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Kultur

Als Hamburg nach dem unseligen Krieg allmählich aus seiner Agonie erwachte, lag die Stadt zwar in Trümmern und der Hunger beherrschte das Alltagsleben, aber der Hunger nach Kultur brach sich in den Menschen um so stärker Bahn. Die Siegermächte brachten auch eine Menge Neues, was in der Nazizeit verboten war, z.B. die Öffnung zur Literatur aus aller Welt, neue Theaterstücke und Kulturwerke aus der Malerei, die vorher als entartet galten. Das erste Mal, dass wir mit dem Namen Hemingway und zahlreichen Büchern von Juden und Gegnern des Nationalsozialismus, die ihre Werke in Deutschland nicht veröffentlichen durften, obwohl sie in ihrer Muttersprache geschrieben waren, konfrontiert wurden.

Theater wuchsen in allen möglichen Gegenden, sofern die Gebäude stehengeblieben waren, in Hamburg heran. Die Musikhalle (heute Laeisz-Halle) wurde von den Engländern sofort beschlagnahmt und es gab für sie ihre Musik: Jazz und Swing, woran wir uns erst gewöhnen mussten, denn vorher war diese Art von Musik verpönt, und das in den heil’gen Hallen der Musikhalle, wo eigentlich nur klassische Musik zu Hause war. Später war es der deutschen Bevölkerung auch erlaubt, diese und andere Konzerte zu besuchen und ich habe es erlebt, dass die Hamburgische Staatsoper dort ihre Aufführungen machte, da ihr Haus ausgebombt war. Weil es den Fundus von Kostümen und Kulissen nicht mehr gab, traten die Schauspieler nur in ihren jeweiligen Rollen als reine Gesangssolisten auf. Erst 1946 hatte man in den Kellerräumen der Staatsoper eine Bühne so weit wieder hergestellt, dass die Opern in der ursprünglichen Art aufgeführt werden konnten. Die erste Oper, die ich in den neuen Räumen zu sehen bekam war Carmen, die von einer ältlichen Diva aus der Vorkriegszeit dargestellt wurde. Dann folgte Figaros Hochzeit.
Das erste Konzert, das ich im November 1945 im Broadcasting House hörte, war ein Sonderkonzert von Ferry Gebhardt, ein Klavierabend.

Später gab es dann die Matthäus Passion unter Leitung von Eugen Jochum sowie Der Messias von Händel und im Dezember 1946 die H-Moll Messe von Bach unter Leitung von Manfred Mentzel und die Wiener Sänger-Knaben zu Weihnachten als Gäste.
Da das Schauspielhaus auch stark beschädigt war, verfügten sie als Auswegtheater über das Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof. Dort gab es unter anderem Iphigenie auf Tauris von Goethe, Hamlet und Der Sturm von Shakespeare, wobei die bekannten Schauspieler wie Maria Wimmer, Hilde Krahl, Werner Hinz, Wilhelm Kürten und Will Quadflieg mitwirkten, ferner eine Gemeinschaftsaufführung vom Deutschen Schauspielhaus, dem Thalia Theater und den Kammerspielen Der Widerspenstigen Zähmung.
Das Thalia Theater, welches den Bomben nicht zum Opfer gefallen war, brachte – für uns damals eine Sensation – eine griechische Tragödie in ganz moderner Form, von Jean Anouilh Antigone, die Stücke von Ibsen Gespenster und Nora, sowie Don Carlos von Schiller und Der Kreidekreis von Brecht.

Dann waren da noch die Kammerspiele, in dem das erste Stück von Wolfgang Borchert Draußen vor der Tür uraufgeführt wurde, ferner sahen wir in dem Theater Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden und Wir sind noch einmal davon gekommen von Thornton Wilder. Seltsamerweise war für das Bühnenbild Helmut Käutner zuständig, der noch für die verschiedensten Theater als Regisseur wirkte.
Die angeführten Aufführungen und viele andere mehr habe ich mir angesehen und angehört, nicht umsonst liegen die zahlreichen Programme in primitivem Druck bei mir zu Hause, und auf jedem Programmzettel steht der Aufdruck: Mit Genehmigung der Militärregierung.

Auch das plattdeutsche Theater, das Ohnsorg-Theater oder später die Niederdeutsche Bühne öffnete ihre Tore mit der berühmten Heidi Kabel, die das Aushängeschild für das Theater wurde.

Nicht allein auf dieser Kulturebene begann das Leben seinen Tribut zu fordern. Da gegen Ende des Krieges jeglicher Tanz in der Öffentlichkeit verboten war, eröffnete im Herbst 1945 die erste Tanzschule in der Rothenbaumchaussee ihre Pforten und alle jungen Leute strömten dahin. Natürlich wurde das Lernen der modernen Gesellschaftstänze wie Foxtrott, Tango und Slowfox angeboten, aber auch der gute alte Walzer. Bedingung an der Teilnahme von Kursen, war, dass jedes Mal zur Tanzstunde zwei Briketts mitgebracht wurden, da auch dort Kanonenöfen aufgestellt waren. Die armen jungen Männer schwitzten teils in ihren umgefärbten Uniformjacken, da sie geradewegs aus dem Krieg kamen und nichts anderes anzuziehen hatten. Die klobigen Stiefel und Schuhe machten sich beim Tanzen auch nicht besonders elegant aus und der Tanzlehrer hob sich in seinem Smoking von seinen Schülern ganz erheblich ab. Er sah es gar nicht gern, wenn sein wertvoller Parkett-Fußboden mit den Knobelbechern verdorben wurde, aber was half es, die jungen Menschen hatten eben nichts anderes und sie waren zum größten Teil auch ausgebombt. Das größte Fest, welches wir erlebten, war der Abtanzball in den abenteuerlichsten Kleidungsstücken und bei Heißgetränk undefinierbarer Herkunft.

So wurde die Kulturszene in Hamburg wieder belebt.