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Flucht 1945
Erinnerung an Schwerin/Warthe, Januar 1945

Norderstedt am 25. Juni 2008.

Ruhe steigt vom Willi-Brandt-Park auf. Mir fällt das Abendlied von Matthias Claudius ein:

Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmerung Hülle
So traulich und so hold
Gleich einer stillen Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt…

Kann man wirklich die schönsten und auch die traurigsten Stunden seines Lebens vergessen?

Jubel von den Balkonen: Drei zu zwei für Deutschland ruft man sich zu, Böller und Feuerwerkskörper in der Luft! Verdrängte Erinnerungen an unsere Flucht 1945 werden wach.

Rückblende, Januar 1945

In der Ferne das dumpfe Geräusch der näher kommenden Front. Dann die Freude, die Feinde sind zurückgeschlagen.

Am Vormittag wurden wir aus der Schule nach Haus geschickt. Der Rektor sprach von Wunderwaffen, von dem Endsieg. Wir singen das Deutschlandlied. Ende - schulfrei! Es sollte ein Nimmerwiedersehen mit den Klassenkameraden werden, aber noch nicht von der Schule.
Tage später. Ich wache auf, mein Zimmer habe ich vor einem Jahr einer Lehrerin zur Verfügung stellen müssen. Es bullert im Ofen, Martha hat gerade Holzscheite aufgelegt. Mutter klappert mit dem Frühstücksgeschirr. Sonnenschein, draußen ist alles verschneit. Im Herrenzimmer dicke Eisblumen an den Fenstern. Mein warmer Hauch lässt die Blumen schmelzen. Die Häuser stehen zusammengedrängt mit ihren weißen Dächern um das Rathaus, wie eine Schafherde um ihren Hirten.

Was ist das? Dicht gedrängt stehen Pferdewagen auf dem Markt, dazwischen einige Hanomag-Limousinen und graue Lastautos mit Holzgaskesseln. Die Pferde werden ausgespannt und in die Pferdeställe der Ausspann-Gasthöfe gebracht. Krankenschwestern eilen zu den Wagen. Frauen laufen mit ihren Kindern in die Praxis zu Dr. Storch. Panzerspähwagen in Richtung Posen bleiben in diesem Gewühl stecken. Ich eile nach dem Frühstück nach unten.
Auf den Kasten-Wagen liegen auf Strohdiemen zwischen Koffern und Lebensmitteln alte Menschen. Kleine Kinder werden von ihren Müttern gefüttert. Damen und Herren in Pelzen stehen vor ihren Limousinen und beschweren sich bei Funktionären, dass ihre Autos eingekeilt wurden. Ohne Erfolg. Ein Alte schlurft in Pantinen vorbei und murmelt vor sich hin: Wartheklauer.

50 Jahre später wurde ich aufgeklärt, dass die freiwilligen Aufsichtsbeamten für den Warthegau, die dort von 1939 bis 1945 wie die Made im Speck lebten, Wartheklauer genannt wurden. Während meines Studiums erfuhr ich, dies soll ein Mitgrund für die Zwangsaussiedlung der Deutschen aus den preußischen Stammlanden gewesen sein. Könnte sein.

In Mutter Jaekelns Ausspanne eilt der Tierarzt hin und her, Stroh wird gestreut, die Pferde werden gefüttert. Mutter ruft mich. Sie steht vor mir in einer von Vaters zu engen Hosen, die Säume eingerollt in ihren Stiefeln, bekleidet mit dickem Pullover und Persianerjacke. Die Entwarnungsfrisur wirkt zum Piepen, sie versucht krampfhaft, einen Schal um ihre Haare zu einem Turban zu schlingen. Dann werde ich warm angezogen. Gepackte Koffer und die eingenähten Gästebetten, ein Werk von Martha und Mutter, stehen im Esszimmer.

Mutter und ich eilen zur Schule. In den Klassenzimmern sind Strohquartiere aufgeschüttet Mir werden vier Klassen zugewiesen. Jetzt kommen sie, man nennt sie Flüchtlinge. Sie sprechen einen breiten Dialekt, weinen und lachen, ich weise sie in ihre Strohquadrate ein, verteile Decken und warme Milch an Altersgenossen. Fremde Leute umarmen mich, ich höre zum ersten Mal deutlich: äin lieber Lorbas! Die Waschküche ist Mutters Reich, Schweriner Bürgerfrauen in der gleichen Maskerade wie Mutter kochen, verteilen warme Kleidung.

