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Auf den Wogen des Lebens
Kapitel 5
Das Leben im Krieg

Und dann begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg! Viele junge Männer mussten einrücken und wir hörten bald Nacht für Nacht die hoch über uns hinweg fliegenden feindlichen Flugzeuge. Ich kam auf die Frauenoberschule nach Rheine, auf die Emslandschule. Ich hatte das wohl gewünscht, weil ich mit den guten Schülerinnen der Klasse zusammenbleiben wollte: mit Rö, Emmy, Annemie, Helga und Edith. Inzwischen hatte ich auch entdeckt, dass sie alle zu den Besseren im Ort gehörten. Ich wollte auch zu ihnen gehören.

Eine neue Plage begann nun für uns. Wir wurden Fahrschülerinnen und mussten morgens um sechs Uhr am Bahnhof sein. Das war oft mühsam, denn die Nachtruhe wurde immer öfter durch Fliegeralarm unterbrochen. Wir saßen nachts stundenlang bangend im Keller und beteten den Rosenkranz. Wir schliefen dabei oft vor der Entwarnung ein. Auch unser Zug zwischen Gronau und Rheine wurde mehrfach beschossen. Das Leben wurde immer schwieriger. Nun gab es auch Lebensmittelkarten, die Nahrung wurde rationiert. Von den schmalen Essensportionen und den dicken, mehligen, süßen Suppen konnten wir uns nicht ausgewogen ernähren. Ich wurde dabei aber kugelrund und schwerfällig. Ich fraß alles in mich hinein, bis ich eines Tages ein Foto von mir sah. Ich hatte mich darauf selber nicht erkannt. Konsequent begann ich umgehend zu hungern! Keiner merkte, dass ich abmagerte, Entzugserscheinungen bekam und immer weinerlicher wurde. Erst als ich unserer Mama erzählte, dass ich meine Tage, meine Menstruation nicht mehr hätte, wurde sie aktiv.

In der Klinik in Münster erkannte man meine Magersucht sofort. Von nun an passte Mama auf, dass ich genug Nahrung zu mir nahm. Ich wurde kontrolliert, zum Essen gezwungen, ob ich wollte oder nicht. Ich nahm wieder zu. Aber ich blieb dennoch lange Zeit sehr weinerlich. Ein böses Wort, ein schiefer Blick und ich weinte. Unsere Mama nannte diese häufigen, grundlosen Tränen verächtlich Mannspien. Ich verstand damals noch nicht, was sie damit meinte. Und dann kam die Rettung. Ich verliebte mich!

Unsere Klasse hatte einen Tanzkursus zusammen mit den Jungen des Gymnasiums besucht. Ich tanzte gerne, war aber an keinem Jungen des Tanzkursus wirklich interessiert. Ich wollte auch zum Abschlussball keinen Tischherrn. Mit Annemie zusammen saßen wir ohne Herren an einem Seitentisch. Keiner kam und tanzte mit uns. Der Tanzlehrer zischte uns zu: Selber schuld! Und dann ging die Türe auf. Zwei Deutsche, die in Holland wohnten, traten ein, schauten sich um und fragten uns, ob sie an unserem Tisch Platz nehmen dürften. Von nun an tanzten wir jeden Tanz miteinander mit wachsender Begeisterung, bis das Ende des Tanzabends verkündet wurde. Günter Sprössig brachte mich heim und verabredete sich mit mir für eine Radtour am nächsten Tag. Als ich am nächsten Morgen das Klassenzimmer betrat, stimmten die Mitschülerinnen einen Chor an: Wie ein Wunder kam die Liebe über Nacht...

Wochenlang trafen wir uns täglich, bis Günter auf eine NapolaNationalpolitische ErziehungsanstaltSiehe Wikipedia.org [3] kam. Die Anfeindungen für Deutsche in Holland nahmen zu, darum verließen viele Auslandsdeutsche die Niederlande. Bald schon hatte Günter Urlaub und lud mich in eine Konditorei ein. Er trug eine schicke, schwarze Hitlerjungenuniform. Beim Eintritt in den Gastraum blieb er mit erhobener Hand zum Hitlergruß an der Türe stehen! Alle Gäste starrten uns an. Ich hätte in den Boden versinken mögen, so schämte ich mich. Ich kannte viele von den Gästen und wusste, was sie dachten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Die Stimmung war verdorben. Günther spürte meinen Unmut. Da er aber bald zur Wehrmacht, zur Luftwaffe musste, beendete ich das Diskussionsgespräch. Er gab mir beim Abschied dennoch seine neue Anschrift in Oschatz. Dort würde er zum Piloten ausgebildet werden, erzählte er begeistert. Eine Segelfliegerausbildung hatte er schon auf der Napola bekommen.

