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Wie wohnten unsere Großeltern?

Da wir nur eigene Erinnerungen aufschreiben, kann ich hierüber eigentlich nichts berichten. Aber meine Eltern und Verwandten haben einiges erzählt und mein Vater hatte viele Unterlagen aufbewahrt, die nun bei mir verstauben. Ich konnte mich einfach nicht davon trennen. Und deshalb werde ich berichten, was mir erzählt wurde, was ich nachlesen konnte und irgendwann fangen dann meine Erinnerungen an.

Teil I: Die Eltern meines Vaters

Die Eltern meines Vaters wohnten vor dem 2. Weltkrieg in Bad Oldesloe im Logierhaus. Dieses Haus war ursprünglich für Kurgäste gebaut. Im 1. Weltkrieg diente es als Lazarett. Dann wurde es zum Wohnhaus für Familien mit kleinem Einkommen. Es gab keine Wohnungen, sondern nur Zimmer. Da es meinen Großvater im Frühjahr immer auf Wanderschaft zog, musste meine Großmutter die Kinder alleine ernähren. Sie wusch und bügelte für fremde Leute. Im Herbst tauchte mein Großvater dann wieder auf. Bei seiner Arbeitsstelle, einer Lohgerberei in Bad Oldesloe, wurde er immer wieder gerne eingestellt. Verwandte erzählten mir, er konnte so schnell Schafe scheren wie kein anderer. 1927 wurde mein Großvater Rentner, mein Vater war damals erst 16 Jahre alt. Die Rente meines Großvaters betrug 470,76 Reichsmark jährlich (RM 39,23 monatlich). Darin enthalten waren jährlich 90,- RM Kinderzuschuss für meinen Vater, der wegfiel, als er die Berufsausbildung beendet hatte.
Seit 1932 bekam auch meine Großmutter eine Rente von 232,80 Reichsmark jährlich (RM 19,40 monatlich).
Das war sicher auch damals sehr wenig, um davon zu leben.

1938 haben meine Eltern geheiratet und mein Vater hat ein Häuschen gebaut, in das auch seine Eltern mit einziehen konnten. Er wollte, dass es auch ihnen gut ging und dass sie endlich ein schönes Zuhause hatten. Sie bekamen im Obergeschoss zwei Zimmer und eine Küche. Die Toilette war für alle Familienmitglieder im Anbau — ein Plumpsklo. Meine Großmutter hatte ihre eigenen Hühner und ein Stück Gemüsegarten. Es war sicher ein Glück für sie, mit in unserem Haus zu wohnen. Ich erinnere mich an den kleinen gusseisernen Ofen in ihrem Zimmer, an dem ich mir einmal den kleinen Finger verbrannt habe. Die Brandblase ist inzwischen verwittert. Auf dem Wohnzimmertisch stand ab und zu eine Käseglocken-Mausefalle mit einer gefangenen Maus, was mich fasziniert hat. Manchmal landete so eine Maus in der Asche, die Opa im Winter zum Streuen des Fußweges benutzte. Meine Mutter sammelte die Leichen hinterher schnell ein. Eine Maus im Haus war damals nicht so ungewöhnlich, aufgeschrien haben wir deshalb nicht — sie war ja sooo niedlich.

Nach Kriegsende, im September 1945, starb mein Großvater. Da wurde meiner Großmutter die eigene Rente gestrichen, da ihre Witwenrente etwas höher war: sie betrug monatlich 22,20 Reichsmark. Mittagessen bekam sie bei uns.

Nach dem Tod meines Großvaters stand meiner Großmutter nur noch ein Zimmer zu, in das andere Zimmer mit Küche wurde eine Flüchtlingsfamilie mit 3 Kindern einquartiert. Um deren Doppelstockbetten haben mein Bruder und ich sie beneidet. Wir wussten ja nicht, was sie verloren hatten.
Auch wir wohnten beengt durch die Einquartierung, aber darüber habe ich berichtet in der Geschichte Das Leben nach Kriegsende. Ein Problem war das Plumpsklo für so viele Personen — aber das ist auch eine andere Geschichte.

Als die große Flüchtlingsfamilie eine Wohnung bekam, wurde ein Ehepaar in das Zimmer eingewiesen (zwangsweise). Nach dem Krieg gab es ja überall Wohnungsnot und man musste sein Eigenheim teilen.

Unserer Oma wurde es bald zu unruhig bei uns und sie wollte in ein Altersheim, zog ca. 1950 nach Grande. Ich erinnere mich an einen Besuch bei ihr und war entsetzt, weil sie ihr Zimmer mit 3 anderen alten Frauen teilte. 1951 verstarb sie im Heim. Ihre letzte Postkarte endete mit …Eure dumme Oma. Es hatte ihr bei uns wohl doch besser gefallen.

* * *

Wie wohnten unsre Großeltern?

Teil II: Die Eltern meiner Mutter.