Feierabend. Mutter und die anderen Damen bleiben noch. Ich höre, auf dem Pferdemarkt am Scheunenviertel, da ist was los! Als ich am nächsten Tag über den Pferdemarkt voller Trecks wandere, werden vom Volkssturm auf Anweisung des Gendarmen einige Pferde mit gebrochenen Beinen erschossen. Die Besitzer weinen, sie schreien nach neuen Pferden, ohne Erfolg. Ihr Habe wird auf ein Wehrmachtsauto geladen, sie sollen auf Schleichwegen in Richtung Oder gefahren werden. Der Wagen und die Pferdekadaver bleiben liegen.

Am nächsten Tag steht Ulli, mein bester Freund, vor der Tür. Verabschiedung. Es war so, als ob wir wussten, dass nun die schönste Zeit unseres Lebens vorbei war, dass wir ab jetzt in einer anderen Welt leben werden. Wenn der Feind käme, sollte der Treck auf dem Hof seiner Großmutter in Schweinert zusammengestellt werden.

Mitte Januar, abends.

Der Markt hatte sich geleert. Einige Wagen wurden noch abgefertigt. Mutter schickt mich zu Bäcker Leutke. Im Vorraum sitzt eine junge Frau zusammengekauert, sie starrt ins Leere. Im Halbdunkel sehe ich, dass ihre Kleidung geöffnet ist, sie haucht zeitweilig ein kleines Baby an, sie versucht, ihm die Brust zu geben, aber es rührt sich nicht, dann sackt sie in sich zusammen. Sie will ihr Kind wärmen. Fräulein Leutke streichelt meinen Kopf. Ich habe den ersten Toten in meinem Leben gesehen, ein kleines Menschenkind. Mutter und Kind kamen in das Klinikum Obrawalde, so erzählte man später.

27. Januar 1945.

Man spricht von Räumung. Mutter eilt mit mir zur Volkswohlfahrt. Großmutter bleibt in der Obhut von Martha. Die Leiterin sitzt an ihrem Schreibtisch, hinter ihr sechs Holzkisten. Auf die Frage nach Räumung die übliche Antwort. Kein Grund zur Beunruhigung. Danach Kaffee und Kekse. Austauschdialog über soziale Probleme der Kriegerwitwen und Ausgebombten, die Mutter betreut hatte. Beim Verabschieden greift die Leiterin zum Telefon. Sie avisiert Oma, Mutter und mich an das Caritashaus, bittet uns aber zu schweigen. Heute Abend kommen Busse und holen die Bewohner des Caritashauses ab. Finden Sie sich mit Ihrer Familie und Fluchtgepäck dort ein.

Wir eilen nach Hause, das so genannte Fluchtgepäck wird bereitgestellt. Wir essen noch einmal elegant, danach wird geruht. Dann der übliche Nachmittagstee. Mein Schlitten wird voll gepackt. Im Dunkeln verlassen wir den Markt.

Aufregung im Caritashaus. Die Busse kommen nicht durch. Der Feind soll auf dem Weg nach Schwerin sein. Auf dem Bahnhof steht ein Zug unter Dampf, der auf die Leute vom Caritashaus wartet. Wegen der Gefahr eines feindlichen Beschusses sollten wir nachts fahren.
Wir müssen uns von einem Teil unseres Gepäcks trennen. Mutter und ich eilen nach Hause. Wir schmeißen die eingenähten Betten in die Wohnung.

Der Markt liegt im Dunkeln, an den Ecken stehen Panzer, die Poststraße wirkt wie ausgestorben. Geschützdonner in der Ferne. Im Caritashaus werden wir schon erwartet, die Schwestern verabschieden uns mit Gottes Segen. Sie wurden, wie ich später erfuhr, nach der Eroberung alle erschossen. Eine Prozession von Menschen mit Koffern beladen setzt sich zum Bahnhof in Bewegung. Ich helfe einer alten Dame. Von ferne Kanonendonner. Leuchtraketen am Himmel. Eine Krankenschwester löst mich ab. Mutter ist in Angst um mich, sie will auf dem Bahnhof Fahrkarten kaufen, Soldaten nehmen unser Gepäck und führen uns zum Zug. Wir landen in einem alten vierter Klasse Abteil mit viel Platz und eigener Toilette. Mutter trifft Bekannte. Die Frauen beschließen zusammen zu bleiben. Ich bekam ungewollt eine Cousine und Rosi einen Cousin! Die Freundschaft hält zwischen uns bis heute. Jeder findet einen Platz. Unruhe. Die Tür wird aufgerissen. Zwei Männer tragen sechs Holzkisten hinein, danach erscheint, die Leiterin, sie ist nervös und ruft, …wir müssen fahren, sonst werden die Warthebrücken in Landsberg und Oderbrücken in Küstrin gesprengt! Keiner antwortet. Der Zug setzt sich in Bewegung, der Waggon ist ungeheizt. Als wir den Schweriner Forst verlassen, sieht das Warthebruch mit seinen flachen, verschneiten Wiesen aus, als wäre es mit einem weißen Leichentuch bedeckt.

