraulten das noch kleine Tier und tüdelten damit rum, das Schwein grunzte und genoss unsere Zuneigung.

Mutti musste nun täglich Kartoffelschalen kochen und mit Kleie vermengen, das war eine dicke Pampe und den Eimer konnte ich kaum anheben. Aber ich schleppte ihn zum Stall und versorgte das Schwein gerne. Meine Brüder hatten bald die Lust an dieser Arbeit verloren. Dafür wurde ich belohnt mit freudigem Grunzen und bald konnte das Schwein die Vorderpfoten auf die Stalltür legen, quiekte und wartete auf meine Streicheleinheiten.

Auch meinen Vater habe ich oft erwischt, wenn er das Schwein hinter den Ohren kraulte – die Arbeit hatte Mutti. Den Stall ausmisten musste Vater allerdings selber, da sträubte Mutti sich. Ich reinigte lieber die Kaninchenställe, die stanken nicht so.

So ein Schwein wird allerdings nur gefüttert bis es fett genug ist zum Schlachten. Nach einem Jahr rückte der Schlachttag immer näher, was aber nicht zu Tränenausbrüchen führte. Es war normal, auch Hühner, Tauben und Kaninchen wurden irgendwann geschlachtet und niemand weinte darum.

Wir sollten trotzdem nichts davon mit bekommen und ich wurde zum Einkaufen geschickt. Nein, das ließ ich nicht mit mir machen – ich kehrte auf halbem Wege um und ging gleich hinters Haus, um zu sehen, wie man ein Schwein schlachtet. Da hing es schon angebunden und aufgeklappt an einer Leiter.

Tante Sophie rührte mit dem nackten Arm in einer großen Schüssel Blut. Das ist für Schwarzsauer sagte sie. Mmh, lecker freute ich mich und sah ihr zu.

Plötzlich entdeckte mich mein Vater – o je. Er brüllte mich an. Was willst du denn hier? Du sollst doch einkaufen gehen, wieso bist du noch hier? Erschrocken sah ich ihn an, doch bevor ich antworten konnte, schickte er mich vom Hof. Das war für mich schlimmer als der Anblick des toten Schweins, es sah so gar nicht mehr aus wie mein Streichelschwein.

Damals war private Schlachtung verboten, das war wohl der Grund seiner Aufregung.

Als in dem großen Waschkessel Wurst gekocht und durch den Fleischwolf in die Pelle gedreht wurde, durfte ich wieder mithelfen. Und als es Schwarzsauer gab mit Fleisch, Steckrüben, Mehlklößen und Birnenkompott habe ich tüchtig zugelangt.

Mit Begeisterung spielten wir anschließend auf der Straße: Mein Vater hat ein Schwein geschlachtet, was willst du davon haben?

Sicher musste Vater einige Würste oder Bratenstücke als Schweigegeld an die Nachbarn rausrücken.