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Frohe Weihnacht 1950

Mutter und ich gehörten zu den Vertriebenen aus den Ostprovinzen, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg im Jahre 1945 im besiegten Restdeutschland herumirrten, gleich Dorfkomödianten, welche kein Bett, Herd, und Heimat mehr hatten, um an den Orten und in den Zelten, in welche sie von den Siegermächten als ungebetene Gäste unkündbar eingewiesen wurden, klagend ihre Tragödien aufzuführen.

Wir hatten in den beiden Zimmern keine Heizung. Der Wirt montierte laut Brandschutzvorgabe die Ofenrohre unserer Kochhexe ab. Wir konnten weder kochen noch heizen. Mutter kaufte von dem wenigen Geld einen elektrischen Schnellkocher, dessen Kochplatte auf einem Kanonenrohr montiert war. Diese Platte heizte und wir konnten auch darauf kochen.

Mutter war von der Gemeinde als Flickschneiderin eingestuft. Als sie vom Schloss als solche angefordert wurde, merkte Ihre Durchlaucht, dass Mutter eine Modistin war und statt Flicken elegante Kleider entwerfen und nähen konnte. Durchlaucht wurde ihre beste Kundin.

Während des herumreisenden Komödiendantendaseins besuchte ich verschiedene Dorfschulen und wurde aus der einklassigen Dorfschule mit einem mir heute noch nicht verständlichen Zeugnis in die große Welt entlassen.

Allmählich wuchs ich aus den Anzügen, die ich vor der Aussiedlung fürs Internat bekam, heraus. Internat war nun nicht mehr, denn mein Vater war als Offizier in russischer Gefangenschaft zu Zwangsarbeit verurteilt. Ein Schneidermeister aus der Nähe von Uetersen hatte Erbarmen mit mir, und so erlernte ich das Damen- und Herrenschneiderhandwerk. 

Es war Heiligabend. Trotzdem schrubbte ich als Schneiderlehrling die Werkstatt, während Frau Meistern daneben stand und aufpasste, dass ich die grüne Seife ordentlich auf den Fußboden verteilte, denn in der Woche vorher musste sie alles nachwischen, da sie beinahe auf dem schmierigen Fußoden ausgerutscht war.

Nach der Fußbodenkosmetik bekam ich die hellgrüne Joppe geschenkt, an der ich eine Woche gearbeitet hatte. Mein Weihnachtsgeld betrug 10,-- DMark10 DM Schein von 194821. Juni 1948 bis 31. Dezember 2001
Die Deutsche Mark (abgekürzt DM, umgangssprachlich auch D-Mark oder kurz Mark, im englischsprachigen Raum meist Deutschmark) löste am 21. Juni 1948 in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands und drei Tage später auch in den drei Westsektoren Berlins durch die Währungsreform 1948 die Reichsmark als gesetzliche Währungseinheit ab.Bild links: 10 DM-Schein von 1948
, davon kaufte ich für 3,-- DMark meiner Meisterin einen Strauß zur Weihnacht.

Durch die Wischerei hatte ich meine Bahn verpasst. Ich hatte zwei Stunden Aufenthalt in Uetersen. Die sich täglich wiederholende Reise war ein Erlebnis. Von Tornesch, wo meine Lehrstelle war mit der Kleinbahn - Emma genannt - nach Uetersen. Dann mit dem Bus auf Rundkurs in das kleine, an der Elbe gelegene Marschdorf, wo wir wohnten. Am Morgen hin und am abends zurück.

Ich wanderte durch Uetersen und sah hinter gepflegten Fenstern in Wohnungen, die hell erleuchtet waren, festlich gekleidete Menschen. Die Tür der Klosterkirche war offen, hier wärmte ich mich auf.

Erinnerungen an zu Haus in Schwerin kamen auf. Die große Wohnung, der elegant gedeckte Tisch, Christkohl wurde von Martha serviert, der große Weihnachtsbaum, die edlen Geschenke, die festlich erleuchtete Kirche, wie die, in der ich saß.
Der Organist spielte Weihnachtschoräle.
 
Ich flüchtete in den Abend. Die Schuhe mit den kaputten Sohlen zogen Wasser. Ein Weihnachtsbaumhändler rief, Na Junge, willste den letzten Baum für 50 Pfennige haben? Ein kleines schiefes Bäumchen schaute mich an. Ich kaufte es.

Es wurde Zeit, zum Bus zu gehen. Welch eine Überraschung! Die Baronin aus dem Baltikum, nicht reicher als wir im Moment, stand an der Haltestelle. 

Weihnachten war vergessen, wir sprachen über Dostojewski und Bergengrün. Ich bedankte mich noch einmal für die geschenkten Bücher. Wir stiegen ein, ich legte meine Tanne in das Gepäcknetz des Busses. Am nächsten Halt stieg ein Ehepaar zu. Vor uns war noch Platz. Die Dame trug einen edlen langhaarigen Pelz, wahrscheinlich Chinesischer Steppenwolf, wir lästerten: China Wau Wau.

Mein Dorf! Ich riss meine Tanne aus dem Gepäcknetz und eilte nach Hause. Mutter erwartete mich. Den Tannenbaum hängten wir an einen Lampenhaken an die Decke in dem nicht heizbaren Zimmer, in dem ich schlief. Sein einziger Schmuck war die erste Karte, die Vater aus Rußland schreiben durfte.

Wenn ich zum Fenster wollte, musste ich immer unter dem Baum durchkriechen. Unser Festmenü waren Heringe aus der Dose und Muskartoffeln. Und danach Pudding. Mutter hatte mir von dem gemeinsam ersparten Geld einen Sprachbrockhaus geschenkt, den ich heute noch besitze.

Vom Schloss aber hatte Mutter eine große Kiste mit herrlichem Naschwerk bekommen, und am ersten Feiertag waren wir bei lieben Bauern eingeladen. Es war dennoch ein schönes Weihnachtsfest.

An einem Tag im Januar darauf traf ich die Baronin wieder. Sie lachte herzlich. Sie sagte, Als du ausgestiegen bist, hat deine Tanne so genadelt! Diesen Nadelregen hat die Dame vor uns nicht nur auf ihren Pelzmantel und eleganten Hut bekommen, sondern auch in den Nacken, was nach dem Ton, den sie von sich gab, besonders gekitzelt haben muss! Aber sie war nicht böse.

Seit dem habe ich keine Tanne mehr in einem Bus befördert.