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Die Reise nach Polen – 1986

«Ich möchte eine Busreise nach Polen machen – ich hoffe du hast nichts dagegen», sagte Günter beim Abendessen. Da komm ich mit war meine Antwort und Günter sah mich fragend an: Wieso interessiert dich Polen? Ich habe gerade Polninken von Arno Surminski gelesen, das spielt in Polen. Und so begann die Planung.

1986 war Deutschland noch geteilt, Polen meilenweit entfernt. Wir brauchten Reisepässe und ein Visum. Die Reisegesellschaft kümmerte sich um alle Formalitäten.

Und dann passierte das Unglück im Atommeiler von Tschernobyl. Das Reisebüro schrieb uns, dass wir kostenfrei von der Reise zurücktreten können. Was nun? Wir wollten trotzdem fahren. Dann die nächste Nachricht: Ein Hotel in Allenstein hat abgesagt. Angeboten wurde eine einfache Unterkunft bei Hohenstein, für die wir Bettwäsche mitbringen sollten. Wir ließen uns nicht entmutigen und packten Bettwäsche ein. Es wird eben eine Abenteuerreise, sagten wir uns.

Am 13. Juli 1986 standen wir mit anderen Mutigen am Hamburger ZOB, um 7.30 Uhr fuhren wir mit dem Bus ab. An der Grenze zur DDR in Gudow hatten wir schon eine Stunde Aufenthalt wegen der Passkontrolle. Über eine fast leere Autobahn ging es weiter. Wir lernten die DDR-Raststätten Stolpe und Finowfurt kennen. In Finowfurt gab es eine Bockwurst, den Senf haben wir verschmäht, er wurde aus einer großen gelben Plastikschüssel angeboten. Wir dachten abends wäscht die Wirtin sich darin die Füße.

Der nächste längere Aufenthalt war an der polnischen Grenze in Pomellen. Hier stieg unsere Reiseleiterin Lucia dazu, sehr zur Freude unseres Busfahrers. Die beiden kannten sich schon von vielen Reisen. Eine polnische Reisebegleitung war in Polen Pflicht.

Die polnische Autobahn hielt erste Überraschungen für uns bereit. Radfahrer und Pferdewagen fuhren hier seelenruhig über die Autobahn. Unser Fahrer kannte das, blieb gelassen und fuhr uns zum Hotel Neptun in Stettin, einem riesigen, grauen Kasten. Doch schon beim Abendessen wurden wir überrascht mit Entenpastete in Aspik, Mango-Sauce, Schweinebraten und Weißkohl. Am nächsten Morgen machten wir eine Stadtrundfahrt, besichtigten das Schloss, die Jakobi-Kirche und die Hakenterrassen am Hafen. Die triste, graue Stadt begeisterte uns damals nicht besonders und wir stiegen gerne in den Bus zur Weiterfahrt nach Danzig – durch Stargard, Caplinek (Tempelburg) und Sczecinek (Neustettin), wo wir bei einer Kaffeepause den Kuchen nach Gewicht bezahlen mussten.

