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Träumerei im grünen Gras zwischen Schafen

War es Sehnsucht oder Neugierde, die mich jetzt nach 50 Jahren in das nicht gerade geliebte Marschdorf, in dem ich ungewollt einen Teil meiner Jugend verleben musste, zu einem Kurzbesuch trieb?

Als der Bus über die Drehbrücke fuhr, war ich so aufgeregt, ich konnte das Wiedersehen kaum erwarten. Wie früher war die Pinnau weggelaufen und präsentierte sich mir in ihrem Ebbe-Schlacker-Matschlü-Bett. In diesem Modder hatten wir als Kinder bei Ebbe an der Elbe immer gespielt und Wollhandkrabben gesucht. Rutschte dann einer von uns mal in diese Pampe, sah er aus wie einer von den Schietenkleiern, welche die Gräben in der Marsch gereinigt haben, was man Utklein nannte. Heute werden die Weddern mit Maschinen gesäubert. Doch die meisten Gräben wurden zugeschüttet, weshalb sich Meister Adebar rar gemacht hat.

Aber die alten Reetdachhäuser stehen noch hinter dem Deich, und auch das Haus von Tante Becka, vor dem gerade der Magnolienstrauch blüht. Sie ruhe selig auf dem Marschfriedhof! In diesem Haus mit der gemütlichen Wohnstube tagte jedem Mittwoch der Häkelbüdel-Klub, einige vom Dorf bezeichneten diesen als das Blutgericht. Die Häkelbüdel-Tanten hatten mittwochs nicht nur jeden, den sie kannten zwischen ihren Zähnen, sondern auch den herrlichen Butterkuchen, für den die Bäckerei dieses Marschdorfs heute noch bekannt ist.

Neugierig schaue ich über den Deich. Aber was ist das? Es ist, als hätte ich einen zwischen die Klüsen (Augen) bekommen. Auf der anderen Seite der Elbe waren früher zwischen grünen Wiesen die Kirchtürme von Stade als höchste Punkte zu sehen. Jetzt befinden sich am Stader Sand große Fabriken mit hohen Schornsteinen, die dunklen Qualm ausstoßen, der bei bestimmten Windströmungen einen süß-sauren Geruch verbreitet. Dennoch lädt das grüne Gras auf dem Deich zum Träumen aus vergangenen Zeiten ein.

Ja, war da nicht der eine Großbauer Hinnak, so nenn ich ihn, mit seiner Schweinzucht? Er war Vorsitzender vom Schweinezucht-Verein, und er hatte den diesjährigen Schweineball in einem der alten Marschgasthöfe auszurichten. Ein Gasthof unter einem großen Reetdach mit einer gemütlichen Gaststube, in welcher wir nach dem Konfirmanden-unterricht unsere Schularbeiten machten, wenn wir auf den Holzgas-Bus warteten, der uns in unsere Heimatflecken brachte. Dieses ziemlich hochgebaute Gefährt von Autobus mit Holzvergaser und riesiger Kühlerhaube wurde von der Bevölkerung liebevoll Adele genannt.

Gerade neben Kirche und Friedhof war die Hengst-Deckstation, die wiederum von dem  Gaststättenbesitzer betrieben wurde, und so lernten wir nicht nur die biblischen Exerzitien durch unseren alten lieben, ach so weisen Pastoren aus Hinterpommern kennen, der immer mit dem Fahrrad zu den Bauern zum Hamstern fuhr - nein, wir erfuhren auch etwas über das Liebesleben der edlen Tierwelt.

In diesem Gasthof standen Pferde, Kühe und Schafe in liebevoll gepflegten Boxen zu beiden Seiten der großen Diele, in welcher nicht nur das Heu eingefahren wurde. Hier fanden auch die Bälle der Vereine statt.

Der erste Vorsitzende des Schweinzucht-Vereins, also Buer Hinnak, holte sich Rat bei Tante Beka, denn er musste ja nun den Ball ausrichten. Beka sagte, als Erstes musst du den Prinzen vom Schloss einladen. Dann haben wir da eine Flüchlingsfrau, die kann wunderbar Klavier spielen, denn die hat in ihrer Heimat die höhere Töchterschule besucht und erzählte mir etwas von der Aufforderung zum Tanz von Carl Maria von Weber, der ja in Eutin geboren wurde. Danach spielt dann eine Tanzkapelle aus der Kreisstadt zum Tanzen auf. Hilflos fragte Hinnak , …seeg mol Beka, wonem schall ik den Prinzen ansprechen? Dor keem di avers Tante Becka in Bra! Dösbattel seeg se, dat givt die Zwiebellauch, Knoblauch und ook Durchlaucht, dormit kannst die een vun utseuken, aber du sagst am besten ‚Durchlaucht’, dat kommt bei unseren Prinzen an. Deine Frau ist dann die Tischdame von dem Prinzen, und Deine Tochter - aber es kann auch eine andere Deern aus unserem Dorf sein -  die passt dann bei dem Prinzen auf, das heißt auf Hochdeutsch: de Deern bedient seine Durchlaucht beim Essen.

Gesagt – getan. Der Prinz, die Flüchtlingsfrau, die beim Kröger im anderen Dorf wohnte, und der Chef der Kapelle aus dem Cap Polonio aus der Kreisstadt sagten zu.

