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Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Den Satz musste ich mir schon anhören, bevor ich eine Lehrstelle hatte.

Schon 1956 war es nicht leicht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Was wollte ich werden? Viele Male habe ich bei der Berufsberatung gesessen: Kinderpflegerin, das könnte es sein, dachte ich. Als ich hörte, dass ich 2 Jahre in eine Internatsschule irgendwo in Dithmarschen gehen sollte und kein Geld dabei verdienen, ließ ich den Gedanken fallen. Ich entschied mich für eine Lehre im Büro: Groß- und Außenhandelskaufmann war die Bezeichnung.

Zum Vorstellen ging Mutti mit. Da saß ich im Vorraum eines Büros, den blau-weiß karierten Rock frisch gestärkt, mit weißen Söckchen und Sandalen. Wenn dann eine junge Dame in hochhackigen Schuhen und mit Perlonstrümpfen aus dem Büro kam, wusste ich sofort: hier hab ich kein Glück. Aber ich bekam eine Lehrstelle in einer Außenhandelsfirma in der Brandstwiete.

Das Büro war im 4. Stock und ich musste mit einem Paternoster hochfahren, so einem Fahrstuhl, der nie anhält. Mir klopfte das Herz bis zum Hals vor Angst, ich könnte den Ausstieg verpassen. Als einmal die jungen männlichen Kollegen meine Angst bemerkten, versperrten sie mir aus Jux den Absprung - oh Schreck! Jetzt ging es über den Dachboden. Glücklicherweise kippte der Kasten aber nicht um, was mich überraschte. Die jungen Männer lachten sich kaputt, als ich noch schlotternd wieder bei ihnen ankam. Na – nun kannte ich die Gefahr.

Jeden Morgen quetschte ich mich in die voll gestopfte Straßenbahn. Am liebsten stand ich hinten auf dem Perron, mangels einer Tür war hier noch frische Luft. Im Wagen war es stickig vom Zigarettenqualm und auch die Seife hatte damals noch keine deodorierende Wirkung, täglicher Wäschewechsel war Luxus und so roch es dann in der Bahn.

Als ich feststellte, dass die Monatskarte bei der Bundesbahn nur ein Viertel der Straßenbahnkarte kostete, stieg ich um. Ich hatte zwar ½ Stunde Fußweg zum Bahnhof und noch einmal ca. 15 Minuten vom Hauptbahnhof zur Brandstwiete, aber das war es mir wert, denn mein Lehrlingsgehalt war 55,-- DM, davon musste ich zu Hause noch etwas abgeben und meine Kleidung selber bezahlen. Große Sprünge konnte man damit nicht machen, weite Fußwege lohnten sich.

Wer am Dritten noch Geld hat, ist geizig war bei uns Lehrlingen (so hießen wir) ein geflügeltes Wort.

Die ledige Buchhalterin, die mich anlernen sollte, war alles andere als freundlich. Sobald ich ein paar Worte mit der netten Kollegin im Nebenzimmer wechselte, giftete sie Haben sie nichts zu tun? Hatte ich lange Additionen an der Rechenmaschine zu machen und ihr Telefon klingelte, knallte sie mir von Schreibtisch zu Schreibtisch die Schublade in den Bauch, weil meine Maschine störte. Dann hatte ich mich mit Ablage zu beschäftigen. Zum Feierabend hatte sie immer noch irgendetwas für mich zu tun, so dass ich oft meinen Zug verpasste. Der nächste fuhr dann fast eine Stunde später, das wusste sie und genoss es.

Eine besonders schwierige Aufgabe war es, Fotokopien anzufertigen. Das Original musste auf Kopierpapier gelegt und im Kopierapparat belichtet werden. Anschließend wurde das Ganze durch verschiedene Laugen gezogen und dann zum Trocknen aufgehängt. Hatte ich das Papier in irgendeiner Lauge zu lange liegen lassen, wurde die Kopie zu schwarz, umgekehrt wurde sie zu blass. Es war schon ein Glück, wenn man die richtige Farbe traf. Vermurkste Kopien musste man so schnell wie möglich verschwinden lassen, sonst gab es eine Gardinenpredigt wegen Verschwendung des teuren Kopierpapiers. Von den heutigen Kopier-Möglichkeiten konnten wir noch nicht einmal träumen.

