© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Das dunkelgrüne Samtkleid

Es war wohl Muttis 40. Geburtstag (1956), der gefeiert werden sollte. Was zieh‘ ich nur an? fragte Mutti und unser Vater ließ sich überreden, ihr ein neues Kleid zu kaufen. Mutti freute sich sehr, denn allzu oft kam das nicht vor. Ein dunkelgrünes Samtkleid gefiel ihr besonders gut. Der Stoff war wunderbar weich, die Farbe stand ihr gut, es passte und in dem kleinen Ausschnitt kam ihr Goldkettchen schön zur Geltung. Bei ihrer Geburtstagsfeier fühlte Mutti sich wie eine kleine Königin.

Ein Jahr später zogen wir nach Lemgo, da unser Vater dort eine Druckerei kaufte. Mutti wurde Frau Druckereibesitzer, das war in dem kleinen Ort wichtig. Als wir uns ein bisschen eingelebt hatten, gab es ein Fest für alle Druckereibesitzer der Umgebung. In Lemgo sind alle deine Kleider neu hatte Papa schon beim Umzug gesagt und so holte sie das dunkelgrüne Samtkleid hervor, es passte noch und freute sich, mal wieder mitfeiern zu dürfen.

Vier Jahre musste das Kleid im Schrank schlummern, dann heiratete ich Werner. Muttis Kleiderfrage wurde sofort gelöst: Du hast doch noch das dunkelgrüne Samtkleid meinte Papa. Die Mode war inzwischen kürzer geworden, also bekam das Kleid einen breiten Saum. So feierte das Kleid nicht nur meine Hochzeit sondern vier Jahre später auch die Hochzeit meines Bruders Günther mit Christel. Wir wohnten inzwischen wieder in Hamburg und es konnte sich keiner mehr an das Kleid erinnern. Es verschwand im Kleiderschrank im Keller, denn zum Wegwerfen war es noch viel zu schön.
Als Papa starb, hat Mutti sicherlich gedacht, es gäbe nun keine Feste mehr. Mutti arbeitete in einem Modegeschäft und sah täglich neue Kleider. Als Harro seine Margit heiratete, kaufte sie sich ein Kleid aus Leinen und hellgrün.

Ab und zu hörten wir von Mutti: Das grüne Samtkleid soll Katja haben, wenn ich mal nicht mehr lebe. Nachdem Mutti uns für immer verlassen hatte, haben wir das Kleid gesucht und im Keller-Kleiderschrank gefunden. Es roch etwas muffig, war aber noch heil. Ich ließ es reinigen, ohne zu wissen warum.
Frisch gereinigt probierte ich es an. Etwas zu kurz war es, aber es passte. Toll, denn ich war 60, Mutti hatte es zum 40. Geburtstag bekommen. Ausgehen wollte ich allerdings nicht in dem Kleid, es war ein bisschen aus der Mode, aber ich hängte es ganz hinten in den Schrank.

Ein paar Wochen später kam meine Tochter Monika (jetzt 40 Jahre) und erzählte: Wir feiern einen 40. Geburtstag und sollen alle in einem ca. 40 Jahre alten Kleid kommen. Hast Du noch irgendetwas aus der Zeit im Schrank? Mir fiel sofort das dunkelgrüne Samtkleid ein und die passende Handtasche fanden wir auch. Monika machte Generalprobe, das Kleid passte wie für sie genäht.

Bei der Feier war Monika Star des Abends. Alle wollten wissen, woher sie das traumhafte Kleid hatte und sie sagte stolz: Tja, das ist von meiner Oma.
Das Kleid war überglücklich, endlich durfte es aus Keller- und Kleiderschrankmief raus, wurde bewundert und durfte eine ganze Nacht lang tanzen. Es hoffte, dass sich so etwas noch oft wiederholt.

Bald feiert das Kleid seinen 60. Geburtstag, zum Wegwerfen ist es immer noch zu schön. Wer weiß, vielleicht freut sich eine Urenkelin mal darüber – die Zeit vergeht ja so schnell.