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Heimweh

Als unser Vater sich selbständig machen wollte, suchte er eine Druckerei zum Kauf. Er fand eine in Lemgo. Für diesen Kauf verkaufte er unser Haus in Hamburg-Wandsbek. Nach 4 Jahren in Hamburg hieß es nun wieder: Umziehen.
Die Kirschen waren abgeerntet, die Johannisbeeren zu Marmelade gekocht und die Äpfel in Kisten verpackt. In der Rosenlaube hingen die letzten verwelkten Blüten. Die Hühner wurden diesmal vor dem Umzug verkauft. Ein bisschen mulmig war uns bei dem Gedanken, keinen eigenen Garten mehr vorzufinden. Harro musste die Schule wechseln, ich musste die Lehre abbrechen. Aber wir waren neugierig auf die neue Gegend.

Im Herbst zogen wir nach Lemgo – in den 2. Stock eines alten Hauses. Im Erdgeschoss war die Druckerei, was mein Vater ideal fand. Es ersparte weite Wege zur Arbeit - Zeit und Fahrgeld. Mein Bruder Günther lernte in der Druckerei, ich konnte im Büro meines Vaters arbeiten.
Im Treppenhaus, in dem sich die Toiletten befanden, bröckelte der Putz von den Wänden. Die Wohnung hatte von der Küche zu den Wohnräumen einen 7 m langen Flur. Im Esszimmer musste man sich auf die Zehenspitzen stellen, um aus dem Fenster sehen zu können. Die Zimmer hatten Ofenheizung - in Hamburg hatten wir schon Heizung vom Küchenherd aus gehabt. Von der Küche ging es in mein Zimmer und von dort ins Eltern-Schlafzimmer. Beide Räume hatten keine Heizmöglichkeit. Mein Zimmer hatte ein Fenster zu einem 1 m breiten, dunklen Gang mit Blick in das Fenster einer alten Dame. Das Zimmer meiner Brüder auf dem Dachboden fand ich luxuriös – man konnte über die Dächer der kleinen Stadt gucken und wurde sonntags von den Kirchenglocken geweckt. Vom Küchenfenster aus sah man über die Hofmauer hinweg in einen großen Apfelgarten – unerreichbar für uns. Mein Vater musste seine geliebten Tauben verkaufen, die er gerne auf dem Dachboden untergebracht hätte. Das wurde von der Vermieterin nicht genehmigt. Wir waren jetzt Untermieter, daran mussten wir uns erst gewöhnen. Mutti erzählte, dass sie beim Spaziergang oft an dem Garten vorbeigingen, in dem die Tauben ihr neues Zuhause gefunden hatten. Mein Vater wischte sich dann heimlich eine Träne ab. Wir schenkten ihm einen Wellensittich als Ersatz für Hühner und Tauben. Sein Garten war jetzt die Druckerei, in der er auch viel Freizeit verbrachte.

Die Umgebung gefiel mir, die Hügel empfand ich als Berge. Der Wald war endlos. Wir lernten in der Tanzstunde junge Leute kennen und zogen oft in den Wald hinaus. In der Mittagspause machten wir gerne einen Spaziergang um den Stadtwall. Mit Mutti ging ich im Sommer in die Luftbadeanstalt oder ins Schwimmbad. Aber auch die vielen Ausflüge in den Teutoburger Wald und in die umliegenden Kurorte halfen unseren Eltern nicht über das Heimweh nach Hamburg und nach einem eigenen Garten hinweg.
An Winterabenden packte Papa die Ziehharmonika aus und sang die Hamburglieder, die wir von Hans-Albers-Platten kannten. So schürte er auch bei uns Heimweh.

Nach 3 Jahren in Lemgo hatte unser Vater eine Druckerei in Hamburg-Wandsbek gefunden und es ging wieder zurück in die alte Heimat. Die neue Wohnung in Wandsbek hatte einen riesigen Balkon mit Blick auf das Wandsbeker Gehölz – ein eigenes Haus war nicht mehr möglich, das Geld steckte in der Druckerei.

Als der Möbelwagen in Hamburg ankam, ging Mutti noch schnell zum Wandsbeker Wochenmarkt. Hier wurde gerade abgeräumt und Mutti fragte einen Händler, ob sie noch ein paar Kartoffeln bekommen könnte. Er rief seinem Sohn zu: Geev de jung Fruu mol `n poor Kantüffeln, damit se nich’ verhungern deiht. Mutti holte tief Luft, wischte eine Träne ab und seufzte: Wir sind wieder zu Hause...