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Winter - damals und heute

Über Nacht hat es geschneit, eine dicke Schicht liegt auf Bäumen und Wegen. Die Zeitung berichtet von einem Schnee-Chaos. In meinem mollig warmen Badezimmer unter der heißen Dusche denke ich zurück:

Auf den Fenstern blühten Eisblumen. Sollte ich wirklich die Bettdecke zurückschlagen? Mutti rief schon zum 3. Mal Aufstehen - die Schule wartet nicht! Es ist doch so kalt im Zimmer, rief ich zurück, und schälte mich brummend aus dem warmen Bett. In der Küche knisterte schon das Feuer im Herd. Ich hauchte ein Loch in die Eisblumen am Küchenfenster, malte ein bisschen und leckte daran, fast wäre meine Zunge festgeklebt. Lass die Schmiererei und vergiss das Waschen nicht mahnte Mutti. Brrrh, aus dem Wasserhahn kam nur eiskaltes Wasser. Ein bisschen absuddeln musste genügen.

Los, los, anziehen, Mutti gab mir die kratzigen braunen langen Strümpfe. Vorsichtig zog ich sie hoch, denn auf dem Knie waren sie schon gestopft. Ich knöpfte sie an die Gummibänder des Leibchens. Das nackte Stück Bein zwischen dem ausgeleierten Schlüpfer und den Strümpfen wurde unter einem ebenso kratzigen Wollschlüpfer versteckt. Den Pullover hatte Tante Fietsch gestrickt aus Angorawolle, die wir für die Schurwolle unserer Kaninchen bekommen hatten. Er war Luxus: wunderbar weich, kitzelte aber immer in der Nase, schon musste ich niesen. - Schnell trank ich einen heißen Kakao, aß mein Marmeladenbrot, zog den von Mutti aus alt genähten Mantel an, stieg in die Schnürstiefel, die Mütze über die Ohren gezogen und ab ging's zur Schule. Natürlich zu Fuß - kein Kind wurde mit dem Auto gebracht. Wer hatte schon ein Auto? Die verschneiten Wege waren mit Sand oder Asche gestreut. Glatte Straßen waren kein Problem, Staus waren unbekannt.

Als ich die erste Trainingshose aus dickem gerautem Wollstoff bekam, war ich glücklich. Darüber musste ich aber einen Rock tragen, was Mutti mir später nie glauben wollte. Wenn ich von der Schule nach Hause kam suchte ich schnell die Schlittschuhe. Es gab nur ein Paar für uns 3 Kinder, da musste ich aufpassen, dass mir keiner zuvorkam. Hackenreißer hießen sie, denn sie wurden an die Schuhsohlen geschraubt, wobei oft die Absätze abrissen. Man konnte sie sogar je nach Schuhgröße verstellen, deshalb gab es nur 1 Paar für meine beiden Brüder und mich, was oft für heftigen Streit sorgte. Nachmittags wurde im Wohnzimmer der Kachelofen eingeheizt, mollig warm war es. Oft brutzelten Äpfel in der Röhre oder im Kessel kochte Wasser für Pfefferminztee oder für den Grog für unseren Vater.

Schlaf- und Kinderzimmer blieben kalt, nicht jeder Raum hatte einen Ofen. Wochenlang waren die Fenster zugefroren. Bevor wir schlafen gingen holten wir unsere schweren, von Oma geerbten Federbetten und wärmten sie am Kachelofen, wickelten uns darin ein und zogen so eingepackt in unser Bett. Manchmal bekamen wir eine Wärmflasche ins Bett, ein großes kupfernes Ei, gefüllt mit heißem Wasser und in ein Handtuch gewickelt. Man konnte sich mächtig die Füße daran verbrennen, wenn das Tuch verrutschte.

Als ich in das Backfischalter kam - gemeint ist das Teenager- oder Teeny-Alter - gab es schon Nylonstrümpfe. Mit blau gefrorenen Beinen und Stöckelschuhen stapften wir durch den Schnee. Nur keine Wollstrümpfe anziehen! Und schon gar nicht die ausgebeulte Trainingshose. Wer hatte schon Jeans? Mädchen trugen so was nicht.

Die erste Wohnung mit Heizung hatten wir so ungefähr 1963. Nur ein Dreh und die Wohnung war warm. Endlich keine Kohlen mehr aus dem Keller schleppen und keine Asche mehr runter tragen. Keine Wasserlachen oder nasse Laken auf der Fensterbank von den abgetauten Eisblumen! Für die Kinder gab es die ersten Strumpfhosen und wattierte Schnee-Anzüge, mollig warme Jacken und Pullover, die nicht kratzten.

Vereiste Scheiben kennen unsere Kinder nur vom Auto, da reicht dann kein Hauchen mehr, da muss gekratzt werden. Würden sie es mit hauchen versuchen? Bei meinem ersten VW-Käfer musste ich im Winter während der ganzen Fahrt Eis kratzen - von innen! Die Heizung funktionierte nur im Sommer. Jetzt habe ich sogar beheizte Sitze!

Heute mache ich einen Schneespaziergang. Was heißt hier Schnee-Chaos und sibirische Kälte? Vor Weihnachten haben doch alle Leute gefragt: Gibt es weiße Weihnachten? Jetzt ist der Schnee da und heißt Chaos. Aber die Fenster sind trotz Kälte nicht zugefroren. Wir haben ein warmes Haus oder eine warme Wohnung, warmes Essen, warme Kleidung und warmes Wasser aus der Leitung. Für unsere Kinder und Enkel ist das alles selbstverständlich. Wir können es - glaube ich - noch genießen.