Die Eltern meiner Mutter hatten eine Wohnung in einem sehr schönen, großen Zweifamilienhaus in Bad Oldesloe. Ich erinnere mich nur an die große Küche und den weiten Weg zum Toilettenhaus: aus dem Haus raus, eine lange Treppe runter in den Hof und eine lange Treppe wieder rauf, wo unter einem Dach mehrere Toiletten waren — Plumpsklos natürlich, aber wahrscheinlich für jede Familie eine. Hinter dem Toilettenbau war noch ein paar Treppen tiefer ein Gartenhaus, was auch bewohnt war. Und ganz hinten war ein kleiner mooriger Gemüsegarten.

Vom Küchenfenster aus konnte man den Rodelberg Ramms Koppel sehen.
Ich habe zwar ab und zu bei meiner Oma geschlafen, kann mich aber nicht an Details aus der Wohnung erinnern, nur dass sie große Räume hatte.
1943, als der große Angriff auf Hamburg war, starb mein Opa, und am nächsten Tag standen 2 Schwestern meiner Oma vor der Tür: sie waren in Hamburg ausgebombt und besaßen nichts mehr. Die älteste Schwester — Martha — hatte ein Wäschegeschäft in der ABC-Straße gehabt und war Rentnerin. Die andere Schwester — Frieda — hatte in einem Haushalt in Blankenese gearbeitet und war sicher auch Rentnerin. Die Witwenrente meiner Oma betrug 41,90 Reichsmark monatlich. Die Schwestern konnten beide bei meiner Oma in der Wohnung bleiben. Zu Dritt war das Leben so sicher etwas leichter zu meistern.

Nach dem Krieg wurde meiner Oma die Wohnung gekündigt. Laut Beschluss der Wohnungskommission der Stadtverwaltung Bad Oldesloe wurde ihr mit den Schwestern eine 3-Zimmerwohnung zugewiesen. Gemäß diesem Beschluss war meine Oma Wohnungsinhaberin, da sie auch in der vorherigen Wohnung als Wohnungsinhaberin eingetragen war. An diese Wohnung, in der Nähe meiner Schule, kann ich mich gut erinnern. Sie hatte ein Badezimmer mit Spültoilette: das war Luxus in der damaligen Zeit. Die Fenster der Zimmer und der Küche waren mit kleinen Rahmen unterteilt (sie sind es immer noch, vielleicht stehen sie unter Denkmalschutz). Die Küche hatte weiße Kacheln und weiße Möbel. Im Flur stand ein großer antiker Wäscheschrank mit grünen Gardinen hinter den Glasscheiben und eine große Standuhr, in der sich die sieben Geißlein versteckten. Das muss mir Oma wohl erzählt haben, denn wenn ich die Augen schließe, sehe ich die kleinen Köpfe noch rausgucken. Im Wohnzimmer gab es ein, mit einem Regal umbautes Sofa. Auf dem Regal standen ein Diskuswerfer und ein Wandersmann (für mich war das Hänschen klein und er steht heute bei mir). Der große runde Tisch war mit einer Decke bedeckt, die eher einem Teppich glich und die Lampe hing tief darüber, so dass nur der Tisch beleuchtet war und das Zimmer rundum im Dunkeln lag. Im Schlafzimmer gab es außer den Betten und dem Schrank eine Kommode mit einer Marmorplatte, auf der eine große Schüssel und eine Wasserkanne standen. Das war die Waschgelegenheit, als es noch kein Badezimmer gab.

Ich habe gerne bei Oma übernachtet und genoss es, wenn sie den Badeofen anheizte und ich baden durfte. In unserem Haus gab es noch kein so feudales Badezimmer. Und da die Wohnung im Parterre lag, bin ich während des zwangsweisen Mittagsschlafs auch mal aus dem Fenster geklettert.
Als mein Bruder und ich lesen konnten, haben wir, wenn Oma einkaufen ging, heimlich im Bücherschrank gestöbert, die Bücher hinter den Büchern hatten unser Interesse geweckt. Ob unsere Oma es gemerkt hat? Sie hätte bestimmt geschmunzelt.

Als 1949 die älteste Schwester — Martha — starb, musste meine Oma ein Zimmer abgeben, für sie und die Schwester Frieda genügten 2 Zimmer. In das andere Zimmer wurde eine Familie mit einer Tochter einquartiert. Küche und Bad mussten sich alle Personen teilen.

1953 starb auch meine Oma. Da sie die Wohnungsinhaberin war, sollte die Schwester, Frieda, nun das kleinste Zimmer beziehen. Dagegen kämpfte mein Vater und da er gerade für uns einen Umzug nach Hamburg plante, bemühte er sich um eine Wohnung für Tante Frieda in unserer Nähe. Sie sollte nicht alleine in Bad Oldesloe bleiben. In Hamburg bekam sie eine Einzimmerwohnung, in der sie noch 16 Jahre gelebt hat.