Heliand

Lichtblicke im Alltag waren auch unsere HeliandstundenDer Heliand-Bundist ein aus der katholischen Jugendbewegung hervorgegangener römisch-katholischer Mädchen- und Frauenverband in Deutschland.Siehe Wikipedia.org [4]. An jedem Sonntagmorgen besuchten wir Angela, die uns um sich scharte, Volkslieder lehrte und uns gute Literatur vorlas. Sie versuchte, uns ein anderes Bild von Hitler und seinem Denken zu zeigen, anders als das, was uns in der Schule und den Gruppenstunden der Hitlerjugend gemalt wurde. Dieses Tun war gefährlich, für sie und für ihre Eltern. Bald trugen wir das Hitlerjugend-Abzeichen auf dem Kragen und das Heliand-Abzeichen unter dem Aufschlag. Wir wurden in der Kapelle der St.-Antonius-Kirche feierlich auf Jesus Christus vereidigt!

Meine Eltern kauften mir keine Hitlerjugend-Uniform. Sie hatten kein Geld dafür. Ich schlich mich aber immer wieder heimlich in das neue HJ-Jugendheim im Stadtpark zum Besuch der Gruppenstunden für Mädchen. Dort bastelten wir einen Wandteppich mit Applikationen von Märchenbildern. Quadrat für Quadrat wurde fertiggestellt und angehäkelt. Der Wandteppich wurde immer schöner und wir vergaßen die Gedanken an Schule, Hitler, KZ und Krieg. Wir handarbeiteten, sangen und erzählten.

Einmal bekam ich dort einen Freifahrschein für den Zug nach Coesfeld geschenkt. Dort war ein Hitlerjugend-Treffen. Ich meldete mich sofort an und erschien am Sonntag - als einzige ohne Uniform - am Bahnhof. Ich fuhr mit und bekam in Coesfeld als erstes eine Jungmädchen-Uniform verpasst. Sie hatte eine grüne Kordel, das hieß: Ich wurde sofort zur Führerin erkoren! Das stärkte meine Freude und hob mein Selbstbewusstsein. Ich wurde sogar in Uniform fotografiert. Das alles verpflichtete mich aber auch zum Mittun. Ich spüre heute noch den erlebten Zwiespalt. Aber ich übernahm eine Gruppe und übte als erstes ein Krippenspiel ein. Beim Kontrollbesuch einer vorgesetzten Führerin wurde mir die Aufführung verboten. Nun bockte ich und führte meine Gruppe nicht weiter.

Die uns gefährdende Bedrohung wuchs nach und nach spürbar. Unser Pfarrer Reukes kam ins Konzentrationslager. Unser Bischof predigte gegen die Vernichtung der Behinderten, der Zigeuner, der Andersdenkenden. Wir besuchten begeistert die zweideutigen Predigten unseres verehrten Herrn Kaplans Bernhard Stratmann. Er griff die Sowjetunion an und ließ dabei die Parallelen zu den Parolen und Handlungen der Nazis, der NSDAP erkennen. Auch sie duldeten keine Kreuze in den Schulen, strichen den christlichen Religionsunterricht, sperrten Andersdenkende ein, ließen Menschen verschwinden.

Eine größere Gruppe Jugendlicher, so auch unsere Gertrud, radelte bald sonntagmorgens 56 Kilometer nach Münster, um die Predigten unseres Bischofs Graf von GahlenClemens August Kardinal Graf von Galen war ein deutscher Bischof und Kardinal. Er wurde durch sein öffentliches Auftreten gegen die Tötung so genannten lebensunwerten Lebens während des Dritten Reichs bekannt.Siehe Wikipedia.org [5] mitzustenografieren. Zu Hause wurden sie dann mit Zweifingersuchsystem auf der Schreibmaschine von uns Mädchen getippt. Wir verschickten sie an all unsere Lieben in Stadt und Feld. Eines Tages kamen auch zu mir die Feldpostbriefe zurück mit der deutlich aufgedruckten Ersten Verwarnung wegen Wehrkraftzersetzung. Ich schickte keine Briefe mehr. Es wurde zu gefährlich für uns.

Inzwischen hatte sich unsere Heliandgruppe um einige Jungen erweitert. Sie wurden aber fast alle bald eingezogen. Wolfram und Gustav kamen leider nie wieder zu uns zurück. Sie sind im Krieg gefallen. Ich hörte noch lange in mir Wolframs Abschiedsworte nachklingen: Regina, bleib dir selber treu und vergiss mich nie!. Immer neue Todesmeldungen erreichten uns. Wir weinten und beteten täglich nach der Heiligen Messe mit dem Priester zusammen für Führer, Volk und Vaterland. Keiner protestierte!

