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Träumereien am bullernden Kachelofen

Als Liebhaber der Musik von Richard Strauss lege ich mir oft an verschneiten Wintertagen eine meiner Lieblingsplatten mit dem Titel Till Eulenspiegels lustige Streiche auf. In dieser Sinfonischen Dichtung, die ich als Humoreske verstehe, lösen sich ernste wie auch fröhliche Streiche am Ende musikalisch in herzliches Gelächter auf und entführen mich mit meinen Erinnerungs-Gedanken in die Zeit meiner Kindheit.

Geliebtes, kuscheliges, verschneites Kleinstadtnest im Winter. Das trockene Holz knackte im bullernden Ofen. Die Wohnung roch nach Bratäpfeln aus der Ofenröhre. Über den Markt glitten die Pferdeschlitten mit ihrem Schellengeläut. Wir Kinder glitschten über das gefrorene Wasser des glatschen Rinnsteins, und jauchzten, wenn die alte braselnde Hauswirtin uns mit einer Ladung Ofenasche unter ihren Fenstern vertreiben wollte.

Wenn im Esszimmer Mutters Kaffeetisch mit edlen Sammeltassen gedeckt war, begann die Zeit der Kaffeekränzchen, von Vater spöttisch Blutgericht genannt.
Mutter war voller Erwartung. Während sie liebevoll die Pyramiden mit preußischen Beerdigungs­kuchen aufbaute, bekam ich alle Benimmregeln vorgeleiert.

Jetzt kam das Blutgericht. Vaters Meinung dazu war, ...das schmackhafteste Gewürz zu jedem Kaffeeklatsch ist und bleibt nun mal der Tratsch.

Obwohl die Seal-Bisam-Mottenpfiffis noch auf halber Schulter hingen, begann das edle Ritual zu klingen:

Pst – leise – es erklingt des Tratsches Weise.

Nein das müssen Sie gesehen haben, wir sind dem Fräulein Kurz beim Dreideln übern Markt begegnet. Der tschitscheringriene Rock - kürzer geht es beim besten Willen nicht! Und diese Stiefel - einmalig. Das hat Schuhmarken gekostet!

Die Nachfahrin des klugen Schiffers ließ sich entschuldigen.
Weshalb nennt man die klug?
Die Vorfahren hatten einen Kahn für Getreide. Der Getreidehändler unserer Stadt ließ immer bei diesem Schiffer das Getreide transportieren. Damals gab es noch die von holländischen Siedlern gebaute Holzbrücke in der Stadt. Wir hatten keinen Hafen, sondern nur eine Ablage. Es war Sommer und die Warthe flach, dies hatte der Schiffer bei der Beladung nicht überlegt. Der Getreidehändler erkannte die Überladung von der Brücke.
Er schrie: Mein lieber Schiffer, Sie haben Ihren Kahn überladen.
Dessen Antwort: So, wie ich geladen habe, komme ich bis Amerika!
Als er die Brückendurchfahrt passiert hatte, sackte das Schiff ab und lag auf Grund.
Der Getreidehändler schrie von der Brücke:
Nu kluger Schiffer, ist das Amerika?
Seither nennen die Ackerbürger dieser Stadt die Familie die klugen Schiffers!

Na wo hamse denn das Likörchen noch her?
Als wir kamen begegneten wir unserem Probst. Prost auf unsern Probst!
Er trinkt in der Marktgaststätte immer mittags seinen Roten. Unser Probst ist für Katholiken und Protestanten eine Institution in unserer Stadt.


Ach übrigens, Ihr Streuselkuchen ist hervorragend! Meiner ist immer een bisschen glubberich.
Auf mich gerichtet: Bengel iss doch!
Aber gnädige Frau, ich esse doch!
... nein du frisst! - Lachen.

Ja meine Lieben, sprach die Witzige, bei einer der Fronleichnamsprozessionen, die bis 1939 um den Markt stattfanden, marschierte erst die Musikkappelle, dann der Fahnenträger. Dahinter schritt der Probst unter einem Baldachin, der von Ministranten getragen wurde, und zum Schluss kam die Gemeinde. Der alte Fahnenträger ließ die Fahne immer mehr sinken. Der Probst rief mit lauter Stimme: ...die Fahne hoch!, worauf die Kapelle den zweiten Teil der Nationalhymne kurz intonierte. Die Donnerstimme des Propstes führte die Kapelle zum Choral zurück.

