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Das Bett

Es war ein Erbstück meiner Oma, das weiß lackierte Bett. Am Kopfende schützte eine hohe Holzwand vor der Kälte, die im Winter von der Mauer ausstrahlte. Das ebenso hohe Fußende hielt die Bettdecke fest, ich konnte sie um meine Füße wickeln ohne dass sie hinunter rutschte.

Wie viele Jahre hatte meine Oma in diesem Bett geschlafen? Wie viele Nächte hatte sie durchwacht in Sorge um ihre Kinder, in Angst um ihren Sohn, meinen Vater, als er im Krieg war. Hat sie in die Kissen geweint, als Opa starb? Die Kissen und die Federdecke waren schwer von all den Jahren, als ich sie erbte. Aber sie waren ein besonderes Geschenk von Oma nach ihrem Tod. Die dicke Daunendecke wärmte ich abends am Kachelofen auf, wickelte mich darin ein und schlüpfte dann in Omas Bett, das jetzt mir gehörte.

Morgens rollte ich die Decke zusammen, legte eine weiße gestickte Decke darüber und hatte eine Couch. In eine Ecke setzte ich meine Puppe Ursel, die ich zwar nie besonders liebte, weil ihre Haare dunkelgrün schimmerten und ihre Porzellanarme schon so sehr abgewetzt waren, dass ihr Gesicht gar nicht dazu passte. Sie war sicher uralt, aber ihr Kleid mit den Rosenknospen passte gut auf die weiße Couch.

Das Bett nahm fast das ganze Zimmer ein, es ließ nur Platz für einen kleinen Tisch und einen Stuhl, waren das auch Erbstücke? Ich weiß es nicht mehr.

Nach ein paar Jahren zogen wir um und ich bekam ein modernes Bett mit Gitterstäben am Kopf- und Fußende. Wenn ich nicht aufpasste, klemmte ich mir die Füße, am Kopfende konnte ich Klimmzüge üben, das gefiel mir. Aber die neue Matratze war hart, nicht so bequem und weich mit Kuhle wie die von Oma.

Wo war das Bett nur jetzt? Vor dem Umzug einfach zerkloppt? Die ganze Vergangenheit auf den Müll geworfen? Nur ein Foto ist mir geblieben, ein letztes Stück Erinnerung.