Auf den abgemähten Feldern stand das Heu zu Hocken gebündelt: Wie früher bei uns, riefen viele unserer Mitfahrer. Die Landschaft der Kaschubischen Schweiz hat uns besonders gut gefallen und dann Danzig:
Unser Hotel, das Novotel, lag sehr nah bei der Altstadt, und wir entschlossen uns zu einem Bummel. Ich entdeckte sofort das berühmte Krantor – ich kannte es aus einem Erdkunde-Schulbuch – es war so unendlich weit weg und nun stand ich davor. Es hat mich so sehr beeindruckt, dass mir eine Träne über die Wange lief. Wir schlenderten weiter durch die wunderbar restaurierte Altstadt, die Mariengasse (hier wurde der Buddenbrook-Film gedreht), die Frauengasse mit den kunstvollen Regenabflüssen in Form von TierenDiese Wasserspeier werden als Gargoyle bezeichnet. Die französische Bezeichnung für Wasserspeier ist Gargouille, ins Englische als Gargoyle übernommen, verwandt mit dem deutschen gurgeln., den Treppenaufgängen, sogenannten Beischlägenlt. Wikipedia: Ein Beischlag ist ein erhöhter terrassenartiger Vorbau an der Straßenseite vor dem Eingang eines Gebäudes. Beischläge sind in der Regel mit Geländer versehen und gehen über die gesamte Breite der Gebäudefassade. zu kleinen Läden mit Bernstein-Schmuck und allerlei Kunsthandwerk.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Stadtführer durch die Drei-Stadt: Gdynia (Gdingen), Godenhaven (Gotenhafen) und Zopot. In Gdynia hatten wir einen Ausblick auf die Halbinsel Hela und besichtigten das Kriegerdenkmal auf der WesterplatteAm 1. September 1939 eröffnete die Schleswig-Holstein - die sich offiziell seit dem 25. August zu einem Freund­schafts­besuch in der Danziger Bucht aufhielt - vom Hafenkanal aus das Feuer auf die polnische Stellung auf der Westerplatte, die zur Freien Stadt Danzig gehörte. Mit diesen Schüssen (Adolf Hitler: »Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!«) und dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann der Zweite Weltkrieg in Europa.Quelle: Wikipedia.org, wo der Zweite Weltkrieg seinen Anfang nahm. Nach dem bedrückenden Ausflug ging es nach Zopot zur größten Seebrücke (jedenfalls war sie das damals). Zopot war und ist ein Seebad mit Grand-Hotel und Hochbetrieb im Sommer. Auf der Brücke wurden ungeschliffene Bernsteinketten verkauft für 5,-- DM, da konnte ich nicht nein sagen. Ob sie echt ist? Egal – sie ist aus Zopot.

Wenn unser Bus hielt, waren immer sofort viele Kinder zur Stelle und fragten nach Kaugummi, Kugelschreibern, Schreibheften – alles Mangelware in Polen. Wir hatten uns zuhause mit allerhand Waren eingedeckt und hofften, dass sie für die Reise reichen.

Am Nachmittag ging unsere Fahrt weiter vorbei an leuchtendroten Mohnblumen- und blauen Kornblumenfeldern zur Marienburg, auf der einst der Deutsche Ritterorden zuhause war. Die gewaltige Burg hat uns sehr beeindruckt. Am Portal der Burg konnten wir die in Stein gemeißelten klugen und törichten Jungfrauen bewundern. Und immer wieder wurde uns bewusst gemacht, dass dies einmal zu Deutschland gehörte – der Krieg hat alles verändert.

Am Abend erreichten wir die angekündigte einfache Unterkunft – ähnlich einer Jugendherberge – in der wir unsere Betten selber beziehen mussten. Es war aber alles o.k. und zum Abendessen wurden wir mit gebratenen Forellen überrascht. In der Nähe dieser Herberge befanden sich Reste des Tannenberg-DenkmalsDas Tannenberg-Denkmal (offiziell Tannenberg-Nationaldenkmal, ab 1935: Reichsehrenmal Tannenberg) wurde 1924-1927 bei Hohenstein in Ostpreußen (heute Olsztynek, Polen) errichtet. Es erinnerte an die Schlacht bei Tannenberg (1410) während der Litauerkriege des Deutschen Ordens, die Tannenberg­schlacht im August 1914 und die Schlacht an den Masurischen Seen im September 1914. Die Anlage wurde von Pionieren der Wehrmacht im Januar 1945 vor der anrückenden Roten Armee gesprengt.Quelle: Wikipedia.org, das an die Schlachten bei Tannenberg erinnerte. Das Grab Hindenburgs wurde vor der Zerstörung des Denkmals nach Marburg gebracht. Überall wurden wir an Kriege und Schlachten erinnert.

Für den nächsten Tag war eine große Masuren-Rundfahrt geplant. Kleine Dörfer mit grauen Häusern, Storchennestern auf den Dächern, Gänsescharen, die auf der Straße spazieren gingen und immer wieder rotglühende Mohnblumenfelder begleiteten uns. Auf abgeernteten Feldern suchten Störche nach Nahrung. In Polen gab es unendlich viele Störche, überall sahen wir ihre riesigen Nester auf Dächern, Strommasten oder Kirchtürmen.