Echter Kaffee! Von Weihnachten gespart, was?
Immer, wenn ich durch den Garten des Konzerthauses zum Friedhof gehe, sprach die Dame mit der Entwarnungsfrisur, muss ich zum Fenster des Operationssaales des Johanniterkrankenhauses hinaufschauen. Brennt im Operationssaal Licht, wird wieder einer unserer Bürger operiert.
Erinnern Sie sich noch, meine Lieben?
Es war die Tochter eines unserer beliebten Hausärzte, der in Flussnähe wohnt. Das arme Kind hatte eine Haarnadel verschluckt. Es kam sofort ins Krankenhaus. Doch bei der sofortigen Operation fand man keine Haarnadel. Als das Mädchen wieder genesen war, sagte es, dass die Nadel vor der Operation auf natürlichem Wege durch Erbrechen herauskam. Das war ein Tratschen in der Stadt!


Kennen sie die Sache mit dem Pulverkuchen?
Alle horchten auf, nur Mutter lachte.
Seitdem die Berliner Tante des Drogisten in der Poststraße bei seiner Mutter wohnt, müssen sich die beiden eine Küche und einen Küchenschrank teilen. Die linke Schrankhälfte ist für die Tante aus Berlin, die rechte Schrankhälfte für die Mutter des Drogisten.
Die Berlinerin will Löcher in ihrem Zimmer vergipsen, kauft Gips und stellt die Tüte in die Schrankhälfte ihrer Schwägerin – aus Versehen! Die Mutter des Drogisten will einen  Geburtstagskuchen backen, besorgt sich alle Zutaten zu einem ‚Abgeriebenen’ (Pulverkuchen), kauft Mehl und stellt dieses in die Schrankhälfte ihrer Berliner Schwägerin.
Gesagt – getan!
Die eine vergipst die Löcher und wundert sich, dass der Gips nicht hart wird, die andere nimmt die Gipstüte und schüttet den Inhalt in den angerührten Kuchenteig.
Dann füllt sie die Kuchenform damit.
Das Ende vom Lied, der Abgeriebene war steinhart!

Das muss ja ein Schreck gewesen sein, rief eine der Damen!

Jetzt sagte meine Mutter: Es handelt sich um die Tanten meines Mannes. Zuerst erschien die eine bei mir und dann die andere. Deren Krakeelerei war noch übern Markt zu hören, ich hatte die Fenster offen. Wir haben dann bei mir gemeinsam einen neuen Kuchen gebacken, und der Geburtstag war gerettet!

Mutter, darf ich erzählen, wie sich mein Freund und ich in einem der Särge im Sargkeller der Tischlerei seines Vaters versteckt haben?

Nun ist aber genug, hier haste fünf Groschen, kauf dir ‚Vybert’ dafür!

Ich rase die Treppen runter, die Gasthauswirtin steht am Fenster, lacht, winkt!

Schleppschuh, komm uff ne Husche rein, die ham genug von dir, Lausebengel. Willst nen Heißgetränk?

Nur wenn Se mer danach nich zum Heringsbändiger hinters Rathaus Heringslake holen schicken.

Nee heute nicht! Der Gast hat keene Halsschmerzen mehr! Setz der zu uns uff de Ofenbanke. Neben de Schwester vom Brückenwärter. Na, haster lange keene Bonchens mehr gekooft, und warste schon uff de Brücke? De Warthe is zujefrorn, aber hüpp mir nich über de Schollen, sonst brichst de mer noch ein.

Tu ich auch nicht, Muttern hat’s verboten!

Schleppschuh, ruft die Wirtin, du kannst zu Muttern, de Gesellschaft geht.
In dem Moment steht meine Mutter in der Tür, um mich abzuholen.

Der letzte Paukenschlag aus Till Eulenspiegels lustigen Streichen reißt mich aus meinen Kindheitsträumen.
Ich schließe das Buch der Erinnerungen an meine Kindheit aus der ersten Hälfte der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts in meinem geliebten Kleinstadtnest.

Mir fällt ein Zitat des polnischen Satirikers Antoni Marianowicz ein. Ich hab es ein wenig verändert:

Schön war die Wohnung, die unsere Ahnen einst bekamen
von den Königen der edlen Polanen.
Viel Raum und Sonne, ein Fenster zum Schauen hinaus
und fließendes Wasser, die Warthe vorm Haus.
Doch wie die Mieter immer sagen,
leider nicht in einer der besten europäischen Lagen