Wir verlassen Schwerin an der Warthe am 27. Januar 1945 gegen 22.00 Uhr. Unter Kanonendonner, der sich rhythmisch dem Ratadum-Ratadum-Ratadum der Dampflokomotive zuordnet.

Ich wache zwischen Koffern und Taschen auf. Der Anzug und der neue Mantel, den ich fürs Internat bekommen habe, wärmen mich. Der Zug steht vor Berlin, es erleidet gerade wieder einem Bombenangriff. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Die Leiterin wird hektisch: Ich muss aussteigen! Wir fahren durch den Bahnhof Olympia Stadion. Ich habe noch nie so viele Bahnsteige nebeneinander gesehen! An überfüllten S-Bahnhöfen vorbei, sehe ich zum ersten Mal ausgebrannte Häuserzeilen. An den Außenwänden die weiß gekleidete Reklame-Fee einer Waschpulverfirma. Wir halten, fahren, halten, fahren. Dann halten wir schließlich an einem Bahnhof mitten in Berlin. Unsere Fee, die Leiterin wird von Uniformierten abgeholt, die ihr formvollendet aus dem Zug helfen. Die Stimmung wird lockerer. Der Tag neigt sich dem Ende zu, es wird dunkel. Durst macht sich bei allen bemerkbar, wir fangen an zu frieren.

Wittenberge

Unser Zug steht seit einigen Stunden an einem Nebenbahnsteig. Auch der 28. Januar neigt sich dem Ende. Ich kenne meine Mutter nicht wieder! Sie wird mutig. Mutter zieht mich mit sich, gefolgt von anderen Damen und lässt sich bei dem Leitenden melden. Freundlicher Empfang, ein langes Gespräch, Telefone rasseln. Es wird sofort warme Milch und Brot verteilt. Der Zug wird geräumt.

Die Nacht ist sternklar, wir werden auf Holzgas-LKWs verteilt, die uns in verschiedene Dörfer in der Westprignitz bringen. Ein Teil unserer kleinen Wagenkolonne landet in einem Dorf mit dem Namen Boberow. Wir sitzen im Tanzsaal des Gasthauses Makel, das Essen ist ohne Makel! Die Verteilung beginnt. Jetzt auf einen Pferdewagen! Wir schreiben bereits den 29. Januar. Mit Galopp geht's bei starker Kälte und aufkommendem Morgenrot in einen Flecken von 10 Bauernhöfen. Die neue Zukunft hat begonnen.

Die Bauern sind reizend, sie lassen uns schlafen. Unser Paradies, ein Zimmer mit drei Betten, Tisch und Stuhl ist nicht größer als das Mädchenzimmer im Hause meiner Tante in Driesen. Der Schrank steht auf dem Boden neben der Räucherkammer. Für mich beginnt eine neue Welt, eine Welt, aus der ich nicht mehr entlassen wurde.

Hamburg in den Achtzigern. Silvester.

Elegante Kleidung, große Pause um Mitternacht. Knallkörper und Böllerschüsse begrüßen das neue Jahr. Ich ziehe mich verängstigt in eine Ecke zurück, die Prinzipalin des Privattheaters entdeckt mich: Na Freund Rudolf, so ängstlich? Warum bist Du nicht bei den Gästen? Ihre Stimme ist wie immer tief, warm und herzlich. Ich erkläre ihr mein Problem. Sie streichelt meine Hand. Nach der Vorstellung plaudern wir einige Minuten. Sie, die große Brechtdarstellerin - und ich - welch eine Ehre! Zu Haus schreibe ich unsere Gesprächsgedanken nieder.

Gleich Brechts Mutter Courage haben unsere Eltern durch den Krieg alles eingebüßt. Ihre Heimat, ihre Identität, ihr Vermögen, ihre Häuser, ihr Auskommen und manche sogar ihre Kinder.
Und wie bei Brecht wurde Schlechtes noch schlechter. Böses noch böser, Auswegloses unendlich. Gefräßig fraß der Krieg seine Kinder. Doch dein Kriegsschicksal, oh Mensch, schreit Dir entgegen: ES BRAUCHTE NICHT ZU SEIN!