In Olsztyn (Allenstein) empfingen uns zunächst graue Hochhäuser, hinter dem Stadttor war wieder eine Burg zu besichtigen, außerdem ein Freilichttheater und die Nikolai-Kirche. In dem Hotel Kormoran, das uns vor der Reise abgesagt hatte, gab es eine Kaffeepause und im Pewex-Laden konnten wir Westware einkaufen zu DM-Preisen, die für die Einheimischen unerschwinglich waren. Auf der Straße boten Zigeunerinnen Schmuck an, wir waren allerdings gewarnt vor Betrügereien und ließen uns nicht verführen.

In Sorkwity (Sorquitten) besuchten wir eine kleine, weiße, evangelische Kirche mit einem besonders schönen schwebenden Taufengel. Die Kirche war ein Jugendtreffpunkt, der Pastor sprach Deutsch und führte uns gerne durch seine kleine Kirche.

In Mragowo (Sensburg) steuerten wir das sehr schöne Hotel Mrongovia an zu einem erstklassigen Mittagessen. Die Reiseleiterin erklärte dies zum besten Hotel in Masuren, direkt am See gelegen, in dem wir unsere Füße kühlen konnten.

Nach dieser angenehmen Pause fuhren wir nach Gizycko (Lötzen), wo schon ein Dampfer auf uns wartete für eine wunderbare Fahrt über den Mamry-See (Mauer-See). Es ging durch einen kleinen Kanal und dann auf den großen See hinaus, dazu noch Sonnenschein. Ich kam mit anderen Fahrgästen ins Gespräch, die im Hotel Mrongovia wohnten und es sehr lobten. Sie waren auf eigene Faust unterwegs in Polen.

Wir bekamen Lust auf eine Reise im eigenen Wagen, denn es waren viele Autos mit westlichen Kennzeichen unterwegs, vielleicht im nächsten Jahr, dachten wir, und ich fing an, Notizen zu machen über gute Hotels und Restaurants, denn davon gab es noch nicht viele.

In Allenstein gab es bei Tanzmusik ein gutes Abendessen und gegen 22.00 Uhr waren wir wieder in unserer kleinen Herberge Mazurski in Olsztynek (Hohenstein).

Am nächsten Morgen hieß es Betten abziehen, es ging weiter Richtung Poznan (Posen) über Ostroda (Osterode) Lubawa (Löbau), Brodnica (Strasburg) nach Torun (Thorn), wo wir einen Bummel durch die Fußgängerzone und entlang am Weichselufer machten. Die Schaufenster lockten nicht zum Einkauf, sehenswert waren das Rathaus und das Kopernikus-Denkmal. Im Hotel Kosmos gab es ein sehr gutes Mittagessen. Lucia, die Reiseleiterin, hat immer gute Restaurants ausgesucht, die sich nur reiche Polen und Touristen leisten konnten. Durch graue Städte, wie Inowroclaw (Hohensalza) und Gniezno (Gnesen) ging es nach Posen. Wunderschön restauriert war der Stare Rinek, der Alte Markt, mit Rathaus und Kaufmannshäusern, sehenswerter Jesuitenkirche im Barockstil und einladenden Straßencafés. Im Hotel durften wir im fürstlichen Salon speisen mit wino czerwone (Weißwein). Einen Bonsche-Laden mit echten polnischen Kuh-Bonbons, den butterweichen Karamellen, die keine Plomben ziehen, habe ich auch noch entdeckt und sofort eine große Tüte voll gekauft.

Anschließend habe ich mich lange mit Lucia unterhalten und Informationen für die nächste Reise notiert: In Polen ist es ratsam zu wissen, wo man eine Toilette benutzen kann (nicht alle hatten damals annähernd westlichen Standard). Das Auto sollte man immer auf bewachtem Parkplatz parken. Geldeintausch ist am sichersten im Hotel oder auf der Bank. Auf der Straße wird man oft gebeten, Zlotys gegen DM zu tauschen, wird aber oft behumpst. Auf dieser Reise brauchten wir ja kaum Taschengeld, aber bei privater Reise sind Zlotys wichtig. So habe ich einiges notiert, auch wo es Pewex-Läden (Intershop) gibt, Buchläden mit Kartenmaterial, und vor allem Hotels, die man vor der Reise buchen muss.

Die nächste Reise begann für uns schon auf der Rückfahrt – aber das ist eine andere Geschichte. Vor allen Dingen wollte ich einen Polnisch-Kurs machen, denn sonst hätte ich kein Straßenschild lesen können.