Der Senior-Chef schickte mich gerne zum Laden um die Ecke, wo ich belegte Brötchen für ihn holen durfte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, wenn ich sah, wie sie belegt wurden: mit gekochtem Schinken, Roastbeef oder großen Käsescheiben, die an der Seite überhingen. Mein Magen jubelte, wenn er mir ein Brötchen übrig ließ – eine Delikatesse damals. Mein Mettwurstbrot musste ich dann abends als Hasenbrot essen.

Einmal kam Geschäftsbesuch aus Venezuela. Der Herr im edlen Anzug brachte mir Schokolade mit, die ich sofort einsteckte, um meinen Brüdern etwas abzugeben. Die Buchhalterin war den ganzen Tag giftig zu mir, war es Neid oder Eifersucht?

Beliebt waren die Wege zu den Konsulaten. Sie waren fast wie ein freier Tag. Wir Lehrlinge einigten uns auf feste Zeiten für die verschiedenen Konsulate. Wenn ich nicht lange warten brauchte, konnte ich den Weg zurück mit dem Alsterdampfer fahren oder sogar zu Fuß gehen, dann ging das Fahrgeld in meine Tasche.

Im Sommer hatte ich 2 Röcke zum Wechseln: einen gekräuselten blau-weiß karierten – genäht aus einem von Tante Gretel geerbten Faltenrock – und einen blauweiß gestreiften Rock mit passender Bluse, von Mutti genäht. Die weiße Everglace-Bluse war sogar bügelfrei, so konnte ich sie abends waschen und morgens wieder anziehen. Für den Winter bekam ich einen grauen Faltenrock und Tante Fietsch strickte mir einen roten Pullover mit V-Ausschnitt aus Angorawolle. Mir juckt noch die Nase, wenn ich daran denke. Aber ich war mächtig stolz, als der Senior-Chef lobte: Sie haben sich aber fein gemacht! was allerdings wieder zu giftigen Ausbrüchen meiner Vorgesetzten führte.

Arbeitszeit war damals von 8.00 bis 17.00 h. Die Arbeitswoche hatte 6 Tage, das Wochenende begann am Samstag um 14.00 h. Zweimal in der Woche hatten wir Berufsschulunterricht. In der letzten Reihe unserer Klasse saßen 4 Jungen, von denen immer nur 2 teilnahmen. Es hat Wochen gedauert, bis der Lehrer es merkte und es wurde ziemlich aufregend.

Wegen meiner Klaue musste ich einen Schönschreib-Kurs machen, den ich mir einmal angesehen habe. Dann zog ich es vor, während der Zeit an die Alster zu gehen, wobei ich sogar mal zu einer Rudertour eingeladen wurde. Das ist glücklicherweise nie aufgeflogen.

Als ich die Hälfte der Lehre rum hatte, kaufte mein Vater eine Druckerei in Lemgo und wir zogen um. Er bat um Auflösung meines Lehrvertrages und am nächsten Morgen musste ich sofort meinen Platz räumen. Es war ein mieser Abgang aber ich war froh, dass ich von der zickigen Vorgesetzten befreit war. Was aus meiner Lehre werden sollte, war mir allerdings unklar.

Mein Vater stellte dann fest, dass ich sein Büro schon gut einrichten konnte und viel gelernt hatte, besonders die Lohnbuchhaltung und Buchführung. So bin ich bei ihm hängen geblieben, einen Lehrabschluss habe ich nicht gemacht.

Später ist meine berufliche Laufbahn in eine andere Richtung gegangen, was auch ohne Lehrabschluss möglich war.