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Das Kriegsende in Hamburg

Anfang des Jahres 1945 war ich aus all den KLV-Lagern zurück. Es gab damals eine weiterbildende Schule für die Lehrerausbildung, die von den Nationalsozialisten eingerichtet war, die sogenannte Lehrerbildungsanstalt. Dort bewarb ich mich und bestand auch die Aufnahmeprüfung. Unterkunft hatte ich bei meiner Schwester in der Sternschanze (seinerzeit eine ganz normale Wohngegend), die dort ein Zimmer zur Verfügung gestellt bekam. Als es im April mit der Schule weitergehen sollte, nachdem wir gar nicht mehr aus dem Luftschutzkeller herauskamen, standen die Engländer vor Hamburgs Toren. Das öffentliche Leben fand zwar immer noch statt, d.h. die Bahnen fuhren und einige Theater veranstalteten sonntags Matineen. So erinnere ich mich genau an den Tag, als ich an einem Sonntagmorgen im Schauspielhaus Goethes Faust zu sehen bekam und anschließend mit der S-Bahn nach Hause fahren wollte, als der Bahnsteig von englischen Tieffliegern beschossen wurde und die Passagiere alle auf dem Boden lagen, um sich zu schützen, ich natürlich auch. Die Flieger hatten es ja nicht mehr weit und sie hatten freie Sicht, da die Kuppel vom Hauptbahnhof längst entzwei war. Es hieß auch, die Stadt sollte bis auf das letzte Haus verteidigt werden, deshalb wurden Straßensperren aus allerlei Gerümpel hergestellt, jedoch hatte unser damaliges Stadtoberhaupt (Kaufmann) sich dem widersetzt und Hamburg zur offenen Stadt (das bedeutete, dass für die gegnerischen Truppen freie Einfahrt gewährt wurde, sodass sie keine kriegerischen Handlungen zu befürchten hatten.) erklärt.

Alle Hamburger bekamen noch einmal eine größere Ration Lebensmittel und jedes Mal bei Alarm schleppten wir in Koffern und Körben diese nebst anderer wichtiger Habe mit in den Schutzraum. Wir wohnten im vierten Stock und das Haus war durch die vielen Angriffe schwer mitgenommen. Die Fenster hatten schon lange kein Glas mehr, sie waren durch sogenanntes Rollglas ersetzt, so dass kein Regen durchkam, die Kälte hatte jedoch freien Zugang. In der Küche hing die Decke zum Dachboden halb herunter und es kam vor, dass wir schon mal eine Maus von oben zu Besuch hatten, die durchgefallen war. Die Bevölkerung hing nur noch am Radio, denn über den Drahtfunk wurde sie von dem neuesten Stand der Dinge unterrichtet. Papa Gnädig (so nannten wir den damaligen Ansager) hielt uns auch während der Fliegerangriffe auf dem Laufenden, wo Bomben gefallen waren, wie viele Flugzeuge im Anflug waren und welche Richtung sie einschlugen. Dann endlich kam die erlösende Nachricht, dass Hamburg kapituliert hat; endlich hörte es mit den ewigen Fliegerangriffen auf. Die Bevölkerung hatte absolute Ausgangssperre. Da wir aber im 4. Stockwerk einen Balkon hatten, konnten wir von dort aus die ersten Panzer und Autos der Engländer einfahren sehen. Gegenüber unserem Haus war ein Sportplatz und dort sammelten sie sich erst einmal.

Es war den Tommys jedweder Kontakt mit dem Volk verboten, sodass eine Totenstille herrschte. Sie fuhren mit ihren Wagen durch die Straßen und per Lautsprecher teilte man uns dann mit, wie wir uns zu verhalten hatten und die englischen Soldaten fragten persönlich in jeder Wohnung nach eventuellen Waffen, aber sie verhielten sich absolut korrekt. Ein früherer Nachbar von uns hatte meiner Schwester eine kleine Pistole gegeben, falls sie sich irgendwann einmal verteidigen müsste. Diese haben wir aus lauter Angst im Blumenkasten auf dem Balkon vergraben, wo sie wahrscheinlich irgendwann verrottet ist. Ab da hatten wir zwar nachts Ruhe, aber mit der Versorgung war es sehr dürftig bestellt. Strom- und Gas wurden nur stundenweise geliefert. Die ersten Tage hielt die absolute Ausgehsperre 24 Stunden an, dann galt diese für eine geraume Zeit ab 19 Uhr bis zum Morgen. Die zuvor ausgegebenen Lebensmittel waren schnell verzehrt und die Lebensmittelmarken, die wir bekamen, deckten den Bedarf nicht im Geringsten. Es begann eine Hungernot ohnegleichen. Der Schwarzmarkt erblühte und die Hamsterfahrten zu den umliegenden Bauern nahmen ungeahnte Formen an.

