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Auf den Wogen des Lebens
Kapitel 13
Ruhestand - die Welt ruft

Als Helmut seine Praxis nach 25 Jahren emsiger Tätigkeit 1991 aufgab, verkaufte er sie an einen Kollegen, der über Ungarn aus der DDR geflohen war.

1992 meldete sich Helmut bei Father B. in Frankfurt. Dieser hatte 1982 eine Hilfsorganisation gegründet, die German Doctors for Undeveloped Countries, Deutsche Ärzte für unterentwickelte Länder. Bei dieser Organisation wurden Ärzte gesucht, die bereit waren, jeweils sechs Wochen lang in ständigen Notstandsgebieten ohne Bezahlung zu arbeiten. Father B. ließ seltener aktuelle Katastrophengebiete betreuen. Der Name dieser Organisation mit dem Zusatz für unterentwickelte Länder hat mich immer gestört. Es wäre wohl besser gewesen, eine Bezeichnung wie German Doctors Worldwide oder Deutsche Ärzte helfen und heilen oder Deutsche Ärzte helfen überall zu wählen.

Regina und Helmut 1994
Regina und Helmut im Ruhestand

Bald wurden von Father B. in vielen Notstands- und Hungergebieten Ambulanzen gegründet. In diesen Slums können auch heute noch arme Menschen ohne Bezahlung ärztliche Hilfe finden. Alles wird mit Spendengeldern aus Deutschland finanziert. Unglaublich viele Ärzte aller Altersstufen meldeten sich für sechswöchige unentgeltliche Einsätze. Helmut machte neun Einsätze, und zwar in Mindanao, Kalkutta und Manila. Manchmal arbeitete er auch länger als sechs Wochen an diesen Orten. Meistens ging ich mit ihm.

Dabei lernte er viele junge Mädchen kennen, die gerne für ein Jahr nach Deutschland kommen wollten. So bekamen wir fünf Gasttöchter, die jeweils für ein Jahr bei uns blieben und mir im Haushalt halfen. Wir nahmen sie immer mit auf unsere Campingreisen und zeigten ihnen Europa. Mit Annabelle reisten wir sogar nach Rom und nach Indien.

Mit Alma machten wir eine Rundreise durch Thailand. In Thailand hatten wir einen Wagen mit Fahrer für den nächsten Tag bestellt und bezahlt. Als wir am Morgen zum Auto kamen, standen zwei Männer da. Wir fragten, wieso zwei Männer gekommen seien? Der Fahrer erklärte, dass er nicht lesen könne und darum die Verkehrszeichen und Ortsangaben nicht entziffern könne! So fuhren uns zwei Männer, die ihr Land und seine unglaublich vielen Sehenswürdigkeiten nicht kannten. Wie gut, dass wir den Reiseführer von Jens Peters mitgenommen hatten.

Alma, unsere erste Haustochter, hatten wir von einem evangelischen Pfarrer geerbt. Sie war mit einem arabischen Ehepaar als Haushaltshilfe nach Deutschland eingereist. Nach einer Weile wollte sie nicht mehr in dieser Familie bleiben. Alma floh mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung und schellte beim evangelischen Pfarrer. Sie bat ihn um Aufnahme. Er nahm sie einige Tage lang auf und kam dann mit ihr zu uns. Er wollte, dass Helmut das Mädchen bei seinem nächsten Einsatz wieder mit auf die Philippinen nehmen sollte. Wir setzten uns nun mit dem Ausländeramt in Verbindung und nahmen Kontakt zu ihren Arbeitgebern auf. Die sagten: Behaltet sie ruhig. Sie werden sie auch noch kennenlernen. – Alma half mir acht Monate lang und wollte nun in ihrer Heimat Buchhaltung studieren. Helmut richtete ein Konto in ihrem Heimatort auf Mindanao für sie ein und ließ sich die Zwischenzeugnisse ihres Colleges in Fotokopie schicken. Sie bat um immer mehr Geld für das immer kostspieliger werdende Studium. Helmut traute ihren Angaben irgendwann nicht mehr und flog nach Zamboanga auf Mindanao.

Das für das Studium eingerichtete Konto war leer, das Zimmer für sie noch nicht angebaut und sie selber hatte eine neue Identität.