Herr Kaplan Stratmann

Aber vorher war noch etwas erschreckendes passiert. Unser geliebter Herr Kaplan Stratmann wurde abgeholt, im Keller des Rathauses eingesperrt und verhört. Als wir erfuhren, dass er nach Münster ins Gefängnis und dann ins Konzentrationslager kommen sollte, beratschlagten wir, was wir tun könnten. Wir beschlossen, ihm die Heilige Kommunion zu bringen und auch einen Sack voller selbstgebackener Plätzchen. Ulrich und Wolfram bekamen eine konsekrierteKonsekration (von lateinisch consecrare ‚weihen, heiligen') ist in der römischen Antike wie im Christentum die Übertragung einer Person oder Sache in den sakralen Bereich. [6] Hostie vom Herrn Vikar in einer BursaEine Bursa oder Burse ist ein Parament in Form einer kleinen Tasche, die in der Liturgie der katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche verwendet wird. In ihr wird das Korporale aufbewahrt. [7] überreicht und sie erklommen damit die Rathausmauer vor der Alten Mühle. Wir Mädchen standen Schmiere an den Straßenecken. Die Aktion klappte reibungslos. Aber am nächsten Tag war unser Kaplan verschwunden. Wieder wurden wir aktiv. Wir starteten eine Fotoaktion. Bernd Mirbach, mein Vetter aus Berlin, machte 200 und mehr Kopien von Fotos unseres geliebten Kaplans. Wir Mädchen verteilten sie am Sonntag nach der Heiligen Messe an die Kirchenbesucher mit der Bitte, für ihn zu beten und ihn nicht zu vergessen. Zu unserem Erstaunen kam er wirklich einige Zeit später zu uns zurück.

Der Krieg wütete in Frankreich und in Russland. Immer mehr Freunde und Vettern wurden eingezogen und immer mehr fanden einen grausamen Tod. Sie waren fast alle noch so jung, viele von ihnen noch keine 20 Jahre alt! Auch unser Papa bekam einen Stellungsbefehl. Er wurde eingezogen und kam nach Frankreich. Er sorgte weiter für seine Familie und schickte Lebensmittelpakete. Eines Tages kam ein großes, aber leichtes Paket speziell für seine fünf Töchter bei uns an. Gespannt öffneten wir es und unsere Mutter nahm Stück für Stück wunderschöne, mit Spitzen verzierte, rosa und hellblaue Unterwäsche heraus und legte alles wieder sorgsam in den Karton zurück! An der Post bekam das Paket den Stempel Annahme verweigert. Unsere Mutter hatte sich für die Verweigerung entschieden, weil sie es für unmoralisch, für unverantwortlich hielt, wenn ihre Töchter so verführerische Unterwäsche tragen würden. Papa war für längere Zeit gekränkt und enttäuscht. Seine Töchter trugen nun weiterhin die selbstgenähten oder -gestrickten Erotiktöter, zum eigenen Schutz, sagte unsere Mama.

Der Alltag wurde immer bescheidener. Unser Onkel Heinrich hatte kurz vor dem Krieg von der verstorbenen Oma als Ältester das Haus mit Gaststube geerbt. Die notwendigen Einnahmen durch die Gastwirtschaft hatten das seltene Einkommen unseres Papas als Architekt lange ergänzt. Und nun hatten wir keine Wirtschaft mehr, kein zusätzliches Einkommen. Papa ließ aber aus dem Feld Familienunterhalt überweisen.

Wir bewohnten danach eine ziemlich große Wohnung, in der ich mit unserer Gertrud bis zu ihrer Heirat ein Zimmer teilte. Wir wohnten die Bauschulden der Hauseigentümer ab. Das Haus war weit vom Stadtzentrum entfernt und deswegen nicht so gefährdet, von Bomben getroffen zu werden.

[3] Nationalpolitische Erziehungsanstalt, Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpolitische_Erziehungsanstalt
[4] Der Heliand-Bund (auch: Heliand-Mädchenkreis) ist ein aus der katholischen Jugendbewegung hervorgegangener römisch-katholischer Mädchen- und Frauenverband in Deutschland.
[5] Clemens August Kardinal Graf von Galen (* 16. März 1878 in Dinklage, Oldenburger Münsterland; † 22. März 1946 in Münster, Westfalen; vollständiger Name Clemens Augustinus Joseph Emmanuel Pius Antonius Hubertus Marie Graf von Galen) war ein deutscher Bischof und Kardinal. Er war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster. Bekannt wurde er unter anderem durch sein öffentliches Auftreten gegen die Tötung so genannten lebensunwerten Lebens während des Dritten Reichs.
[6] Konsekration (von lateinisch consecrare ‚weihen, heiligen') ist in der römischen Antike wie im Christentum die Übertragung einer Person oder Sache in den sakralen Bereich.
[7] Eine Bursa oder Burse ist ein Parament in Form einer kleinen Tasche, die in der Liturgie der katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche verwendet wird. In ihr wird das Korporale aufbewahrt.