Inzwischen nahm meine Schwester auch noch meine Mutter zu sich und wir bekamen vom Wohnungsamt ein weiteres Zimmer in der Wohnung zugesprochen. Da es aber kein Heizmaterial gab, spielte sich das gemeinsame Leben, einschließlich der Tochter der Vermieterin, die ein weiteres Zimmer in der Wohnung bewohnte, fast alles in der Küche ab. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde im Küchenherd verbrannt und wenn gegenüber im Bahnhofsrestaurant Kohle geliefert wurde (ganz begrenzt), fielen die umwohnenden Leute darüber her und stahlen diese. Genauso war es mit den Kohlezügen auf den Geleisen. Die Güterwagen mussten an der Sternschanze langsam über die vorhandene Brücke fahren und die Menschen sprangen auf die fahrenden Züge, füllten ihre mitgebrachten Säcke, schmissen sie den unten wartenden Angehörigen zu und sprangen, wenn der Zug sich beschleunigte, wieder ab. Es gab nur ein Thema unter den Menschen: Essen, Trinken und die Kälte.

Der Winter 1947/48 war besonders hart und da wir keine Federbetten, nur Wolldecken besaßen war am Bezug der obere Rand total vereist infolge des gefrorenen Atems. Trotzdem spielte sich das Leben ein. Wenn zuerst Strom und Gas nur stundenweise geliefert war, so wurde dies mit der Zeit gelockert und auch die strikte Isolierung der Bevölkerung zu den Siegermächten. Inzwischen funktionierte das Radio auch wieder. Ich höre heute noch die Ansage: HERE IS RADIO HAMBURG; THE STATION OF THE ALLIERT MILITARY GOUVERNEMENT. Die Hamsterfahrten zu den Bauern nach Vierlanden und ins Alte Land fanden nach wie vor statt, nur mussten wir ja über die Elbe mit dem Schiff und man konnte Pech haben, dass uns alles bei einer Kontrolle abgenommen wurde, denn eigentlich waren Hamsterkäufe verboten, was auch mir manchmal passierte. Meine Mutter nähte aus allem, was sie finden konnte, Kleidungsstücke, z.B. aus meiner BDM-Uniform (Kletterweste genannt) machte sie kleine Jungshosen und ging damit über Land, um Kartoffeln, Speck und Eier dafür einzutauschen. Man erzählte sich damals, dass die Bauern ihre Ställe schon mit Perserteppichen und wertvollen Gemälden ausstatteten, weil die Städter alles für Lebensmittel bei ihnen eintauschten. Die Bauern selbst mussten ihre Erzeugnisse natürlich auch an die Siegermächte abliefern, aber es verblieb ihnen doch einiges mehr und sie schlachteten natürlich auch schwarz auf eigene Gefahr, denn es wurde streng bestraft.

Für uns persönlich begann dann eine gewisse Zeit der Erleichterung, denn die Auslandskorrespondenz wurde gestattet und nachdem Amerika für das hungernde Deutschland eine Organisation errichtet hatte, wurden CARE-Pakete geschickt und von dem neutralen Schweden eine Schulspeisung eingerichtet, sodass die Schulkinder wenigstens etwas mehr zu essen bekamen. Unsere Familie hatte Verwandte in den USA (der Bruder meiner Mutter hatte im ersten Weltkrieg die Hungerjahre mitgemacht) und er schickte uns unzählige Pakete, die wir jeweils vom Zoll abholen mussten. Darin befanden sich dann Lebensmittel und Stoffe, da mein Onkel eine große Schneiderei hatte. Eigentlich waren Zigaretten zu schicken verboten, aber mein Onkel hatte sie in große Dosen eingeschweißt, sodass sie fast wie Schmalz zum Inhalt aussahen. Es gab zu der Zeit eine ungeschriebene Zigarettenwährung in Deutschland (pro <Ami->Zigarette 10 Reichsmark) wofür meine Mutter auf dem Schwarzen Markt alles Notwendige tauschen konnte, sie durfte nur nicht in eine Razzia geraten. So wurde von ihr z.B. feiner Kupferdraht eingetauscht, womit die dauernd durchgeknallten Sicherungen von mir als Teenie, von jeder Sachkenntnis ungetrübt, geflickt wurden.

So ging das jahrelang, immer etwas besser, bis wir 1949 eine eigene Wohnung bekamen.