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Vedders Konzerthaus

Fast biedermeierlich war die Welt in brandenburgischen Kleinstädten noch während meiner Kindheit in den 30er/40er Jahren, besonders in der alten Neumark, dem heutigen polnischen Lubuskie - Lebuser Land. Immer wieder zieht es mich dort hin nach Skwierzyna (Schwerin/Warthe), meiner Heimatstadt, obwohl diese Gegend heute mehr den Charakter ihrer zum Teil aus Weißrussland stammenden oder umgesiedelten polnischen Bevölkerung angenommen hat.

Bekanntlich wird der Mensch durch seine Kindheit geprägt, und somit gehören gerade im Alter Kindheitserinnerungen zu seinem größten Schatz, welchen er mit alten Freunden beim Rotspon in heimeliger Atmosphäre immer wieder gern zitiert.

Zur Tradition in diesem liebenswerten Nest an der polnischen Grenze gehörte es damals, dass sich sonntags gewisse Familien mit Kind und Kegel zum Nachmittags-Klönschnack in Vedders Kaffeegarten trafen, einem willkommenen Paradies zum Austoben für uns Kinder, zumal zu meinen besten Freunden der Enkel von Vedder gehörte, und das Konzerthaus Vedder mit Park für uns die große Welt darstellte. Die Langeweile bei dem sonntäglichen Kaffeeklatsch unserer Eltern schätzten wir ganz und gar nicht. Wenn wir Mädchen und Jungs uns die Bäuche mit Kuchen voll geschlagen hatten, begann die Toberei. Wir jagten durchs Gelände, spielten Versteck und Kriegen, schauten bei den Nachbarn, die auch beim Kaffeeklatsch saßen, über die Mauer und machten dumme Bemerkungen, duckten uns und erfreuten uns an deren Schimpfkanonaden. Danach gingen wir in unserer Ausgelassenheit zu den Tischen, auf welchen fast leere Biergläser standen und tranken die so genannten Neige (wahrscheinlich von Neigen, also Rückständen) aus, bis uns unsere Väter an den Tisch zurückholten, wo wir durch den Genuss der Bierreste einschliefen. Seitdem wurden die Tische gleich nach Verlassen der Gäste abgeräumt. Auf diesem Gelände stand eine altersschwache Sommerbühne, mit knarrenden Dielen. Hier tobten wir Jungens herum, das war unsere Burg. Bei einem Verteidigungskampf hatte ich mir eine Risswunde am linken Finger zugezogen, sechs Freunde begleiteten mich ohne Wissen unserer Eltern zu Dr. Storch am Markt. Der fand es wiederum so toll, als wir 7 Jungs im Sprechzimmer standen, und er zelebrierte diese Wundbehandlung! Die Narbe habe ich heute noch, und ich hatte solch einen dicken Verband bekommen, dass ich meinen linken Zeigefinger eine Woche lang nicht bewegen konnte! Mutter war außer sich vor Schreck, und Martha rannte wie von einer Tarantel gestochen den Krankenschein holen. Als ich diesen dann zur Praxis brachte, bekam ich noch eine Spritze verpasst. Zur Schule aber musste ich trotzdem gehen, denn ich schrieb ja mit rechts.

Schlimmer war einer unserer anderen Streiche. Jeder unserer Freunde, dessen Großvater einen Garten hatte, musste ein Tabakblatt mitbringen, und zwar ein bei dem Trockenvorgang wegen seiner schlechten Qualität aussortiertes. Wir anderen mussten eine Stück dicker Paketschnur mitbringen. Die war damals aus Papier mehrmals gedreht! Zwirbelte man nun diese wieder auf, ergab sich das ideale Zigarettenpapier. Da diese Schnur ohne Bezugsmarken verkauft wurde, hatte sich auch meine Tante daran 'dumm und dösig' verdient, sagte sie jedenfalls. Ich hatte die beste Qualität.