Der Abend kam heran, die große Diele war zu einem frisch gebohnerten Tanzboden umgewandelt. Die Tische in Weiß-Leinen eingedeckt, und der Vorstandstisch, an dem auch seine Durchlaucht saß, mit Maria Weiß, einer unbemalten Serie einer bekannten Porzellan-Manufaktur eingedeckt.

Dort wo die Treppe zum Heuboden hinauf führte, stand das Piano. Die Krippen von den Ställen beidseitig der großen Diele, konnten mit großen Klapptüren verschlossen werden. Die dahinter in den Ställen stehenden Pferde und Kühe schwiegen, man hörte nur ab und zu das Gerassel der Ketten. Auch die Schafe vergaßen das Blöken.

Am Vorstandstisch vor dem Musikpodium mit dem Piano, saßen seine Durchlaucht, der Vorsitzende mit seiner Frau, die Flüchtlingsfrau mit Mann sowie die anderen Vorstandsmitglieder. Die große Diele sah festlich aus mit all den schnuckelig gekleideten Gästen, den in Weiß-Leinen eingedeckten Tischen und den Girlanden. Nur, es roch ein wenig nach der bekannten Nutztierwelt.

Die Begrüßung war schnell zu Ende. Bei der Anrede Durchlaucht winkte der Prinz huldvoll. Am Vorstandstisch passte eine schmucke Deern auf, deren Eltern rein stolz auf ihr Töchting waren. Die vergaß aber, dem Prinzen Soße zu geben, …he har blot dröge Kantüffeln. Dor bölkt di avers de Frau von Buer Hinnak över den Disch: Herr Prinz wüllt nich ok noch een beten Schüh? Durchlaucht schmusterte, er bekam seine Soße. De seute Uppasser-Deern kam mit dem Stipperspott in ihren Händen. Doch de Krögers hatte den aufgelegten Tanzboden zu stark gebohnert! Pardautz, de Deern stöter di över dee eegenen Been avers de Stipperspot den har fast twischen ehr Haan. Der Deern aber war der erste Applaus an diesem Abend sicher.

Die Flüchtlingsfrau ging jetzt an das Piano. Ruhe im Saal. Mit geschlossenen Augen hob sie ihre Hände, die mit gespreizten Fingern auf die Tasten donnerten, Fortissimo! Wagners Walkürenritt ließ grüßen! In den Ställen wieherten die Pferde, brüllten die Kühe und blökten die Schafe. Dann Piano, ein verdeckter Walzertakt. Die Männer zogen genießerisch an ihren Zigarren, die Frauen schunkelten nach dem Takt, und die Tierwelt beruhigte sich.

Die Frau des Vorsitzenden eröffnete den Tanz, und sie tanzte selig mit - wie hieß er noch: Schnittlauch, Zwiebellauch oder Durchlaucht? Ach nee, he weer doch uns Prinz. Der Prinz verschwand um Punkt 12 nach seiner Pflichtkür.

Die Vereinsleute feierten bis in den Morgen, un seilten dann selig nach low oder lee wippend auf ihre Gehöfte ab, nur eine von der Prominenz konnte rein gar nicht mehr laufen, so spielte ihr geliebter, ehemaliger Verlobter den Taxifahrer, das Taxi war nicht bequem, aber sie brauchte nicht zu laufen: Es war des Kröger Schubkarre!

Ich werde wachgerüttelt von einem Geräusch, das sich wie Blumen ausrupfen anhörte. Ich wischte mir noch einmal die Augen, da, ich liege zwischen einer Schafherde und schaue bei den Wiederkäuern in große dunkle Augen. Auf der Elbe ziehen wie früher die Schiffe zur Nordsee, es musste Flut sein. Sie Sonne ging allmählich unter, und die Schatten der alten Weiden wurden immer länger. Da fiel mir ein Volkslied ein, das ich als Kind hier immer bei den Silbernen- und Goldenen Hochzeiten singen durfte:

Ik wull we weern noch kleen Jehan
dor weer de Welt soo groot
we seeten up deen Steen Jehann,
weest noch bi Navers Soot
An Heven seil de stille Moon
we seggen wat he leep
un snacken waas de Himmel hoch
un weer de Soot woll deep.

Weest noch wat still dat wer Jehan
door röhr keen Blatt an Boom
so is dat nu nich mehr Jehan,
ass höchstens noch in Droom,
ok nee wenn dor de Scheeper süng
alleen int wiede Feld
nich wohr, Jehan, dat weer een Ton,
de eensge oop de Welt.

Mit  ünner in de Schummtied,
door ward mi so too Mot,
dat löpt me langs den Rüch soo hit,
as domals bee den Soot,
denn dreih ick mee soo hasti üm
als weer ick nich alleen
doch allens wat ick sünn Jehan
dat is ick stah un ween.

Ich gehe zum Bus und fahre zum Kirchdorf. Beim Servieren des Abendbrotes in dem alten Krog, seeg de Upasserschers: Verdori noch mol too: Du bist doch Rudi? Joo seeg ick up Platt. Versonnen seeg se: Kunst Di noch erinnern up Kinnergrün, dor sind wi jümmers övern Tanzboden seilt. Jo, seeg ick, un de Tanzboden wonem is de nu? Jo, Lütt Rudi, seeg se und wies too de Dör: Nu hept we dor Appartments.

Die Heimfahrt durch die Marsch im hell erleuchteten Bus führte mich wieder in die Realität zurück. Ein schöner Vergangenheitstraum ging zu Ende.