Unser Tuskulum, eine alte Holzkegelbahn, teilten wir uns zur Hälfte mit einer Gänseherde. Der aggressive Ganter war uns wohlgesonnen. Hier konnten wir uns einschließen und die Passanten beobachten, die durch Vedders Kaffeegarten zum Krankenhaus oder Friedhof gingen. Die Astlöcher gaben uns Gelegenheit dazu. Der Ganter hatte eine Schwäche für schwarze Strümpfe und Hutfedern bei den Damen. Die Herde genoss die Gräser der großen Wiese, der Ganter, eine Respektsperson bei unseren Müttern, lag in Angriffstellung am nahegelegenen Denkmal des Sportvereins. Somit waren wir auch vor unseren Müttern sicher, welche den Stein weiträumig umgingen. Da Gänse keine getrockneten Tabakblätter und Papierbänder mochten, war hier unser Schatz gut aufgehoben. Eines Tages fand eine große Beerdigung statt. Zwei elegante, schwarz gekleidete Damen eilten über das Gelände. Zischend gleich einer Viper stürzte der Ganter auf die kleinere der Frauen, die Größere schrie, der Ganter versuchte, mit ausgebreiteten Flügeln und verkrampften Flugbewegungen die Feder auf dem Hut der kleinen zu bekommen, ein tellerartiges Gebilde in Schwarz, schief auf dem Kopf sitzend mit einem turmartigen Aufbau, dessen Zierde in der Mitte eine große schwarze Gänsefeder war. Der Ganter gab nach zwei Runden auf. Die Damen setzten laufend ihren Weg fort. Wir lachten bis mein Freund sagte: Mensch, das waren ja unsere Mütter! Hierauf wurden die Tabakblätter klein gerupft, das Papiergarn geglättet und in Zigarettenlänge geschnitten, Tabak hineingetan, und wir vier Zehnjährigen versuchten, unsere ersten Zigaretten zu rauchen. Die Reaktion war furchtbar. Wir kamen uns vor wie auf dem Kettenkarussell, das vor dem alten Schützenhaus stand! Der Magen drehte sich und pries uns seinen Inhalt, wir konnten gerade noch die Tabakreste vergraben. Blass und schwankend kamen wir nach Hause. Meine Mutter stand in ihrem schwarzen Habitus hinter der Tür. Sie nahm mich bei der Hand und zog mit mir durch die halbe Stadt zu Dr. Fredrich in die Kaiserstraße. Der bekam einen Schreck, in seinem Wartezimmer saßen vier schwarz gekleidete, laut gestikulierende Frauen, mit ihren schwankenden Bengels. Wir schwiegen auch noch, als wir zusammen in das Behandlungszimmer geführt wurden. Dann schickte er die Frauen zurück ins Wartezimmer. Dr. Fredrich war mit unseren im Krieg eingezogenen Vätern eng befreundet. Er redete ruhig auf uns ein und meinte dann, 'Freunde erzählen sich alles'. Wir beichteten. Sein Kommentar: Jetzt bekommt Ihr Eure Medizin, tapfere Männer aber müssen auch schweigen! Vier Backpfeifen knallten durch den Raum! Er sagte: …das tue ich im Namen Eurer Väter! Die Mütter kamen, Bettruhe und Abführmittel wurden verschrieben.

Weihnachten 1944 verlebten Vedders Enkel und ich noch tolle Stunden, dann kam die Verabschiedung, denn jeder ahnte, dass wir bald unsere Heimat verlassen müssten. Vedders Tochter, die Mutter meines Freundes, drückte mich noch einmal fest an sich, und mein Freund stand lange am Fenster und winkte. Er verließ mit seiner Mutter am 27. Dezember 1944 die Stadt in Richtung Berlin. Unsere traumatische Reise begann einen Monat später, am 27. Januar 1945.

Meiner Mutter habe ich nie von meiner ersten Zigarette erzählt. Vedders Enkel, dessen Vornamen ich vergessen habe, habe ich nie wiedergesehen. Doch immer, wenn ich an Weihnachten mit meinen neuen Freunden meinen Rotsporn trinke, kann ich es nicht lassen, über Vedders Kaffeegarten und meiner ersten Zigarette zu sprechen.